Das ist wahr. Aus der Nähe betrachtet. Wenn man aber einen Schritt zurücktritt, das ganze, das größere Bild ins Auge fasst, wird man feststellen: Es gibt zwar kein einzelnes neues, fest umrissenes Klangbild, auf das man sich weltweit einigen könnte, aber dafür doch eine Idee von Klang, eine Atmosphäre, ein unterschwelliges Wummern und Wimmern, das scheinbar alle anderen Sounds infiziert hat und eine weltumspannende Stimmung ausdrückt. Wohin man auch blickt, in die Charts oder auf die Avantgarde, in die Welt des Pop oder auf die Dancefloors der Clubs, hinauf in die institutionalisierte Neue Musik oder hinab in Kellerprobenräume: Überall schimmert es verführerisch dunkel, weht das Mysterium und schweben geisterhafte Erscheinungen.

Dabei hat die dunkle Stimmung selbst die einst bunten Hitlisten erreicht. Lykke Li oder Zola Jesus verbinden die für den Mainstream nötige Eingängigkeit mit dem furchterregenden Rauschen der Schaltkreise, das zuvor im elektronischen Untergrund knisterte. Sogar der morbide Retro-Pop einer Lana Del Rey fügt sich in die alles beherrschende Melancholie, indem er eine schemenhafte Erinnerung an eine vermeintlich bessere Zeit heraufbeschwört, die es so nie gegeben hat.

Doch dieses Phänomen hat lange zuvor an den Rändern der Popkultur begonnen. Die Schlagwörter, die entstanden sind, um es fassen zu können, heißen „Drag“ oder „Drone“, „Witch House“ oder sogar „Hypnagogic Pop“.  Die Hypnagogie bezeichnet jenen Zustand zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Traum und Vernunft, in dem der menschliche Geist in neue Dimensionen vorstoßen kann und besonders sensibilisiert ist. Die dabei auftretenden Halluzinationen werden bewusst wahrgenommen, sind aber trotzdem nicht lenkbar.

Fast scheint es, als wollten immer mehr Musiker und vor allem Musikerinnen in diesen Tagen diesen Zustand rekonstruieren, mit Musik erfahrbar machen. In Zeiten der Krise, angesichts sich rasant entwickelnder Kommunikationstechnik und stetig wachsender Archivierungsmöglichkeiten, scheint das Individuum nach Halt und Orientierung zu suchen. Aber inmitten einer immer unübersichtlicher werdenden Welt findet der Einzelne nur mehr Bits and Bytes, immer neue Medien und soziale Netzwerke, in denen er sich selbst in Informationshäppchen aufgelöst erkennen darf. Nicht nur die Musik hat begonnen, inmitten dieser stetig wachsenden Unübersichtlichkeit, hinter Reizüberflutung und Datenüberangebot trotzdem und geradezu verzweifelt nach neuen Sinnfälligkeiten zu suchen.

Das ist eine Antwort auf dieses Phänomen, eine von vielen Erklärungen für die neue Lust am Unheimlichen und Ungefähren, am Vagen und Vergänglichen. Viele andere wird CTM unter dem Titel „Spectral” zu geben versuchen. Mit Konzerten und DJ-Nächten, mit Diskussionen und Klanginstallationen. Vor allem aber ohne Angst vor Genregrenzen und Aufführungskonventionen. Und nicht zuletzt mit einem offenen Blick, um endlich zu sehen, warum die Musik dieser Zeit klingt, wie sie klingt.