30 Jahre Stadtfotografie
Kirchner besuchte die „Werkstatt für Fotografie“ in Kreuzberg, dann machte sich der Philologe als Fotograf und Autor selbstständig. Nach 1989 hat er seine fotografische Stadtforschung auf den Ostteil ausgedehnt und nun ganz Berlin im Fokus. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, macht Kirchner Notizen, fotografiert digital und kommt gegebenenfalls später mit der schweren Plattenkamera wieder. Dem Umbau des Zentrums in Berlin-Mitte hat er kürzlich ein ganzes Buch gewidmet: „Schauplatz Berlin“ zeigt, wie ganze Straßenzüge ein neues Antlitz erhalten haben und die Spuren des alten Berlin ausradiert wurden.
Kirchners Blick für bizarre Orte wird in seiner Serie von der „Rattenburg“ in Tempelhof deutlich. Im Volksmund immer noch nach der berüchtigten Bar mit Tabledance benannt, liegt das Gebäude in einem Dreieck aus Teltowkanal, A102 und der Gottlieb-Dunkel-Straße gefangen und trotzt den ihm zu Leibe rückenden Tangenten. Ein Solitär vor einer extremen Geräuschkulisse, der Einsamkeit und Endstation signalisiert. Die Serie ist jetzt im Tempelhofer Museum zu sehen. Zeitgleich zeigt Kirchner eine Ausstellung im Rathaus Tempelhof, die sich stärker auf das Berliner Zentrum konzentriert.
Auch hier gelingt es ihm, die Risse im Stadtbild, das Aufeinanderprallen verschiedener Codes und Funktionen aufzuspüren und zu fixieren – genauso wie die Geschichtsvergessenheit, die aus der Präferenz für die Ökonomie rührt. Der museal konservierte Grenzturm wirkt inmitten der neuen Gebäude am Leipziger Platz wie eine billige Filmkulisse. Die Curry-Wurstbude vor der nach Egon Eiermanns Plänen 1961 erbauten neuen Gedächtniskirche zeigt den Triumph von Alltag und banalen Bedürfnissen über den Ort der Besinnung. Die Flottwellstraße in Tiergarten, Schnittstelle zwischen Brache und Entwicklungsgebiet, ist für Kirchner eine Zone der Peripherie. Erste Opfer für eine andere Zukunft wurden bereits erbracht, der Club 90 Grad wurde kürzlich abgerissen. André Kirchner hat ihn noch rechtzeitig fotografiert und somit für die Nachwelt erhalten.
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