JAHRESRÜCKBLICK

Die Versöhnung von E- und U-Kultur

Was war los im Theaterjahr 2019? EIne wichtige Personalie wurde entschieden und René Pollesch versöhnt alle – sogar Welten miteinander

Yes! René Polleschs „Glauben an die Möglichkeit …“, sein Ausflug mit Fabian Hinrichs in den Friedrichstadt-Palast, ist unser Liebling 2019 – Foto: William Minke

Das ist nun also geklärt. René Pollesch wird zur Spielzeit 2022/23 Intendant der Volksbühne. Die Neubesetzung der ­dortigen ­Intendanz war die nach dem Dercon-­Debakel mit größter Spannung erwartete Entscheidung. Kultursenator Klaus ­Lederer gab im Juni die Personalie nach langer ­Bedenkzeit bekannt. Sie ist derart ­vernünftig und naheliegend, dass man sich schon fragte, wieso die Entscheidungsfindung so ­lange dauerte.

Pollesch gehörte immerhin seit 2001 zu den prägenden Köpfen der Castorf-Volksbühne und ist mit seinem Theater, das nach Selbstauskunft eher eine teambasierte „Arbeitspraxis“ ist, beständig für Arbeiten gut, die das Hingucken lohnen, in Berlin derzeit am Deutschen Theater – und erstmals im Friedrichstadt-Palast.

1. Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt. Friedrichstadt-Palast, Regie: René Pollesch / Fabian Hinrichs
2. Das Fest, Schaubude Berlin/Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Regie: Nis Søgaard
3. Die Nacht von Lissabon, Gorki Theater, Regie: Hakan Savaş Mican
4. (punktgleich, alphabetisch)
Der Menschenfeind, Deutsches Theater, Regie: Anne Lenk
Giovanni. Eine Passion, Neuköllner Oper, Regie: Ulrike Schwab
Licht im Kasten, Brotfabrik, Regie: Yoshii Riesen / Maximilian Hirsch
Patricks Tricks , Hans Otto Theater Potsdam, Regie: Joerg Bitterich
  9. (punktgleich, alphabetisch)
Butterblumen des Guten, Theater Thikwa, Regie: Gerd Hartmann + Martin Clausen
Das Bauhaus – Ein rettendes Requiem, Volksbühne Berlin, Regie: Schorsch Kamerun
Die Anderen, Schaubühne Berlin, Regie: Anne-Cécile Vandalem
Die Hand ist ein einsamer Jäger, Volksbühne Berlin, Regie: Pinar Karabulut
Futureland, Maxim Gorki Theater, Regie: Lola Arias
Oceane, Deutsche Oper; Regie: Robert Carson
Orlando, Schaubühne, Regie: Katie Mitchell
Queer papa queer, Schaubude Berlin, Regie: Heike Scharpff
Sehnsucht nach der Sehnsucht, Theater unterm Dach, Regie: Katarzyna Makowska-Schumacher
Third Generation – Next Generation, Maxim Gorki Theater, Regie: Yael Ronen

Wie nebenbei hat Pollesch, während alles noch gespannt auf seine Pläne für die Volksbühne starrten, den Coup ­eingefädelt, sein Diskurstheater mit Europas größter Showbühne und dessen Revueballett zu verbinden. Und also den Beweis zu führen, dass Avantgarde und Masse durchaus kompatible Phänomene sein können.

Gemeinsam mit seinem in mehreren Volksbühnen-­Produktionen bewährten Schauspieler Fabian Hinrichs reißt er die (Nachkriegs-)deutsche Zweiteilung von E- und U-Kultur ein und versöhnt beide Welten miteinander. Ganz passend natürlich zum diesjährigen 100. Geburtstag des von Max Reinhardt gegründeten Revuetheaters, dem so eine snobistische Unterscheidung wohl nie eingefallen wäre. Die Pollesch-Revue „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ hat auch die Zitty-Theaterkritiker*innen schwer begeistert: Wir haben sie zur Berliner Aufführung des Jahres gekürt.

Sehr cool und lakonisch verhandeln Pollesch und Hinrichs darin den Diskurs vom Einzelnen in der Masse, dem Fremdkörper im Kollektiv und zitieren, munter unterstützt vom 56-beinigen Showballett des Hauses, dekonstruierend und nonchalant Revue-Traditionen. Und führen nebenbei den Beweis, das solcherart Sprechtheater auch im Vergnügungstempel funktioniert: Der 1.900-Plätze-Saal ist stets ausverkauft.

Dass auch Berufsanfänger schon aufregende Inszenierungen vorlegen können, zeigte das 3. Studienjahr Zeitgenössische Puppenspielkunst der Ernst-Busch-Hochschule mit ihrer überaus prächtigen Neu­interpretation des Dogma-Klassikers „Das Fest“ in der Schaubude Berlin. Diese Inszenierung landete auf Platz 2 unserer Lieblingsproduktionen 2019.

Auf Platz 3 ­konnte sich ­Hakan Savaş Micans berührende Nachspürung von Remarques Flucht- und Liebesgeschichte „Die Nacht von Lissabon“ im Gorki Theater platzieren. Mit Live-Musik und einem wunderbaren Dimitrij Schaad im Zentrum verzahnt er die Fluchterzählung von 1942 mit Wim Wenders’ ­„Lisbon ­Story“ von 1994 und heutigen Reiseeindrücken. Melancholisch schön. FRIEDHELM TEICKE

Die Einzelwertungen unserer Autor*innen:

Regine Bruckmann

Regine Bruckmann – Foto: Privat

1. Hans Otto Theater Potsdam: Patricks Tricks, Regie: Joerg Bitterich
Keine Berührungsängste mit dem Thema Behinderung, viel Aufklärung, viel Humor und Spielfreude: ein echtes Kunststück.
2. Theater Thikwa: Die Butterblumen des Guten, Regie: Gerd Hartmann / Martin Clausen
3. Theater auf der Zitadelle: Bei Vollmond spricht man nicht, Regie: Regina Wagner & Team


Her­mann-Josef Fohsel

Hermann-Josef Fohsel – Foto: Privat
  1. Neuköllner Oper: Giovanni. Ein Passion, Regie: Ulrike Schwab
    Das Stegreif.orchester sprengt Mozarts „Don Giovanni“, die „Oper aller Opern“, in die Luft und rekonstruiert aus den übrig geblieben Teilen am Grabe Don Giovannis chaotisch-arnarchische Tage des Toten. Die Musik schwankt dabei zwischen Mozart, Flamenco, Blues und Rock. Das ist Musiktheater fürs 21. Jahrhundert! !
    2. Deutsche Oper: Oceane, Regie: Robert Carson
    3. Volksbühne Berlin: Bauhaus – Ein rettendes Requiem, Regie: Schorsch Kamerun

Barbara Fuchs

Barbara Fuchs – Foto: Petra Eckweiler
  1. Schaubude Berlin: Das Fest, Regie: Nis Søgaard
    Ein herzergreifender Balance-Akt zum Tabuthema Sexueller Missbrauch in der Familie. Die herausragende Ensemble-Inszenierung, in der 11 Performer*innen mit differenzierter Puppen-Animation, kraftvollen Stimmen und ihrer Körperpräsenz derbe und subtile Vorgänge sinnlich erlebbar machen, entstand im 3. Studienjahr Zeitgenössische Puppenspielkunst der Ernst Busch-Hochschule in Kooperation mit der Schaubude Berlin.
    2. Schaubude Berlin: Queer papa queer, Regie: Heike Scharpff
    3. Volksbühne Berlin: Bauhaus – Ein rettendes Requiem, Regie: Schorsch Kamerun

Georg Kasch

Georg Kasch – Foto: Henrik G. Vogel

1. Deutsches Theater: Der Menschenfeind, Regie: Anne Lenk
Eine Klassiker-Inszenierung, die ihren Stoff ernst nimmt, historische Bezüge herstellt, ihn zugleich entschieden ins Heute holt dank der Gosch/Wiens-Übersetzung mit ihren wilden, hemmungslosen Versen. Anne Lenk verschiebt über weite Strecken den Fokus weg von Alceste hin zu Célimène: Wie Franziska Machens sich hier die Hauptrolle erspielt, lässig und hypnotisch zugleich, ist großartig. Ulrich Matthes verleiht seinem Alceste menschliche Tiefe – die Tragik, dass die beiden nicht aus ihrer Haut können (oder wollen), grundiert den Abend schwarz. Auch die anderen spielen bei aller Drastik keine Knallchargen, sondern Menschen in Korsetten, unter denen es bebt. Ein Abend, der sich ebenso als Parabel auf Ludwigs Versailles lesen lässt wie aufs Heute. Von solchen Abenden gibt’s viel zu wenig.
2. Maxim Gorki Theater: Die Nacht von Lissabon, Regie: Hakan Savaş Mican
3. Maxim Gorki Theater: Third Generation – Next Generation, Regie: Yael Ronen


Tom Mustroph

Tom Mustroph – Foto: Barbara Gstaltmayr
  1. Schaubude Berlin: Das Fest, Regie: Nis Søgaard
    Schweine an der Familientafel – die Puppenspielstudierenden verwandeln Thomas Vinterbergs Dogma-Film in ein wahres Fest der Puppenspielkunst.
    2. Schaubühne Berlin: Die Anderen, Regie: Anne-Cécile Vandalem
    3. NIE Kollektiv: Aufstand der Huren, Regie: NIE Kollektiv

Anna Opel

Anna Opel – Foto: Privat

1. Friedrichstadt-Palast: Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt, Regie: René Pollesch / Fabian Hinrichs
Pollesch und Hinrich gelingt es, den Ort Friedrichstadtpalast als Tempel der U-Kunst und ihr Verhältnis zu diesem Komplex technisch wie inhaltlich auszuloten, ganz ohne billige Pointen.
2. Volksbühne Berlin: Die Hand ist ein einsamer Jäger, Regie: Pinar Karabulut
3. Maxim Gorki Theater: Die Nacht von Lissabon, Regie: Hakan Savaş Mican


Christian Rakow

Christian Rakow – Foto: Thomas Aurin
  1. Friedrichstadt-Palast: Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt, Regie: René Pollesch / Fabian Hinrichs
    René Pollesch und Fabian Hinrichs sind in den weltgrößten Showpalast Berlins gezogen, um mit den Mitteln des Diskurstheaters der Revuekunst zu huldigen und sie zu unterwandern. Der gültige Nachfolger ihres Volksbühnen-Klassikers „Kill Your Darlings“ – erzählerisch leicht wie selten, entspannt, entertaining, mit einem guten Schuss Selbst- und Fremdzitat.
    2. Maxim Gorki Theater: Futureland, Regie: Lola Arias
    3. Maxim Gorki Theater: Third Generation – Next Generation, Regie: Yael Ronen

Axel Schalk

Axel Schalk – Foto: Privat

1. Brotfabrik: Licht im Kasten, Regie: Yoshii Riesen / Maximilian Hirsch
Die muntere Theaterstunde mit tollen Schauspielerinnen veralbert die Mode(l)welt, Verrenkungen beim Zickenkrieg auf dem Laufsteg.
2. Theater unterm Dach: Sehnsucht nach der Sehnsucht, Regie: Katarzyna Makowska-Schumacher
3. Kammerspiele des Deutschen Theater: Philoktet, Regie: Amir Reza Koohestani


Susanne Stern

Susanne Stern – Foto: Janine Guldener
  1. Friedrichstadt-Palast: Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt, Regie: René Pollesch / Fabian Hinrichs
    Im übermenschlich großen Raum des Revuepalasts werden die Fragen nach Überwindung der Einsamkeit und Gelingen des Lebens zu vollkommen schlüssigen, tragikomischen Theaterbildern. Berührend und gedankenstimulierend.
    2. Schaubühne Berlin: Orlando, Regie: Katie Mitchell
    3. Maxim Gorki Theater: Die Nacht von Lissabon, Regie: Hakan Savaş Mican

Friedhelm Teicke

Friedhelm Teicke – Foto: F. Amthea Schaap
  1. Maxim Gorki Theater: Die Nacht von Lissabon, Regie: Hakan Savaş Mican
    Erich Maria Remarques Fluchtroman überschreibt Regisseur Mican berückend-berührend mit ­eigenen Reise- und Migrations­erfahrungen. Aufregend: Dimitrij Schaads vibrierend heiter-melancholisches Spiel.
    2. Friedrichstadt-Palast: Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt, Regie: René Pollesch / Fabian Hinrichs
    3. Schaubude Berlin: Das Fest, Regie: Nis Søgaard