Kunstfinanzierung 2.0: Crowdfunding
Seit vergangenem Herbst sind sie im Trend: Crowdfunding-Plattformen im Internet. Mittlerweile gibt es in Deutschland und Österreich mindestens sechs, vier davon sind in Berlin stationiert. Das Prinzip: Musiker, Filmemacher, Künstler oder andere Kreative, die ein Projekt verwirklichen möchten, aber kein Geld haben, stellen ihre Idee im Internet vor und erhalten Geldspenden von Nutzern, die diese Idee gut finden und unterstützen möchten. Das können Privatmenschen wie Unternehmen sein. Im Durchschnitt erhält man 2.900 Euro von der Internet-Gemeinde, so eine Studie zum Thema.
Viele bekommen auch gar nichts. Beim Crowdfunding gilt nämlich „Alles-oder-nichts“. Wird die Summe, die jemand für sein Projekt benötigt, nicht erreicht, geht das Geld zurück an die Spender. 53 Prozent aller Projekte schaffen es. Zum Vergleich: Bei einer Förderung durch die Berliner Kulturverwaltung schafft es eines von zehn Projekten.
Ein glückliches Händchen bewies der Berliner Architekt Le Van Bo. Er warb auf der Berliner Crowdfunding-Plattform startnext.de für seine Idee „Hartz-IV-Möbel-Wohnung“. Le Van Bos Vorschlag an die Internetgemeinde: Er wollte Holz und Baumaterial kaufen, um seinen „24-Euro-Sessel“ und andere Selbstbaumöbel auf dem Internationalen Designfestival in Berlin zu präsentieren. Die Zahl der Spender hielt sich in Grenzen, doch in letzter Minute sprang die Haus-verwaltung „HOWOGE“, die Plattenbauten verwaltet, mit 3.000 Euro ein und sorgte dafür, dass Le Van Bo die Zielsumme erreichte. Die Erfindung wurde auf der Messe gefeiert und schaffte es in die „Tagesschau“.
Ist Crowdfunding also die Rettung für Berliner Kreative? In 2011 sind im Berliner Kulturhaushalt 884.000 Euro für die Förderung etwa von bildenden Künstlern, Literaten und Schauspielern eingeplant. Gleichzeitig explodiert die Zahl der Kreativen in der Stadt. Der bürokratische Aufwand für Förderanträge ist enorm – für beide Seiten. „Ob ein Vorhaben 500 Euro benötigt oder ein Infrastrukturvorhaben mit fünfstelligem Betrag finanziert wird, der Bearbeitungsaufwand ist bei uns absolut gleich. Kleine Projekte können wir deshalb oft nicht berücksichtigen“, sagt Tanja Mühlhans, Referentin für die Kreativindustrie bei der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen. Daher fördert die Senatsverwaltung eher Infrastrukturprojekte, die der gesamten Szene zuträglich sind, als Einzelprojekte.
„Wir sehen Crowdfunding nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur öffentlichen Förderung“, sagt Denis Bartelt von startnext.de. Seine Vision: Crowdfunding könnte als demokratisches Instrument dienen, um die Tauglichkeit einer Idee zu testen, anstatt eine Jury entscheiden zu lassen. Der erste Test beginnt im Oktober. Eine städtische Fördereinrichtung wird per Crowdfunding Wettbewerbe ausschreiben und Kreative unterstützen, die sich durchsetzen. Tanja Mühlhans kann sich so etwas auch für Berlin vorstellen: „Crowdfunding könnte eine gute Möglichkeit sein, bisherige Förder- und Finanzierungsstrukturen zu komplettieren. Aktuell scannen wir den Markt, um zu sehen, an welcher Stelle eine Unterstützung des Landes Sinn ergeben könnte.“
Laut einer Crowdfunding Studie des Kommunikationsinstituts „ikosom“ wurden bis April 2011 circa 208.000 Euro über die deutschsprachigen Plattformen eingeworben. Das ist real nicht viel, anders als in Amerika, wo Crowdfunding im Kulturbereich bereits zum Standardverfahren gehört. Die zögerliche Haltung der Spender ist auch kulturell bedingt: In Amerika gibt es kaum öffentliche Kulturförderung, privat zu spenden ist normal. Auch haben Kreative in Deutschland wenig Erfahrung damit, ihre Projekte gut zu bewerben. Alle Plattformen haben ein, zwei Leuchtturm-Projekte, daneben aber auch viele, die scheitern. Fest steht: Aus reiner Mildtätigkeit spendet niemand. Es ist ein Geben und Nehmen. Wie immer.
Bar 25 Film // Plattform: inkubato.com _ Funding: 26.991 Euro
Projekt. Dokumentarfilm über die legendäre Bar 25, sieben Jahre lang haben Nana Yuriko und Britta Mischer im Club an der Spree Filmmaterial gesammelt.
Erfahrung. „Die Bar 25 besaß eine enorme Fanbasis. Daher bot sich Crowdfunding an. Wir wollten beziehungsweise mussten nicht den ganzen Film mit Hilfe von Crowdfunding finanzieren. Die noch folgenden Dreharbeiten und die Postproduktion sollen mit Hilfe von Filmförderung und einem koproduzierenden Sender gestemmt werden.“
Spaß. „Es ist wunderbar dass hinter jedem Cent ein Gesicht ist. Das hat sehr viel Spaß gemacht und die Unterstützung hat uns insgesamt viel Kraft und Motivation gegeben.“
Frust. „Crowdfunding ist mit viel Arbeitsaufwand verbunden. Bis zum Schluss waren wir nicht sicher, ob wir diese Summe zusammen bekommen. Außerdem waren damals die Zahlungssysteme noch nicht so ausgereift wie jetzt, es gab keine Erfahrungswerte. Viele potenzielle Unterstützer hat Paypal zunächst abgeschreckt.“
Nochmal? „Wir würden Crowdfunding bei zukünftigen Projekten nutzen, wenn es zum Film passt und dadurch Synergieeffekte entstehen.“
Hartz IV Möbel Wohnung // Plattform: Startnext.de _ Funding: 5.252 Euro
Projekt. Der Architekt Le Van Bo entwickelt „Hartz IV Möbel“ zum Selberbauen, stellt die Bauanleitungen kostenlos zur Verfügung und bietet Kurse zum Selberbauen an.
Erfahrung. „Ich mache Design von allen für alle. Da steckt die Beteiligung des Volkes schon drin. Deshalb suchte ich nach einer demokratischen Finanzierungsform. Crowdfunding ist wie ein Spiel, es gibt verschiedene Hürden, die man nehmen muss. Am Anfang steht ein riesiges Fragezeichen, die Antworten geben die Nutzer. Das ist eine ganz andere Projektdynamik.“
Spaß. „Es sind superviele Kontakte entstanden.“
Frust. „Die Bezahlung. Viele haben nicht gewusst, wie sie das Geld überweisen sollen.“
Nochmal? „Ja, auf jeden Fall. Nach der Wohnung soll ein ganzes Haus zum Selberbauen entstehen.“
Sister Chain & Brother John // Plattform: inkubato.com _ Funding: 3.015 Euro
Projekt. Das Berliner Duo tritt in viktorianischen Kostümen auf, die Musik zwischen Post-Punk und moderner Kammermusik wird ausschließlich analog aufgenommen. Mit dem Crowdfunding-Geld produzieren sie ihr zweites Album „The Androgyn Show“.
Erfahrung. „Wir haben versucht, den Leuten zu erklären, dass sie durch ihre Spende, ihr Exemplar der Platte vorfinanzieren. Am Ende hatten wir aber nicht viele kleine Spenden, wie gedacht, sondern eher weniger größere Beträge.“
Spaß. „Es hat Spaß gemacht, das Video zu drehen und sich die Prämien auszudenken. Es war ein Riesenkompliment, dass so viele alte Fans gespendet haben.“
Frust. „Viele Menschen sind abgeschreckt, wenn sie sich anmelden müssen und online bezahlen sollen.“
Nochmal? „Ja, als freischaffender Künstler hält man eh die Leute auf dem Laufenden, da kann man ihnen auch sagen: Wenn ihr wollt, könnt ihr mitfinanzieren.“
Dr. Rhee’s Kimtschi Shop // Plattform: kickstarter.com _ Funding: 1.290 Euro
Projekt. Die in Korea geborene, amerikanische Künstlerin Kate Hers und ihr Freund Hanjo Rhee, veranstalten in der Neuköllner Bar „Das Gift“ ein einwöchiges Kunstprojekt zum Thema Identität. Im November können Neugierige selbstgemachtes „Kimtschi“, eine Art koreanisches Sauerkraut, probieren. Statt zu bezahlen, sollen Besucher einen „nationalen Schatz“ ihres Heimatlandes mitbringen.
Erfahrung. „Weil ich in Amerika noch gemeldet bin, konnte ich die amerikanische Plattform kickstarter.com nutzen, gespendet haben überwiegend Amerikaner, die einfach die Idee gut fanden. In Amerika ist Crowdfunding keine Wohltätigkeit, es ist eine kommerzielle Angelegenheit, die Leute wollen etwas bekommen für ihr Geld.“
Spaß. „Manche unserer Spender waren sehr witzig, es ist toll mit ihnen in Kontakt zu kommen.“
Frust. „Eigentlich hat mich gar nichts frustriert; es hat einen Tag gedauert das Video zu drehen und zu schneiden, aber sonst …“
Nochmal? „Ja! Ich würde beim nächsten Mal eine deutsche Plattform ausprobieren. Oder vielleicht würde ich damit lieber noch ein bisschen warten.“
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