Die Berliner Internet-Szene boomt, ausländische Investoren pumpen Millionen Euro in Firmen, die bisher noch keinen einzigen Cent eingenommen haben. Wann immer man mit den Gründern dieser Firmen spricht, taucht irgendwann ein Name auf: Christophé Maire. In der Szene gilt er als Humanist, ein Calvinist, ein Unternehmer alter Schule, der jungen Menschen mit Rat und einer Anschubfinanzierung zur Seite steht. Wenn er seine Baseballkappe abnimmt, ist Maires weißes Haar ganz verwuschelt. Der 45-jährige Schweizer hat Wirtschaft in St. Gallen und Stanford studiert und war selbst einer der ersten Internet-Gründer in Berlin.

 

Herr Maire, Berlin gilt als neues Silicon-Valley, als idealer Standort für junge dynamische Softwareschmieden. Warum? In Berlin muss man alles neu erfinden, es gibt, auch dank der Geschichte der Stadt, kaum feste Strukturen. In London bekommen gute Leute gutbezahlte Jobs in der traditionellen Industrie oder in Agenturen. Wer hier Ambitionen hat, etwas zu bewegen, gründet eine Firma oder macht bei einer Gründung mit.  Berlin ist voll von begabten Programmierern, allein schon wegen der vielen Unis und weil der Chaos Computer Club hier seinen Sitz hat. Es gibt mittlerweile ein ganzes Netzwerk von Firmen, die sich austauschen und unterstützen. Und in Berlin lebt es sich gut und günstig. Irgendwann gab es eine kritische Masse von Kreativen und die Sache wurde zum Selbstläufer. Inzwischen kommen auch viele gute Leute aus dem Ausland, um in Berlin Firmen aufzumachen. Es ist eine enorme Chance für die Stadt, dass sie als geeigneter Standort gesehen wird, um eine Firma mit Weltformat zu entwickeln. Außerhalb der Gründerszene nimmt diese Chance kaum jemand wahr.

Sie hingegen haben Anfang 2000 den Kartendienst gate5 gegründet und später erfolgreich an Nokia verkauft, sind Geschäftsführer des E-Bookvertriebs txtr’, sitzen im Aufsichtsrat der Musikplattform Soundcloud, besitzen Anteile an unzähligen Internet-Startups und haben noch mehr Berliner Gründungen mit Rat und Tat assistiert. Unternehmertum ist die einzige Möglichkeit, die ich kenne, um die Welt wirksam zu verändern. Mit Risikokapital, übrigens einem sehr sozialen Instrument, kann man es Menschen mit Ideen ermöglichen, ein Unternehmen aufzubauen. Es ist kein Darlehen, sondern ein Geschenk. Man schenkt Vertrauen in den Erfolg einer Firma. Und die einzige Chance das Geld zurückzubekommen, ist, wenn die Firma richtig erfolgreich wird.

Wie groß ist die Chance? Es braucht viele Gründungen, damit einige Erfolg haben. Je mehr Geld in Risikokapital fließt, desto mehr Firmen werden gegründet, desto mehr haben Erfolg. In den USA entstehen bereits die meisten Jobs durch Neugründungen. In Deutschland wird unterschätzt, welche positiven Auswirkungen Risikokapital auf die Wirtschaft hat. Deutschland hat so eine Skepsis gegenüber Unternehmern, dabei schaffen sie Werte und Arbeitsplätze. In Frankreich werden Investitionen in Innovationen steuerlich begünstigt. So wie wir das hier mit dem Bauwesen machen, machen die das für Innovation.

Wenn die Deutschen so zurückhaltend sind, woher kommt dann das Geld mit dem hier gerade die Internetfirmen aus dem Boden sprießen? Fast nur aus dem Ausland. Die fünf Firmen mit denen ich zuletzt zu tun hatte, hatten alle Investoren aus London und den USA.

Wie kommt es, dass so viel in Firmen investiert wird, deren Gründer noch keine Ahnung haben, wie sie jemals Geld verdienen sollen, siehe Twitter? Wenn ein Produkt erfolgreich ist, hat es Zeit, ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass man viel Aufmerksamkeit irgendwann zu Geld machen kann. Durch ein Premium-Kunden-Modell beispielsweise, bei dem Menschen bezahlen, um mehr Kapazitäten für sich nutzen zu können.

Anhand welcher Kriterien entscheiden Sie, in wen Sie investieren? Es geht um die Qualität und die Motivation der Menschen und natürlich die Idee, die dahintersteht. Ich interessiere mich für Produkte, die entweder spannende Geschäftsmodelle haben oder unmittelbar das Leben der Menschen verändern.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein interessantes Startup finden? Ich bin kein professioneller Investor, ich versuche nur, Menschen zu ermutigen, gute Firmen zu gründen. Ich arbeite schon sehr früh eng mit ihnen zusammen. Eine Firma auf die Beine zu stellen, ist ausgesprochen schwierig. Man braucht viel Mut dazu.

Wie finanzieren sich die Gründer, bevor und nachdem sie von Business Angels wie Ihnen unterstützt werden? Das Faszinierende an heutigen Internet-Technologien ist ja, dass man in seiner Freizeit mit wenig Geld einen Prototypen entwickeln kann. In der Phase der Angels reichen dann oft schon 50.000 bis 100.000 Euro um den weiterzuentwickeln und sich immer wieder von einem Testpublikum Feedback zu holen. Wenn das gut ist, kommen weitere Investoren, die darauf setzen, dass das Unternehmen erfolgreich ist, teils mit mehreren Millionen. Sie investieren größere Summen bei steigender Sicherheit, weil das Unternehmen ja schon einigermaßen erfolgreich läuft.

Es haben schon einmal alle geglaubt, dass sich im Internet ein Haufen Geld verdienen lässt. Kann es sein, dass hier gerade eine zweite Dotcomblase heranwächst? Nein, die Investitionen bewegen sich noch in sehr bescheidenen Größenordnungen. In China fließt in die gleichen Bereiche das hundertfache an Mitteln. Außerdem gibt es eine grundsätzliche Veränderung von Medienkonsum, Einkauf und Kommunikation durch die Digitalisierung. Riesenindustrien sind erst jetzt dabei, sich zu verwandeln. Da entstehen enorme Chancen für neue Geschäfte. Im Jahr 2000 war das anders, weil es noch nicht die Infrastruktur dazu gab. Es gab kein Internet auf dem Handy und die wenigsten hatten DSL.