Voting: Berlin, deine Feindbilder
Der Neukölln-Hipster
|
Er trägt hellrote Jeans, hauteng, dazu Wildlederschuhe, einen Vintage-Parka, Jutebeutel und Fünftageschnauzbart-Flaum. Er hat eine Leica-Camera und ein MacBook, in das er seine Streetstyle-Blog-Texte tippt. Er isst Tapas, die er aber nicht so gut findet, wie die in Barcelona, wohin er einmal im Jahr mit easyJet fliegt, um sich kosmopolitisch zu fühlen. Er fährt Fixie. Er hat sich das Teil bei eBay ersteigert und im Fahrradladen um die Ecke, der „Radmanufaktur“ oder „Gangschaltung und Söhne“ oder so heißt, mit Chrom-Ersatzteilen aufgepimpt. Wenn es nicht so verdammt uncool rüberkäme, dann würde er sich einen Rückspiegel aufs Fahrrad montieren, um während der Fahrt sein eigenes Gesicht und seinen mit System zerzausten Undercut-Haarschnitt betrachten zu können. Ins Berghain geht er sonntagnachmittags. Bier trinkt er nur aus der Flasche, denn alles was eine Theke hat, ist Mainstream. Der Neukölln-Hipster möchte alles in einem sein: Avantgarde, Dandy, Boheme. Und doch hängt seine Existenz an einem seidenen Faden, der zu reißen droht, sobald Papa das Geld für die Miete zu spät überweist. kop |
Der Aggro-Biker |
Der Aggro-Biker hat selbst ein klares Feindbild: alle anderen Verkehrsteilnehmer. Egal, ob es Fußgänger sind, die nichtsahnend aus einem Bus steigen, andere Fahrradfahrer, die an einer roten Ampel halten oder Autofahrer, die dem Radstreifen zu nahe kommen. Er brüllt sie alle an, notfalls gibt es einen donnernden Schlag mit der flachen Hand aufs Blech. Der Aggro-Biker schont die Umwelt und wähnt sich deshalb grundsätzlich im Recht. Die Straßenverkehrsordnung sieht er als unverbindlichen Vorschlag der Behörden, sie gilt nicht für ihn. LuG
|
Die Übermutter |
Sie will in allem die Beste sein. Im Stillen, im Mützchen-Selberstricken, im Breikochen mit fair gehandelten, biozertifizierten Möhrchen, im Kopfstand beim Baby-Yoga. Natürlich schläft ihr Kind durch. Natürlich kann es schon malen, schreiben, rechnen und musizieren, wenn andere noch in der Matschepampe rühren. Gibt es auf dem Spielplatz Streit, ist für die Übermutter klar: Ihr Kind kann nicht der Aggressor gewesen sein, denn es hätte niemals riskiert, seinen neuen Petit-Bateau-Ringelpulli zu beschmutzen, den Mutti immer in Handwäsche mit Weichspüler einmassiert. Die Übermutter hat mit ihrer Fruchtbarkeit einen Dienst an der Gesellschaft geleistet. Ihr Becken gebar den Heiland von morgen, ihre Bedürfnisse haben Vorrang, ihr Kinderwagen hat Vorfahrt. Täglich steht die Übermutter mit dem Klemmbrett vor der Kita und notiert Mängel, denn bei der Betreuung von Martha Isabella Flavia darf nichts dem Zufall überlassen werden. lb |
Der Kiez-Taliban |
Meist aus dem Südwesten Deutschlands nach Berlin gekommen, „weil hier alles schön frei isch.“ Wer nach ihm in eine Straße oder einen Stadtteil zieht, ist ein Gentrifizierer. Diesen droht der Kiez-Taliban mit Gewalt zu vertreiben, traut sich aber nicht, offen vorzugehen. Die von Hunden vollgeschissene Wiese an der Cuvrystraße hält er für ein bewahrenswertes Stück Freiheit. Seine eigentliche Spießerseele zeigt er dadurch, dass er Baumscheiben mit Stiefmütterchen und Lavendel bepflanzt. LuG |
Das Baugruppenmitglied |
Im Traum hat sich das Baugruppenmitglied alles schön ausgemalt: Selbstbestimmtes Wohnen mit Gleichgesinnten in einem Kollektiv. Wohnen in einem nach top-ökologischen Richtlinien gestalteten Haus. Basisdemokratisch und nachhaltig leben. Doch schon in der Bauphase zeichnen sich erste Konflikte ab: Soll die Gegensprechanlage eine Kamera bekommen? Soll im Hinterhof ein Spielplatz gebaut oder ein Gemüsebeet angelegt werden? Sollen die Briefkästen rot oder blau lackiert werden? Auf den Baugruppentreffen fordert das Mitglied ein Nein zu Überwachungsmethoden („Hallo, wir sind doch links!“). Die Gruppe beschließt einen E-Mail-Verteiler aufzusetzen. In den darauf folgenden Monaten wird darin über den Gebrauch von Spielzeugpistolen einiger Baugruppenkinder, weggeworfene Zigarettenkippen und dem Graffiti im Hausflur („Schwaben raus!“) diskutiert. Über die Farbe der Briefkästen gibt es nach einem Dreivierteljahr immer noch keinen gemeinsamen Nenner. kr |
Der dänische Investor |
Er wirkt nett. Wenn er die Mieter in ihrer Wohnung, die in eine Eigentumswohnung umgewandelt werden soll, besucht, zieht er schon im Hausflur seine Schuhe aus. Er tut kollegial und verständnisvoll. Er sagt, wenn nicht er das Haus gekauft hätte, dann ein gerissener und rücksichtsloser Immobilienhai. Er sagt: „Ich will euch nicht hier raus haben. Ich fände es super, wenn zwischen den Ferienwohnungen noch echte Familien wohnen würden. Deshalb könnt ihr eure Wohnung kaufen.“ Falls die Mieter nicht das Geld haben, ihren bald luxussanierten Altbau zu bezahlen – kein Problem: Der dänische Investor übernimmt die Umzugskosten. Sie müssten jetzt nur schnell die Kündigung unterschreiben. kr |
Der Mentalitäts-Provinzler |
Einst entfloh er der Enge der Provinz, kehrte Spießigkeit, Bigotterie und Intoleranz für immer den Rücken. Jetzt lebt er in der Stadt, kennt sie in- und auswendig, weiß wie sie tickt. Immerhin hat er hier seine wilde Zeit voll ausgelebt, damals, als er beruflich noch nicht so eingebunden war, unverheiratet und ohne Kinder. Und auch der Kredit für die Eigentumswohnung („Man muss im Leben etwas aufbauen!“) mit Tiefgarage („Wegen der besoffenen Chaoten!“) noch nicht so drückte. Deshalb versteht er, ganz toleranter Weltbürger, dass andere ihren Spaß haben wollen – aber Bitteschön im Rahmen! Es kann doch nicht angehen, dass nachts Horden von Touristen saufend und grölend durch seine Straße ziehen. Dass irgendwelche Assis ihre Hunde vor sein Haus kacken lassen. Dass der Club, der nicht in den Verkaufsunterlagen der Eigentumswohnung erwähnt wurde, keinen vernünftigen Lärmschutz hat. Und überhaupt: Wie lange darf man in öffentlichen Verkehrsmitteln noch Alkohol trinken? Und wann kommen endlich die Bäume weg, die die Balkon verschatten? Die Bürgerinitiative unter seiner Leitung hat doch schon so viele Unterschriften gesammelt. Wie schon zuvor gegen den Markt vor seiner Tür, den Fahrrädern im Treppenhaus und dem Wohnheim für die Romas. kr |
Der Internet-Entrepreneur |
Er hat das richtige Mindset um die Performance seiner Social-Media-Strategy upzugraden. Er hat Access zu Business Angels und ein Appointment zur Telco mit ihnen, über den Launch des neuesten Projektes und dessen Usability, an der er gerade noch herumcodet. Wenn er spricht, versteht der Nicht-Nerd so gut wie nichts. Das ist Absicht. Mit dem Denglisch stellt er sich als Profi auf seinem Gebiet dar. Denn er lebt von seinem Image, das er an Investoren verkauft. Seiner Firma und damit auch ihm geht es wunderbar, alles awesome. Und das trotz einer 168-Stunden-Woche. Freizeit, so der Internet-Entrepreneur, ist etwas für Verlierer. msb |
Der Schicki-Micki-Berliner |
Er wäre gerne cool wie Heiner Lauterbach – und ist doch nur wie Matthias Schweighöfer. Sie wäre gerne elegant wie Senta Berger – und ist doch nur wie Jessica Schwarz. Der Schicki-Micki-Berliner kriegt es einfach nicht hin, so zu wirken als würde der Rote Teppich auf ihn warten. Er wirkt immer so, als warte er auf dem Teppich, bis ihm endlich einer ein Mikro ins Gesicht hält. Er kann nicht anders als sich in diesem realitätsfremden Kosmos um sich selbst zu drehen. Denn ohne das bisschen Blitzlicht, ohne das Borchadt-Catering, ohne die Handynummer von Udo Walz, ohne das Foto in der „Gala“ würde er merken, wie leer sein Leben ist. kop |
Der „Eigentlich-bin-ich-ja“ …-Kellner |
Er hat Amerikanistik und Publizistik studiert und seine Masterarbeit ist so gut wie fertig. Sie muss nur noch geschrieben werden. Immerhin wollte er vor drei Monaten mit dem „Prof“ seine Themenidee besprechen. Was kann er dafür, dass die Sprechstunde immer ausfällt? Und überhaupt hat er sowieso andere Pläne. Er hat schon in zwei Werbespots mitgespielt und dabei Bewunderung fürs eigene Talent entwickelt. Die Aufnahme an der Ernst-Busch-Schule hat er so gut wie in der Tasche. Er muss sich nur noch bewerben. Immerhin hat er schon im Internet nachgelesen, wie das geht. Er kellnert nur so zum Spaß. Und seitdem er sich seiner einzigartigen Begabung bewusst ist, geht er auf Distanz zu den Gästen. Er überredet den Chef, ein riesiges Klaus-Kinski-Plakat über der Bar aufzuhängen. Dann steht er davor und übt den Kinski-Schmollmund. Mit theatralischer Geste trägt er das Tablett von Tisch zu Tisch. Trinkgeld nimmt er nur widerwillig entgegen, denn: Nötig hat er das nicht. lb |
Der Hundebesitzer |
Es gibt unzählige Hunderassen und zumindest drei Arten von Hundebesitzern: den Kraftprotz, den Modebewussten und den Emotionalen. Alle haben gemein, dass der eigene Hund das Allerwichtigste auf der ganzen Welt ist. Zumindest wichtiger als ein gesundes Miteinander unter den Menschen auf diesem Planeten. Was für ein Pech, dass es auch Menschen gibt, die das anders sehen, auch solche, die Hunde partout nicht mögen oder gar Angst vor ihnen haben. Für Letztere hat der Hundebesitzer genau zwei Floskeln parat: „Der tut nichts“ oder noch schlimmer: „Selber schuld! Der riecht ja. Dass Sie Angst haben.“ Es ist müßig, solch einer Argumentation Stumpfsinn noch logisch begegnen zu wollen. Leid können einem eigentlich nur die Hunde tun: Sie hätten einen netteren Umgang verdient, manche zumindest. til |
Der Technonachbar |
Es ist der Nachbar, den man am besten kennt und am wenigsten mag. Unzählige Male hat man ihn besucht und darum gebeten, die Musik leiser zu drehen, ist irgendwann weinend auf seiner Fußmatte zusammengebrochen, weil er sie alle paar Minuten doch wieder lauter macht. Er muss ja schließlich seinen Tinnitus übertönen. Er trainiert für seine DJ-Karriere gerne von Sonntagabend, wenn er aus dem Berghain oder dem Tresor gestolpert ist, bis Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag, je nachdem wann die Drogen aufhören zu wirken. Da helfen keine Ohrstöpsel, keine Schlaftabletten, kein Kissen über dem Kopf – denn der Technonachbar hat eine Anlage im Wohnzimmer stehen, mit der man problemlos auch ein Festival beschallen kann. msb |
Der Gästelistenschnorrer |
Für ihn gibt es kein Tag oder Nacht, kein Arbeit oder Freizeit, für den Gästelistenschnorrer zählt nur: rein oder raus. Er ist häufig mit einem Presseausweis ausgestattet, den er sich weiß Gott erworben hat. Er ist gut vernetzt, nein, er kennt kaum Menschen, aber er bekommt jede Menge Newsletter und weiß, wo wann was ist. Und so zieht er mittags los, wenn der Magen knurrt, um bei einem Pressetermin ein paar Brötchenhälften abzustauben. Danach schaut er sich die Pressevorführung im Kino an. Abends wird es knifflig, meist stehen mehrere Events zur Auswahl. Der Gästelistenschnorrer wächst mit seinen Aufgaben. Die Anfänger prallen nach zehnminütigen Monologen am Empfangscounter ab. Den Profis genügt ein selbstbewusstes Nicken beim Türsteher und das Tor zum Backstage-Bereich ist offen. Dass dahinter niemand auf ihn wartet, stört den Gästelistenschnorrer nicht. Hauptsache satt und besoffen. til |
Das Service-Arschloch |
Wer ihm begegnet, wünscht sich, nie über eine „Dienstleistungswüste“ geschimpft zu haben. Denn sein Wirkungskreis ist keine Wüste, sondern ein gähnender Höllenschlund. „Geht nicht. Gibt’s nicht. So schon gar nicht. Und so schon mal überhaupt nicht.“ Spricht er einen Satz aus, klingt einer immer unausgesprochen mit: „Frag noch einmal so doof und ich schlag Dir die Fresse ein.“ Wo unmotivierte Kellner, muffige Busfahrer oder arrogante Callcenter-Angestellte sich darauf konzentrieren, den eigenen Arbeitsaufwand so gering wie möglich zu halten und sich in Ignoranz, Wortkargheit und mangelnder Hilfsbereitschaft zu üben, geht er in die Vollen: Er will zerstören. Er will demütigen. Er will sich rächen – für den eigenen Frust, die eigene Unzufriedenheit, die Tatsache, dass gestern in der Kantine der Typ mit dem Mundgeruch wieder das letzte Schinken-Brötchen bekommen hat. Er ist voller Hass auf die Menschen. Menschen, die ihren Kaffee mit einem Extrakeks und viel Milchschaum bestellen. Menschen, die ein AB-Ticket mit einem 20-Euro-Schein bezahlen. Menschen, die einfach nicht verstehen wollen, dass ihr Internetanschluss erst in drei Monaten freigeschaltet werden wird. Hass. Hass. Hass. So bündelt er seinen ganzen verbliebenen Ehrgeiz in einem Auftrag, den er vom Ein- bis zum Ausstempeln nie aus den Augen verliert: die absolute Destruktion. lb |
Der Tourist |
In der einen Hand trägt er den Lonely Planet, in der anderen den BVG-Fahrplan und um den Hals eine riesige Kamera, mit der er einfallsreiche Bildkompositionen ablichtet wie: Reisegefährte im Vordergrund trägt Kuppel von Fernsehturm auf der Hand. Oder: Gefährte vorn, Brandenburger Tor hinten. Die Fotos werden im nächsten Internetcafe sofort auf Facebook gestellt und danach geht es vor einen der legendären Clubs der Stadt, wo der Tourist sich mit Artgenossen trifft, einige Stunden den Eingang blockiert um dann an der Tür abgewiesen zu werden. Aus Frust betrinkt er sich in seiner Kreuzberger Ferienwohnung, kotzt aus dem Fenster und freut sich, was in dieser irren Stadt alles möglich ist. Wenn er nicht gerade in den frühen Morgenstunden mit seinem Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster knattert, um noch rechtzeitig seinen Billigflieger zu erreichen, bewegt er sich im Bierbike fort oder im Trabikorso. Hauptsache typisch Berlin. msb |
Der Touristenhasser |
Es gab eine Zeit, da hatten Menschen etwas Besseres zu tun, als an ihren wenigen freien Tagen im Jahr ihr hart verdientes Geld in einer Stadt auszugeben, die grau und hässlich und die von einer Mauer umringt ist. Lang ist es her. Berlin ist immer noch keine Schönheit, aber immerhin Hauptstadt und nicht mehr geteilt. Und es gibt genug kreative Menschen in dieser Stadt, die sich allerlei begehrenswerte Attribute für Berlin ausgedacht haben. Kurzum: Berlin ist Weltstadt, offen für jeden, voller Besucher aus der ganzen Welt. Leider hat das noch nicht jeder Neu- oder Alt-Berliner mitbekommen. Der Touristenhasser lebt immer noch in grauer Vorzeit und träumt von einer Zeit, als es etwas Exklusives hatte, in einer grauen Stadt zu wohnen. Er kann nur darüber lachen, dass Touristen das Brandenburger Tor ganz toll finden und auf den Fernsehturm fahren. Vielleicht weil er selber noch nie oben war. Weil er Angst hatte, über die Stadtgrenzen gucken zu können. ti |
Der Touristenhasserhasser |
Er argumentiert: Berliner kommen doch von überall her, egal ob nun früher aus Frankreich und Polen oder heute aus den USA und Spanien. Und alle haben erstmal als Touristen Berliner Luft geschnuppert. Den Touristenhasser empfindet der Touristenhasserhasser als engstirnigen Vollpfosten aus den vernageltsten Provinz-Ecken dieser Republik, Gentrifizierung ist für ihn ein natürlicher Vorgang, der für Leben und Veränderung im Bezirk sorgt. Er tut, als könne man das, was im Leben um einen herum passiert. eh nicht beeinflussen. Eigentlich will er nur in Ruhe gelassen werden, um sich in seinem Fatalismus zu suhlen. LuG |
Der Import-Lokalpatriot |
Der Anfang ist immer gleich. Neue Stadt, neues Glück. Schnell versteckt der Zugezogene den Berlin-Führer in der Tasche. Und auf den Fahrplan guckt er nur heimlich. So weit, so gut. Doch der Import-Lokalpatriot muss es übertreiben. Die Küche wird mit diesen kleinen eckigen Bildern vom Fernsehturm tapeziert, die es auf den Trödelmärkten gibt. Und unter jede E-Mail in die alte Heimat prangt ein stolzes „Liebe Grüße aus der Hauptstadt!“ Da er selbst keine Berliner kennt, belabert der Import-Lokalpatriot extra lange den Spätverkauf-Angestellten, um wenigstens ein, zwei Eigenarten des Berliner Dialekts aufzugreifen. Die Provinz, das sind die anderen. Die Provinz ist das Böse, sie beginnt gleich hinter der Stadtgrenze. Der Import-Lokalpatriot war vermutlich nie längere Zeit in Hamburg, München oder Köln und glaubt tatsächlich, dass Berlin der Nabel der Welt ist. Schade eigentlich. Wer mal länger in Hamburg, München oder Köln war, glaubt das nicht. til |
Der Piratenwähler |
Er ist männlich, er müffelt, seine Haare sind ungewaschen und zu lang. Und er spricht in einer Sprache, die Normalmenschen nicht verstehen. Vielmehr: Meistens spricht er gar nicht, sondern sitzt vor einem Computer. Dann ballert er in Computerspielen Menschen um, ruiniert mit illegalen Downloads arme Musiker oder er verbreitet krudes Zeug über den Nationalsozialismus. Das Klischee eines Piratenwählers bringt alles mit, um das perfekte Feindbild zu sein. Die größte Gefahr stellt er jedoch für den klassischen Politiker mit. Denn dessen kleine, heile Welt zwischen Ausschusssitzung und Abgeordnetenbüro hat der Piratenwähler ganz schön durcheinander gebracht. Und dafür könnte man ihn fast schon wieder mögen. til |
Der Flaschensammler |
Über ihn darf man nichts Böses sagen. Der Flaschensammler genießt denselben Artenschutz wie der Obdachlosenzeitungsverkäufer. Weil es diese Menschen nicht besonders gut haben im Leben. Außerdem hat er eine nützliche Funktion, er ist also die Mücke unter den Nervensägen. Und dennoch nervt er. Nicht, weil er sammelt, sondern wie er sammelt. Die Frage nach der leeren Flasche kommt in dichten Verbreitungsgebieten wie dem Görlitzer Park fast nach jedem Schluck. Und manchmal ist man geneigt, dem Flaschensammler vorab, 50 Cent zu geben, um in Ruhe sein Bier trinken zu können. Genauso wenig vorbildlich ist die Nachwuchsgewinnung. Viele Flaschensammler beziehen bereits ihre Kinder mit in den Flaschenerwerb ein. Das unterscheidet den Flaschensammler wiederum nicht vom Scheibenwischer. Aber dieser sogenannte Nervwischer genießt ja auch keinen Artenschutz. til |
Der Umlandverklärer |
Er muss „ganz dringend mal wieder“ nach Brandenburg fahren, denn das Umland Berlins sei doch so viel schöner als die grauen Häuserschluchten. Dann steht der Umlandverklärer zwischen Neonazis, Ost-Nostalgikern und verbitterten Alten und freut sich, wie natürlich die Menschen hier draußen noch sind. Der Umlandverklärer möchte gern vom Hahn geweckt werden und die Milch für seinen Kaffee frisch aus einem Euter zapfen. Er schwärmt von ausgedehnten Radtouren bis an die polnische Grenze, von den Seen Brandenburgs und verdrängt vollkommen, wie reizlos das rapsfelddominierte Flachland im Vergleich zu anderen ländlichen Gegenden in Deutschlands ist. Aber eigentlich will der Umlandverklärer auch nicht nach Brandenburg, sondern einfach nur raus aus der Stadt. Wäre er doch nie hierhergezogen. msb |
Der Kunstkenner |
Auf die Frage, wer Jenny Holzer sei, reagiert er mit Schnappatmung. Über die Massen, die sich vor der Gerhard-Richter-Ausstellung sammeln, rümpft er die Nase. Warum anstehen, wenn zeitgleich Boris Mikhailov zu sehen ist? Das wäre alles nicht schlimm, hätte er kein so ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Gespräche mit ihm gleichen Monologen, weshalb man ihn nie, nie, nie um eine Auskunft bitten sollte. Denn mühelos schafft er es, bei der Antwort auf eine Frage zu Andreas Gursky einen Bogen vom Ästhetizismus der Präraffaeliten zur Ikonenmalerei in Armenien zu spannen, um schließlich noch kurz die Bedeutung Cicciolinas für das Werk Jeff Koons auszuarbeiten. Dass am Ende keiner mehr zuhört, stört ihn nicht. Denn seine Exkurse sind Rache für all die Gespräche über Fußball, Rihanna oder die Tribute von Panem, bei denen er am Rande stand, teilnahmslos und vor allem: unbeachtet. JvO |
Das Getto-Kid |
Sein Handy ist sein Leben. Ihm gehört all seine Liebe – es wird geschmückt, gehegt, liebevoll unters Kopftuch geklemmt. Es enthält alles, was das Getto-Kid braucht: Facebook-Messenger, YouTube, Musik und Pornos. Und: Es bietet diverse Möglichkeiten, Mitmenschen zu penetrieren. Beispielsweise durch überlaute Konversation – „Isch weiß nisch, wo is Umut!!! Hab isch gesagt, komm Zoo, wallah!!!“ – oder durch überlautes Abspielen musikalischer Glanzstücke im Stile von Massivs „Wenn der Mond in mein Getto kracht“. Das Getto-Kid ist der Grund, warum sich Finn Maximilian nicht mehr ins Freibad Pankow traut. Es ist der Grund, warum die Übermutter von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg ziehen musste. Es ist schuld daran, dass Martha Isabella Flavia keine Artikel mehr benutzt und nicht mehr „zum Klavierunterricht“ geht, sondern nur noch „Klavierunterricht“. Und das Schlimmste: Das Getto-Kid ist sich keiner Schuld bewusst. Es will doch nur telefonieren. lb |
Der Integrationsversager-Versteher |
Dem Nachbarskind ist von einem Getto-Kid das Handy abgenommen worden. „Das muss man verstehen“, sagt der Integrationsversager-Versteher, „diese Jugendlichen kompensieren damit nur ihre Frustration darüber, von unserer Leistungsgesellschaft und sozialen Aufstiegschancen abgekoppelt zu sein. Die haben sie nicht, weil sie schlecht in der Schule waren, was daher kommt, dass in ihren Familien kein Deutsch gesprochen wurde. Was man auch verstehen muss, weil die Eltern in ihrer Religionsausübung unterdrückt werden, immerhin dürfen sie ja noch nicht mal in ihrer Garage Rinder schächten.“ Wann immer ein Vertreter einer Minderheit etwas verbockt hat ist für den Integrationsversager-Versteher klar: Die Gesellschaft ist schuld. Wer das nicht verstehen will, ist intolerant, typisch deutsch, beziehungsweise sowieso ein Nazi. kr |
Kommentieren
Kommentare
ich finde mich mich in vielen berliner archetypen wieder, so wie wohl die meisten leser/innen.. und bin absolut gegen schubladendenken und menschenkategorien.. auch wenns witzig sein soll, find ichs einfach nur GÄÄÄÄHN und nutzlos!! jeder einzelne ist bund und einzigartig und wer brandenburg reizlos nennt, war entweder nie dort oder viel zu oberflächlich unterwegs, hat seinen blick für die natur verloren und sollte für immer in der stadt bleiben und deren wände feiern ..
Es ist großartig! Vielen Dank! Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr das auch mal für Hamburg macht ;-)! Danke! Dirk
Am meisten nerven die Menschen-Zwanghaft-einer-Kategorie-zuordner. Diese Missbrauchen das Defizit an Abstraktionsfähigkeit und distanzieren sich dadurch von festgestellten Problematiken, indem sie statt ihrer selbst zu reflektieren, Probleme auf definierte Gruppen projizieren.
Ich habe den Artikel als amüsante Übertreibung verstanden und unter Kategorie "Scherz" verbucht und denke, dass es so gemint ist. Was hier nämlich als einziges und dafür aber wirklich nervt, sind Bauhaie, die uns die Stadt mit unbezahlbaren Stadtvillen zubauen und dafür sorgen, dass Alteingesessenes verschwinden muss. Bin ja mal gespannt, wie lange sich z.B. das Golgatha noch halten kann mit den reizenden Nachbarn. Wer erlaubt so einen Bau in einem Park??
Gaanz wichtig!!! Ihr habt eine gruppe vergessen! Die-Laktose- und-Gluten-intolleranten-Veganer!!!
Selten geil geschrieben und wirklich gut beobachtet :D
Am Besten sind doch immer noch die "Ich arbeite prekär bezahlt für eine NGO und bin dabei übermotiviert"-Anquatscher am Alex, Warschauer oder sonstwo......die auch, nachdem man das fünfte Mal am Tag an ihnen vorbei ist und wieder gesagt hat, dass man sie nicht unterstützen will, einen immernoch aggressiv und deprimierend fröhlich auf ihren Scheiss festnageln wollen.
http://www.sugarhigh.de/issue/165-meet-berlin-cyclist
Diese soziologische Studie ist ein Meisterwerk, ist so zutreffend und präzise, dass sie Georg Simmels Meilenstein der Stadtsoziologie ablöst. MfG Möchtegern- Soziologie Klugscheißer (Feindbild, das hier noch fehlt)
puh, is das sommerloch schon da? wie oft wollt ihr dieses überstrapazierte, konstruierte thema noch auslutschen? öööde...
fahre selbst leidenschaftlich rad, gern auch etwas "härter". aber was das "ich hasse alle und mich selbst" angeht...bitte? es soll keine allzweck-ausrede sein, aber: mountainbiker haben die wälder, kiesgruben, berge usw für sich alleine. bmx-er haben ihre rampen und parks (fahren aber auch in fußgängerzonen ;)) die singlespeedler\rennradler haben nichts außer die straße wo sie das rad ausfahren können. wer jetz mit dem velodrom kommt oder tempelhof - psssst! im kreisfahren wie bei der F1, wem bringt das was? die straße is der spieplatz. wer andere aus "es is cool so zu fahren" in gefahr bringt, is vielleicht mutig aber ein großer idiot weil er als schublade für alle anderen dient. lieber nachts ein alley cat wo niemand unterwegs is! push hard - pull harder!
Ey Zitty! Geile Scheiße, seit langem Mal wieder! Hab mich ends gefreut - denn ICH begeistere mich schon lange mit Feindbildentwicklung! Da die meisten in Berlin eh keine Berliner sind, kann man da schon ein Ventil gebrauchen. Zudem gibt es in unserer Stadt einfach viele neue Gesichter, wo es Spaß macht, sie in Schubladen zu stecken ;) Zudem muss man es ja nicht persönlich nehmen, falls es nicht zu trifft und wenns um mich als Aggrobiker geht, kann ich trotzdem noch lachen bzw. lache ich besonders, weil ihrs gut getroffen habt! Vielleicht könnt ihr in jeder Ausgabe eine neue Gruppe vorstellen, das wär geil! Love you Zitty, Aggrobikerin
ja, immer wieder lustig mit Klischees Feindbilder zu produzieren.... das ist ja das schöne an Klischees, sie treffen eben auch größtenteils(!) zu und schon hat man einen Feind gegen den eigenen Frust. Super v.a. dann, wenn man sonst keine Gesprächsthemen hat bzw. die eigene Gedankenwelt gern klein und übersichtlich mag.... und ja, v.a. nervt das an dieser Stadt am meisten!! Halte es hier schon seit über 10 Jahren aus, kenne mittlerweile alle Feindbilder in und auswendig (z.T. auch real) und bin für (neuzugezogene) Zitty-Leser/innen somit sicherlich auch gleich ganz klar zu kategorisieren, nebenbei lässt sich damit auch galant die eigene Orientierungslosigkeit überdecken. Eine Kategorie habt ihr jedenfalls, sicherlich beabsichtigt, behende vergessen: "die Zitty-Leserin". kauft sich alle 14 Tage ganz lässig die Zitty direkt vom Strassenverkäufer am Hermannplatz (Zitty sagt, "Kreuzkölln" ist jetzt "in"), ist dadurch auch immer total up-to-date wo/was gerade am angesagtesten ist oder über wen/ was zu lästern gerade hip ist und kommt sich dabei noch mächtig cool und überlegen vor. Das redaktionelle Niveau bei Zitty hingegen liegt bei studierenden Praktikanten unter 25, die der Annahme verfallen sind, mit einer unter- (/un-)bezahlten Praktikumsstelle kommt man eine Stufe höher in der Journalisten-Karriereleiter. Gääähn.... ich werde noch zum "Umlandverklärer", bzw. als "Wessi" beziehe ich das größere Umland in Richtung Westen mit ein.
oh mann, das ist so langweilig. schon hundertmal gelesen und es wird mit keinem mal besser. deshalb ist es hier in berlin auch so langweilig, weil den leuten nichts bessers einfällt, als sich solche lahmen dinge auszudenken.
Cartoons sehr witzig zum Großteil, BIKER = instant classic
jep. alles richtig.
kommt mal klar das ist eine "amüsante Übertreibung", was man auch IRONIE nennt, wer hier mit "Aber Brandenburg ist doch echt schön" oder "konstruiertes Thema" oder "Schubladendenken" ankommt, hat sich entweder stark in einem der Bilder wiedererkannt oder sucht einfach zwanghaft nach einem Ärgeniss um sich aufzuregen.nicht immer alles so ernst nehmen. Es fehlt auf jeden Fall noch der: "Ich mach Karriere als Führungskraft"_Bwl-Student_in "Scheiß auf die Karriere, ich bin Idealist"-Student_in "Ich bin Veganer und hab hinten noch eine einzige Dread, weil bissel aus der Masse herausheben muss schon sein, denn diese schwarzen Kapus und Antifa-Uniwear haben ja alle"-Typ-in
Fehlt nur noch einer: der allgemeine deutsche Bürger, der sich genervt fühlt durch die Lebensweise anderer.. Ich kanns nicht mehr hören. Allein das Wort Hipster lässt mich schaudern. Sind wir nicht alle ein bißchen hip oder wollen es sein?! Dieser Artikel repräsentiert meiner Meinung nach die latent aggressive Haltung der Leute, die meinen, sich in die Lebensweise anderer einmischen zu dürfen.
Der Beitrag ist langweilig, die gefühlt x-te Wiederholung ähnlicher Texte und hinterlässt vor allem mehr eine schlechte Stimmung bei mir als Leser, als dass er mich ansatzweise unterhalten würde. Manche der "Feindbilder" kenne ich nicht mal. Das Wort Hipster kann ich auch nicht mehr hören. Zu welcher Gruppe sich wohl die Autoren selbst zählen?
1. langweiliger Artikel 2. wo ist der Berliner ach so das Ghetto Kid ist einer schon in der dritten Generation 3. die meisten Zugezogenen haben Berührungsängste zum Berliner sie werden eher als etwas Abstraktes erfasst und bzgl Dialekt als nicht ernst genommen 3. wer von euch kann sagen mindestens einen Berliner als Freund zu haben 4. hier reisst sich niemand darum Berliner wirklich kennen zulernen und stolz darauf zu sein ist ja auch nicht NY Rom oder Barcelona 5: Berlin war schon immer eine Nervensäge uncharmant unsexy ein kleines Mädchen das sich immer so bemüht eine Weltstadt zu sein 6. usw usf
da hab ich genau das richtige :-) http://www.youtube.com/watch?v=EIZgXaRB0mo&feature=youtu.be
Ich finde die Flaschensammler heillos unterschätzt. Der gemeine Flschensammler beschränkt sich nicht nur darauf, im Park die Übergabe des Leergutes bereits auszuhandeln, wenn man gerade den ersten Schluck genippt hat. Nein, er zieht des Abends auch von Bar zu Bar und klaut diesen dreist ihre Pfandflaschen von den Außentischen. Weist man ihn darauf hin, dass er gerade - und das natürlich nicht als einziger pro Abend und auch sicherlich nicht nur einmal pro Abend - Eigentum entwendet hat; sind auch Kratzen, Beißen und Schlagen erlaubt. Wie ein echter Jäger & Sammler beschützt er seinen Schatz. Rechnen, wieviel er und seine Konkurrenz einer Bar auf den Monat gerechnet an Schaden zufügen, will oder kann er nicht. Denn dann müsste er erkennen, dass er nämlich kein ehrenwerter Sammler und Verteidiger der Stadtsauberkeit ist, sondern nichts weiter als ein dreister Dieb. Das einzige was man ihm Zugute halten kann, ist dass er uns Service-Arschlöchern eine gute Projektionsfläche bietet und somit Gäste von unserem ungefilterten Frust verschont bleiben. Ich bin dann wohl die einzige, die für die Flaschensammler als schlimmstes Feindbild gestimmt hat.
Ohne Frage und ohne Umschweife: der Aggrofahrradfahrer! Es wird jedes Jahr schlimmer. Und wenn sie unter den Laster kommen, erwarten die auch noch, dass man erste Hilfe leistet! HAH! Ich persönlich bin seit 13 Jahren auf keinem Fahrrad mehr gesessen! Ich wäre froh, wenn viele Berliner es mir gleichtun könnten, in meiner Abstinenz. Zumal man innerhalb des S-Bahnrings wirklich kein Fahrrad braucht.
Großartig! Am ehesten finde ich mich unter den „Import-Lokalpatrioten“ wieder. Neulich, da hockten neben mir zwei junge Damen, die eine vom Typ „Neukölln-Hipsterin“, die andere vom Typ „jetzt.de-Kommentatorin“ (hier leider nicht vertreten). Jedenfalls trugen beide diese überdimensionierten Monster-Brillen, wobei die der „jetzt.de-Kommentatorin“ wenigstens noch authentisch aussah. Sie unterhielten sich über irgend eine neuköllner Hipster-WG. Dabei war die „jetzt.de-Kommentatorin“ darauf bedacht, den berliner Dialekt halbwegs gut hinzubekommen. „Icke“, „weeste“, und so weiter. Dazwischen konnte man hin und wieder den bayerischen Zungenschlag heraus hören. „Wie peinlich!“, dachte ich mir noch. „Und bist du nicht auch einer von denen? Einer von diesen unzähligen Möchtegern-Berlinern? Lass das mal lieber in Zukunft. Entweder, der Dialekt kommt von alleine (nach 10 Jahren oder so), oder gar nicht.“ Ich finde, Schubladen sind großartig. Vielleicht, weil sie ein ganzes Stück Wahrheit beinhalten. Vielleicht, weil sie sogar absolut wahr sind! Ich finde, wenn man sich ertappt fühlt, dann solle man auch dazu stehen. Und nicht Denjenigen dafür angreifen, weil er die Wahrheit sagt. Das geht jetzt an einzelne Kommentatoren unter mir. Wir Schreiberlinge (ja, auch bin ich einer) sind dafür da, um Dinge zu beschreiben. Je treffender die Beschreibungen sind, desto fähiger ist meiner Meinung nach auch der Schreiberling.