Teil 1: Erfolg mit Nachgeschmack

Die Berlin Art Week hatte noch nicht eröffnet, da war die Geldgeberin bereits verschwunden: Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz hatte wenige Tage zuvor um ihre Entlassung gebeten. Jetzt müssen die Erfinder der Art Week hoffen, dass ihre eilig kreierte Dachmarke bereits fest genug in der Behörde verankert ist, damit es 2013 weiter geht. Zwei Schritte vor, einen zurück, so ist Berlin.

Zwei Schritte vor und einen zurück: Diesen Eindruck hinterlässt die am 12. September eröffnete Berlin Art Week auch sonst. Das neue Veranstaltungsdach soll den Kunstmarktplatz Berlin sichern, der mit dem Ende der Messe Art Forum 2011 ins Wanken geriet. Und auf den ersten Blick wirkte nun tatsächlich wieder vieles besser: die Messen, das Interesse der Besucher, die Stimmung. 
Doch die große Begeisterung wollte sich nicht einstellen: weil die schier endlose Masse der Kunst auch das Fachpublikum ratlos macht, und weil die Art Week noch zusammengebastelt wirkte. So ähnelte der Empfang im ehemaligen Stadtbad Oderberger Straße einem Grillfest unter Nachbarn ohne Grill: Es gab weder Programm noch Moderator. Die Leiter der beteiligten Veranstaltungshäuser sagten einander Hallo, nahmen einen Hähnchenspieß und gingen bald darauf.

Mehr Schwung in die Sache kam in den großen Häusern, allen voran dem Haus der Kulturen der Welt mit der Ausstellung ­„Between Walls and Windows“. Bis Ende September stehen die Türen der Kongresshalle offen, so dass diese buchstäblich durchgelüftet wird. Künstler und Architekten, unter ihnen Eran Schaerf und Wang Shu, kommentieren das im Kalten Krieg entstandene Gebäude mit Eingriffen in die Innen- und Außenräume – eine poetische Debatte über das Verhältnis zwischen Architektur und Ideologien.

Auch die Alte Nationalgalerie zeigt Groß­artiges: Gemälde, die von der Mittelalter­begeisterung in der Zeit nach Schinkel zeugen. Die Neue Nationalgalerie dagegen verkündete, ihren bisher mit 50.000 Euro dotierten Preis künftig ohne Preisgeld verleihen zu wollen, stattdessen gibt es eine Einzel­ausstellung. In Galerien der nominierten Kandidaten war man nicht amüsiert.

Wieder besser aufgestellt präsentierten sich die ehemaligen Satellitenmessen des Art Forum, vor allem die Preview im Flughafen Tempelhof, die mehr Galerien aufnehmen konnte und dabei an Qualität gewonnen hat. Einer jedoch fehlte schmerzlich. Den Kunstsalon, die Messe für Künstler ohne Galerien, gibt es nicht mehr. Damit fehlte den Kunst­urhebern der zentrale Ort für einen selbstbewussten Auftritt ohne Regie der Verwerter.  Zwei Schritte vor und einen zurück.

In vielen Galerien gibt es ganz Außerordentliches zu sehen, etwa die neuen Skulpturen der Berliner Künstlerin Mona Hatoum in der Galerie Max Hetzler oder Vadim Fiškins Ventilatoren mit Windrad, die sich in der Galerie Gregor Podnar gegenseitig antreiben. Die Galerie Z·ak|Branicka zeigt Konkrete Poesie von Stanislaw Dróz·dz·, etwa ein Gedicht aus millimeter­genau getippten Plus- und Minuszeichen auf einem Blatt Papier, das auch nach 50 Jahren noch begeistert. Oder müsste es heißen: das jetzt wieder begeistert?

Dróz·dz· Arbeit aus Polen erinnert an eine unfreie Zeit, in der ein Blatt Papier viel zählte. Im heutigen freiheitlichen Überfluss der Bilder drohen dagegen ganze Leinwände unterzugehen – allein in Berlin auf vier Messen, in rund 700 Museen, Galerien und Projekträumen und ungezählten Lagern. Bei ihrer Performance in der Daad-Galerie sprach Hito Steyerl dann auch von einem Zeitalter der künstlerischen Massenproduktion.  
Und all die Bilder und Skulpturen glänzen mit zahlreichen Referenzen an die Kunst­geschichte. Zitiert wird nicht nur wie gehabt aus der Moderne, sondern nun auch aus der bereits zitatenreichen Kunst des 19. Jahrhunderts. Kunst reflektiert Kunst, die Kunst reflektiert – unendlich wie in einem Spiegelkabinett. Womöglich handelt es sich dabei um eine Notwehr der Profis gegen die Massenware. Doch Künstlern wie Betrachtern kann dabei schwindlig werden. Sebastian Diaz Morales hat dafür ein treffendes Bild geschaffen. Seine zitatenreiche Videoprojektion in der Galerie Carlier|Gebauer zeigt junge Kreative hinter einer Kamera, mit verzweifelten Gesichtern. Lang stehen sie still, bis unter dem Anschwellen des Sounds das Bild zerspringt – in 1.000 spiegelnde Scherben.

Für den Tag nach der Art Week war ein Vortrag des Kunstredakteurs Jörg Heiser angekündigt, mit dem Titel: „Der erschöpfte Betrachter“.

Teil 2: Kunst für Geschmackssichere

Die ganze Stadt habe sich in einen Messe­platz für Kunst verwandelt, jubelte ein Berliner Feuilleton, und mit ihm freute sich die gekränkte Berliner Kunstszene. Musste diese sich doch jüngst von der 7. Berlin Biennale die längst fällige Generalkritik an ihrem unengagierten Ästhetizismus gefallen lassen. Doch das war gestern, jetzt fand die erste Berlin Art Week statt, in der sich der Betrieb wieder mit seiner sammlerkompatiblen „Fassadenkunst“ (Biennale-Kurator Artur Z·mijewski) feiern durfte.

Von symbolischem Wert war da, dass die Eröffnungsparty der Art Week am 12. September von dem Lifestyle-Magazin Sleek im privaten Edelclub Soho House ausgerichtet wurde. Einlass nur für geladene Gäste, gesponserten Champagner gab es im Überfluss, spärlich vertreten dagegen waren die Künstler unter den vermeintlich illustren Gästen.

Gefeiert wurde am selben Abend auch bei der Bekanntgabe der für den „Preis der Natio­nalgalerie für junge Kunst“ nominierten Künstler und Künstlerinnen. Überraschend war die Auswahl nicht, denn mit den Werken von Kerstin Brätsch, Mariana Castillo Deball, Simon Deny und Haris Epaminonda wurden erneut vier Positionen ausgewählt, die lediglich durch formale Qualitäten auffallen. Ein explizit politisch arbeitender Künstler ist auch dieses Jahr wieder nicht auf der Shortlist.

Der noch amtierende Preisträger Cyprien Gaillard übrigens zeigt derzeit im Schinkel Pavillon sein Projekt „What it does to your city“. Gelbe Zähne von Schaufelbaggern sind auf Podesten hinter Glas ausgestellt. An­gerostet sind sie und ihre Farben beginnen zu verblassen, so dass sie kaum noch wie ein modernes Ausgrabungswerkzeug wirken, sondern fast schon wie archäologische Fundstücke. Museal präsentiert im Schinkel Pavillon von 1969 wird dieser Eindruck noch verstärkt – und zugleich zurückgenommen, ist das Gebäude doch derzeit von Baustellen und Baggern beinahe umzingelt.

Tai Chi der Betrunkenen
Als Messeplatz erwies sich erstmals auch die Verkaufsausstellung Art Berlin Contemporary (ABC) mit Präsentationen von 128 internationalen Galerien. Erstmals nämlich hatte man bei der ABC auf einen Kurator und somit leider auch auf ein inhaltliches Konzept verzichtet. Die eingeladenen Galerien entschieden diesmal allein, geleitet nur noch von ihren merkantilen Interessen, was heuer zeitgenössische Kunst sei, und das waren meist die üblichen Verdächtigen der aktuellen Galerienszene. Dennoch gab es auch Spannendes zu entdecken, etwa Ulf Amindes Videoinstallation „urban tai chi“ (2010-2012) auf der Präsentationsfläche der Berliner Galeristin Tanja Wagner. Auf sieben hochkant stehenden Flachbildschirmen sind in dezent verschwommenen Bildern offensichtlich berauschte Männer zu sehen. Torkelnd behaupten sie ihren Platz auf dem Bürgersteig und irritieren so das all zu glatte Bild des städtischen Alltags.

Auffallend auch die Wandarbeiten von ­Thomas Kiesewetter bei Contemporary Fine Arts: Als scheinbare Remakes bekannter Skulpturen von Frank Stella kommen sie daher und stellen den Betrachter so vor die Frage, ob es sich hier um plumpe Plagiate oder um ein beherztes Leugnen der Autorenschaft handelt.

Einsamer Höhepunkt der Art Week aber ist Douglas Gordons Ausstellung in der Akademie der Künste. Anlässlich der Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises 2012 an den schottischen Videokünstler zeigt dieser unter dem Titel „Pretty Much Every Film and Video“ eine Retrospektive seiner Videoarbeiten. Und das in bemerkenswerter Form: Auf 93 kleinen Monitoren sind 75 seiner Arbeiten zu sehen, darunter auch sein legendäres Werk „24 Hour Psycho“, das Hitchcocks Klassiker „Psycho“ so quälend verlangsamt wiedergibt, dass er ganze 24 Stunden dauert. Die Monitore sind zu einem strukturlosen Haufen aufgetürmt. So vermittlen sie den Eindruck eines schrottigen Archivs für eine Bilderflut, deren Töne sich zu einer zuweilen schon hysterisch anmutenden Kakofonie fügen. Respektlos geht Gordon hier mit seinem Werk um: Statt in postmoderner Beliebigkeit zu versinken, lässt er selbstkritisch seine Arbeiten sich einander bekriegen.

Schwarz bleibt Schwarz
Abschließend ging es noch einmal in eine absolut politikfreie Zone, zu der neuen Präsentation der Sammlung Boros. Wieder gab es reichlich Champagner und wieder Galerienkunst in Hülle und Fülle. Auf gleich fünf Etagen in dem ausgebauten Bunker neben dem Deutschen Theater wird Kunst in etablierter, aber durchwachsener Qualität geboten. Formale Spielchen von Alicja Kwade oder Thea Djordjadze hängen hier neben beachtenswerten Arbeiten von Wolfgang Tillmans oder Rirkrit Tirivanija. Dass ein Großteil der Arbeiten ebenso in monochromem Schwarz gehalten ist, wie es die Kleidung der geladenen Gäste war, das ist wohl kaum ein Zufall.