Berlin-Wahl 2011: DIE PARTEI
Hip-Hopper und Politiker haben eigentlich nicht viel gemeinsam – außer, dass sie dicke Schlitten fahren. Sie kleiden sich anders, sie reden anders. Was aber passiert, wenn Hip-Hopper Politiker werden? Nico Seyfrid und Maxim Drüner von der Berliner Rap-Band K.I.Z. kandidieren für die Partei „Die Partei“. Eine andere Partei käme nicht in Frage, sagen sie.
„Die Partei“ wurde 2004 vom ehemaligen Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ Martin Sonneborn gegründet. Von Politikwissenschaftlern wird sie als „Spaßpartei“ (nicht zu verwechseln mit der FDP) kategorisiert, die das klassische Politikgeschehen parodiert. Trotzdem tritt „Die Partei“ immer wieder zu Wahlen an, konnte aber, sofern sie zugelassen wurde, bislang keine Mandate holen.
K.I.Z. gehören seit fünf Jahren zum Berliner Hip-Hop-Establishment. In ihren Texten überhöhen die vier Rapper gnadenlos die Codes des Genres („Mein Schwanz ist so lang, ich brauch’ ne Fernbeziehung“) und sprechen so ein breites Spektrum verschiedenster Zielgruppen an. Das Feuilleton der „Zeit“ adelte die Band ebenso wie die Punk-rocker Die Ärzte. Als Sido im vergangenen Jahr zum Unplugged-Auftritt ins Märkische Viertel einlud, waren K.I.Z. Ehrengäste.
5. Etage des Universal-Gebäudes, Blick auf die Spree. Seyfrid trägt ein Anti-Nazi-T-Shirt, auf Drüners T-Shirt steht: „Du bist kein Berliner“. Kaffee, Zigarette, es kann losgehen.
Sie kandidieren für „Die Partei“ im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg. Warum?
Drüner: Ich war im Festsaal Kreuzberg bei einer Lesung von Martin Sonneborn. Ich hatte vorher Antibiotika genommen und drei Gläser Weißwein getrunken. Ich war betrunken und habe etwas unterschrieben. Irgendwann kam eine Mail von Dustin Hoffmann …
Seyfrid: … der heißt wirklich so. Das ist der stellvertretende Landesvorsitzende der „Partei“ in Berlin.
Drüner: Der meinte: „Hey, willst du nicht kandidieren?“ Dann meinte ich: „Ja, klar.“ Ich bin ja Titanic-Leser, und Nico findet das auch alles super.
Und nun machen Sie klassische Parteiarbeit und führen abends bei Bier stundenlange Grundsatzdiskussionen?
Seyfrid: „Bislang hat man noch nicht so viel von uns gehört, weil wir mit unserem neuen Album beschäftigt waren. Wir haben nur ein paar Unterschriften gesammelt, damit wir als Direktkandidaten für unseren Wahlkreis antreten dürfen. Und wir haben mit Sonneborn Fotos gemacht. Wir verfahren bisher nach dem Prinzip von Pornodarstellern, die für die NPD kandidieren. Oder so wie Brigitte Bardot bei der Front National. Wir versuchen jetzt aber, das seriöser anzugehen.
Was sind die primären Ziele der „Partei“?
Drüner: Auf Bundesebene ist es die endgültige Teilung. Deutschland gehört nicht zusammen. Es gibt eine Energie in Deutschland, die will, dass das getrennt wird. Auch in Berlin fände ich eine neue Mauer ganz nett. Das wäre auch für den Tourismus gut. Die Menschen sind immer enttäuscht, wenn sie nach Berlin kommen. Die fragen: „Hey, wo ist Adolf Hitler? Wo ist die Mauer?“
Wenn man sich das Programm der „Partei“ anschaut, dann stellt man fest: außer dem Mauerbau sind die Programmpunkte zutiefst sozialdemokratisch.
Drüner: Die mussten wir reinschreiben, sonst wird man nicht zur Wahl zugelassen.
Sie hätten auch zutiefst christdemokratische Punkte reinschreiben können.
Drüner: Ja. Aber ich denke schon, dass die Mitglieder der „Partei“ eher nette Linke sind. Auf jeden Fall im linken Spektrum angesiedelt. Irgendwas zwischen Grünen und RAF.
So ein bisschen wie Ströbele?
Drüner: Ja, ich bin am 1. Mai auch mit dem Fahrrad herumgefahren.
Wie funktioniert denn Meinungsfindung in der Partei „Die Partei“?
Drüner: In einer Partei, die es sich zum Ziel gesetzt hat, sich einfach über Sachen lustig zu machen, ist das natürlich einfacher.
Seyfrid: Wir haben aber auch einen ähnlichen Humor.
Nehmen wir einmal an, Sie stehen an der Gedächtniskirche unterm „Die Partei“-Sonnenschirm, Flyer in der Hand. Wie überzeugen Sie Wähler?
Seyfrid: „Wir fordern, ein Höchstwahlalter einzuführen. Ab 50 sollte man nicht mehr wählen dürfen, weil man da nur noch schlimme Sachen im Kopf hat.
Drüner: Weil Politik etwas sein muss, das mehr für Erneuerung steht. Wir wollen nach vorne blicken, wir wollen Veränderung. Das Höchstwahlalter wäre ein erster Schritt, um die Politik frischer zu machen. Das würde wieder mehr Sex in die Politik bringen. Das Mindestwahlalter würden wir auf zwölf Jahre senken. Auf das Alter, ab dem man Sex haben kann.
Ist Satire, wie die der „Titanic“, wichtig?
Drüner: Ja, denn ohne Satire ist man schnell bei dem Punkt: Du bist dumm, ich bin schlau. Wenn man dagegen gemeinsam über Dinge lachen kann und danach mit dem, mit dem man nicht einer Meinung ist, einen saufen kann, dann hat das etwas Versöhnliches.
Ist das das gleiche Prinzip nach dem auch K.I.Z funktioniert? Machen Sie politische Musik?
Drüner: Ich weiß nicht, ob man das sagen kann. Bertolt Brecht hat es vielleicht noch hingekriegt, vernünftige politische Songs zu machen. Sonst ist das alles ziemlich öde.
In der Frankfurter Rundschau gab es einen richtigen Leitfaden zu Ihrem letzten Album, der als Argumentationshilfe auch für Eltern dienen soll.
Drüner: Das finde ich Quatsch. Gesellschaftliche Verantwortung finde ich zum Kotzen. Ich habe als Künstler keine gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Ich muss nicht irgendwelche Werte, die sich irgendjemand ausgedacht hat, vertreten oder verteidigen oder Jugendlichen mit meiner coolen Hip-Hop-Musik einpflanzen.
Dennoch werden Sie sich als offizielle Kandidaten ernsthaften Themen stellen müssen. Etwa Jugendgewalt: Vor drei Wochen wurde ein junger Mann am U-Bahnhof Friedrichstraße fast zu Tode geprügelt. Passiert mehr als früher?
Drüner: Da kann man nur mutmaßen. Die Kriminalitätsstatistiken zeigen, dass es eher runter geht. Nur die Berichterstattung steigt. Natürlich braucht ein Staat damit er sich rechtfertigen kann, diese Straftaten …
Was würde helfen? Mehr Kameras auf öffentlichen Plätzen?
Drüner: Das verschiebt die Gewalt in private Räume. Und wie man sieht, hindert das die Schläger nicht daran, anderen in den Kopf zu treten. Das sind Menschen, die handeln wie wahnsinnig. Dass die gefilmt werden, ist denen in dem Moment scheißegal.
Muss das Jugendstrafrecht verschärft werden?
Drüner: Das ist schon scharf.
Der Schläger von der Friedrichstraße wurde freigelassen.
Drüner: Das liegt daran, dass er aus sehr gutem Hause kommt und sein Vater Jurist ist – was der „Bild“-Zeitung vermutlich gar nicht ins Konzept passt. Wenn die Eltern arbeitslos wären, würde das ganz anders aussehen.
Im Parteiprogramm wird von „unbedingter Solidarität“ mit den Alten, Schwachen, Kranken“ gesprochen. Ein recht ernsthafter Themenkomplex für eine Spaßpartei.
Seyfrid: Das, was in der Satzung steht, entspricht schon dem, was wir meinen. Auch, wenn wir an der Ausarbeitung des Parteiprogramms natürlich nicht beteiligt waren.
Hat sich diese Solidarität verringert? Wird nur noch auf den Armen eingeprügelt?
Drüner: Ja, die Armut hat sich verstärkt, gleichzeitig wird das Leben teurer. Aus meiner alten Straße sind vor zwei, drei Jahren hundert Familien oder so nach Spandau gezogen, weil auf einen Schlag die Mieten explodierten. Spandau! Das ist doch gegen die Menschenrechte, da hinziehen zu müssen.
Sie sind in Hermsdorf bzw. Kreuzberg aufgewachsen. War einer von Ihnen Klassensprecher?
Drüner: Ich. Aber nur, weil ich so viel quatschen konnte.
Kann man da Parallelen zur Politik ziehen?
Drüner: Ja, auf jeden Fall. Ich war aber auch immer loyal. Ich habe immer verhindert, dass andere einen Tadel bekommen.
Auf welcher Schule waren Sie?
Drüner: Tiergarten, französische Schule. Ausländeranteil 100 Prozent. Aber Franzosen. Das sind die guten Ausländer. Nicht die, die man meint, wenn man über Ausländer spricht.
Nicht die Ausländer, die Sarrazin meint. Wie wichtig ist die Sarrazin-Debatte?
Drüner: Diskutieren ergibt keinerlei Sinn, wenn man nicht am Ende zu einem Schluss kommt. Der muss überhaupt nicht konstruktiv sein – nicht bei Sarrazin. Der Sinn kann auch sein: „Ist doch alles Scheiße was der sagt!“ Der hat eine menschenverachtende, faschistoide Schreibe. Das würde ich von denen in der SPD, die ihn nicht ausschließen wollen, auch ganz gerne mal so hören: „Wir sind damit einverstanden, dass wir faschistisches Gedankengut in der Partei haben.“ Aber das wird natürlich nicht gemacht. Die Menschen sagen: „Der ist so ein Lausbub. So ein Frechdachs. Der hat schon immer angeeckt.“ Aber das ist Unsinn. Das ist alles nicht lustig.
Angenommen, Sie werden ins Abgeordnetenhaus gewählt, würden Sie das Amt annehmen?
Seyfrid: Es gibt soviel inkompetente Menschen, da kann man sich auch dazusetzen.
Was passiert, wenn Sie plötzlich ernsthaft agieren müssen? Sei es, weil man in der Koalition ist oder weil es ein Themengebiet gibt, an dem Humor scheitert?
Drüner: Entweder man setzt durch, was man denkt. Oder man macht Spaß. Auf so realpolitischen Scheiß haben wir keine Lust.
Könnte es sein, dass „Die Partei“ den Weg der Grünen geht und plötzlich doch in der Realpolitik landet?
Drüner: Nein, da sind wir schlau genug. Wir sind nicht so eine lächerliche Truppe wie zum Beispiel die Piratenpartei.
Warum ist die lächerlich?
Drüner: Einfach zu sagen: „Freiheit für alle“, wie die FDP und die Piraten das machen, das reicht nicht.
Haben Sie politische Vorbilder? Menschen, die lustig waren, aber politisch trotzdem alles richtig machten?
Seyfrid: Gerhard Schröder!
Drüner: Und Andreas Baader. Die beiden hatten einen guten Humor. Schröder der starke Mann, Baader eher der sensible Typ. Zum Kuscheln. Da fehlt eigentlich noch das Scherenschnitt-Shirt bei H&M!
Seyfrid: Diese Kandidatur ist für uns ein Sprungbett nach ganz oben. Nach unserer Laufbahn als Politiker gehen wir dann zu Gazprom, so wie Schröder.
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Kommentare
Zur Not holen wir uns die Mandate auch ohne Wahl. Die PARTEI sitzt jetzt immerhin im Leverkusener Stadtrat: http://www.die-partei.de/2011/05/18/erster-mandatstrager-der-partei/
"Mein Schwanz is so lang ich FÜHR ne fernbeziehung"..erst sagen, dass rapper nichts mit politikern gemein haben und dann auch noch falsch zitieren..rap ist übrigens unter anderem als eine Stimme der Jugend entstanden um politische äußerungen preiszugeben und den leuten seine meinung zu sagen.