Inhaltsangabe

Karl D. soll verschwinden. Aus dem Haus, aus dem Dorf, aus der Gesellschaft. Der mehrfach verurteilte Sexualstraftäter hat gerade eine 15-jährige Haftstrafe abgesessen und ist zu seinem Bruder Helmut und dessen Familie gezogen. Er gilt immer noch als gefährlich. Die Nachbarn haben Angst um ihre Kinder und ihre eigene Sicherheit. Jeden Tag stehen sie draußen vor dem Haus und skandieren Parolen wie "Wir wollen keine Kinderschänderschweine!", während drinnen die Familie und ihr Gast sich immer mehr verbarrikadieren. Sie sind gefangen in den eigenen vier Wänden und müssen sich dem Druck von außen widersetzen: den Demonstranten, der lokalen Polizei und sogar dem Jugendamt, das erwägt, Helmuts Sohn aus der Familie zu nehmen.

zitty-Kritik 10/2011

Der Fall des Karl D. erhitzte 2009 bundesweit die Gemüter. Der Sexualstraftäter wird nach 15 Jahren aus der Haft entlassen und gilt immer noch als gefährlich. Karl D. hatte eine 14- und eine 15-Jährige vergewaltigt und brutal misshandelt. Und das nicht zum ersten Mal. Bereits 1984 wurde er wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen zu über fünf Jahren Gefängnis verurteilt.
Der 57-Jährige zieht zu seinem Bruder Helmut, der mit Frau und Sohn in einem Dorf in der Nähe von Aachen wohnt. Das Haus von Helmut D. wird rund um die Uhr von der Polizei observiert. Die Dorfbewohner demonstrieren täglich lautstark vor dem Haus und fordern nachträgliche Sicherheitsverwahrung. Helmut D. hingegen stellt sich schützend vor seinen Bruder, für ihn eine Selbstverständlichkeit. Doch der Druck auf die Familie, die sich im Haus verbarrikadiert hat, nimmt zu; sie droht an den Anfeindungen zu zerbrechen.
Die Filmemacherinnen Mareille Klein und Julie Kreuzer unternehmen den Versuch, den Fall zu dokumentieren, indem sie beide Seiten zu Wort kommen lassen, ohne Partei zu ergreifen. Ein Jahr lang begleiteten sie sowohl die aufgebrachten Bürger als auch die Familie D. mit der Kamera. Dabei geriet das Filmteam selbst zwischen die Fronten, spätestens dann, als die Situation im Dorf zu eskalieren drohte. Einige Frauen spalten sich von den protestierenden Bürgern ab, weil sich deren Hass zunehmend gegen den Bruder und nicht mehr gegen den Täter richtet. Die Frauen, die selbst Opfer sexueller Gewalt geworden sind und deren Peiniger nie zur Rechenschaft gezogen wurden, suchen das direkte Gespräch zu Helmut und Karl D.
Der Film verzichtet auf jegliche Kommentierung, ist sehr nah dran an den Protagonisten beider Seiten und lässt nur diese zu Wort kommen. Der Dokumentarfilm beschreibt den Umgang mit rechtsstaatlichen Mitteln sowie deren Auswirkungen auf das konkrete Zusammenleben. Kameramann Gero Kutzner findet dafür zuweilen starke Bilder, beispielsweise wie Karl D. im Hof des Bruders mit dessen Hund umgeht. Was bleibt ist die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen ist, dass Karl D. weitere Verbrechen begeht. Der Kinostart wird die Debatte um die Sicherheitsverwahrung von Sexualstraftätern sicher erneut anheizen.   

Weitere Informationen: fsk: nach der Vorstellung Filmgespräch mit den Regisseurinnen