Inhaltsangabe
Europa ein Kontinent bei Nacht, eine verdämmernde und gleichzeitig hochangespannte Kultur, ein "Abendland", das sich als Gipfelpunkt der menschlichen Zivilisation sieht und gleichzeitig als Dienstleistungsgesellschaft sehr pragmatisch vor sich hin wuchert: Pulsierende Dienstleistungs- und Wohlstandsgesellschaft, Bollwerk der Sicherheit und Ausgrenzung, urbane Zivilisation, hedonistischer Vergnügungstempel, beflügelt und belastet zugleich von Geschichte, Tradition, Hochkultur. Nikolaus Geyrhalter sieht sich um: Nachtarbeit gegen selbstvergessene abendliche Ablenkung, Geburt und Tod, Feiern und Tanzen, Hoffen und Bangen, Fragen, die im Halbdunkel einer Antwort harren, Sprachengewirr, Nachrichtenroutine und politische Verhandlungen dies alles in Bilder gefasst, deren Detail-Reichtum vielfältig und doch präzise ist. Manche Dinge sieht man in der Nacht klarer.
zitty-Kritik 26/2011
Europa schläft nie. Tief in der Nacht, wenn die meisten seiner Bewohner zu Bett gegangen sind, wird in den neonbeleuchteten Zweckräumen der Staatengemeinschaft unermüdlich weiter entschieden, produziert, gefeiert, überwacht und verwaltet. In seinem Film „Abendland“ hat der Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter die Nachtarbeiter besucht, die den hochtechnisierten Mechanismus am Laufen halten: die Grenzer, die Europa nach Außen verteidigen und die Polizisten, die es im Innern überwachen, die Krankenschwestern und Pfleger, die die Rundumversorgung von der Geburt bis zum Tod gewährleisten und die Postbeamten, die den Kommunikationsfluss nicht abbrechen lassen.
Das Gesamtbild, das die etwa 20 Episoden, die unkommentiert nebeneinander stehen, ergeben, ist düster. Europa erscheint als gigantische Kriegsmaschinerie, wehrhaft nach außen und eiskalt funktional im Innern. In den Szenen schwingt noch etwas anderes mit: ein seltener Respekt des Dokumentaristen vor der porträtierten Realität. Geyrhalter gibt seinen Protagonisten Raum und interessiert sich wirklich für das, was sie tun. So wird jede Episode zu einer faszinierenden Reise in unbekannte Arbeitswelten und zu den zahllosen Schattierungen und Geräuschen der Nacht. Hendrike Bake
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