Herr Zagrosek, Sie sind Schirmherr des Festivals Faithful!, das viele verschiedene Musik­stile von Club bis Klassik zusammenbringt. Können Sie sich mit dieser Mischung anfreunden? Ja, das ist sehr spannend für mich. So begegnen mir Künstler und Formate, an die ich bislang noch nicht herangekommen bin. Es ist ein sehr breites Panorama, Grenzen werden aufgelöst und damit die Legitima­tion von Kategorisierungen hinterfragt.

Kann so ein Festival die Trennung zwischen E- und U-Musik, also ernster Musik und Unterhaltung, die viele mittlerweile  ­für überflüssig halten, endgültig zu den Akten legen? Ich halte diese Trennung für sehr wichtig. Ein großer Teil der ­Musikindustrie dient ausschließlich dazu, ein bürgerliches Illusionsbedürfnis zu befriedigen. Das ist aber nicht die Aufgabe von Kunst. In der Kunst geht es um existenziellere Fragen. Ich finde schon, dass man das Entertainment der Masse von der Hochkultur trennen muss.

Nun spielt auf dem Festival aber eine Formation namens Vegetable Orchestra eine „Gemüsesymphonie“ und bei einer Karaoke-Veranstaltung steht zeitgenössische Musik von Arnold Schönberg, John Cage und ­Pierre Boulez auf dem Programm. Sie müssen das einigermaßen bizarr finden. Eine große Kuriosität! Man sieht, dass das Thema ­Interpretation auch einen komödiantischen Aspekt haben kann. Parodien gab es in der Musik schon immer, bei Bach etwa. Damals handelte es sich aber um durchaus Ernstgemeintes. Es hat da einen Wandel des Begriffes der Parodie gegeben. Das Karaoke-Programm geht aber sicher in eine kabarettistische Richtung.

Viele Veranstaltungen finden im Technoclub Berghain statt. Waren Sie schon einmal dort? Nein, aber ich bin sehr neugierig. Spä­testens seit Karlheinz Stockhausen ist die elektronische Musik ja auch in die zeit­genössische E-Musik eingeflossen.

Als Dirigent bemühen Sie sich sehr um zeitgenössische Musik. Geht es beim Festival auch darum, die aus ihrem Nischendasein zu befreien? Ich glaube nicht, dass faithful! darum bemüht ist. Alle große Musik war mal zeitgenössische Musik und es gibt auch heutzutage viele neue Stücke, die sich ­einer großen Beliebtheit erfreuen. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ …

… Helmut Lachenmanns experimentelle Oper, die Sie kürzlich an der Deutschen Oper zur Premiere gebracht haben … war immer, wenn sie aufgeführt wurde, ein großer Erfolg. Auch unsere Interpretation kommt gut an. Dafür hat es übrigens fünfundsechzig Proben gegeben – das ging bei diesem komplizierten Stück gar nicht anders. Aber Neue Musik hat ein Publikum. Es gibt in Berlin viele offene Menschen, die Stadt lebt von ihrer Offenheit. Es ist wichtig, sich mit zeitgenössischer Musik zu beschäftigen, weil das auch eine Beschäftigung mit unserer eigenen Gegenwart bedeutet. Ich bin sehr neugierig auf dieses Festival, auf neue ­Interpretationsverhalten und die Blicke verschiedener Kulturen aufeinander.

Wo sehen Sie den Schwerpunkt von Faithful!? Ich finde es interessant, den Zusammenhang zwischen Interpretation, Werktreue und neuen Techniken zu hinterfragen. Ich bin immer von einem sehr starken Werkbegriff ausgegangen, an dem zu rütteln für mich letztlich auch ein Tabu war. Aber ich sehe auch die Legitimität einer Infragestellung von Tradition angesichts der riesigen Entwicklungen um uns herum und der neuen Hörgewohnheiten, die entstehen. Ich freue mich darauf, mich in einen Diskurs einzuschalten, an dem viele Künstler und auch Philosophen teilhaben werden. Für mich ist es ein Lernprozess. Ich bin ­gespannt, was dabei herauskommt.

Werktreue, also ein Werk möglichst originalgetreu zu reproduzieren, ist Ihnen also weiter wichtig? Ich bin jemand, der bislang die Grenzen eher enger gezogen hat. Der Werkbegriff war für mich immer sehr wichtig, das hat auch mit meinem Werdegang zu tun, ich komme da eher von der Theorie Adornos her, für den der Werkbegriff unantastbar war. Gleichzeitig war es auch eine Zeit, in der es noch keine Globalisierung gab, keine elektronischen Medien. Der gesellschaftliche Prozess zwingt uns, darüber nachzudenken, was wir damit anfangen. Ergebnis offen!

Gibt es eine richtige Interpretation oder eine falsche? Das muss man am Werk messen. Die Partituren legen Tempo oder Klang fest. Die Frage ist, ob es diesbezüglich neue Möglichkeiten gibt. Geschrieben stehen nur Noten, zum Leben erweckt werden die Werke durch die Interpretation. Daher beziehen die Interpreten auch ihren Anspruch auf Freiheit aus der Art, wie sie interpretieren.

Die Postmoderne hat zu einer Abwertung des Werkbegriffs und gleichzeitigen Aufwertung der Interpretation geführt. Ja, anything goes. Ist das die Lösung? Ich denke nein, aber ich bin offen, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Wo liegt die Grenze zwischen Interpretation und Bearbeitung? Matthew Herbert beispielsweise hat Gustav Mahlers Zehnte Symphonie rekomponiert. Mit dieser Arbeit habe ich große Schwierigkeiten. Das ganze Mysterium des Adagios wird total zerstört. Wo ist der Zweck, wo der Sinn dieses Remixes? Mir erschließt sich das nicht. Damit sind wir bei dem Thema Treue und Verrat ...

... den das Festival im Untertitel führt ... Jeder zieht da die Grenze anders. Maßgebend ist das individuelle Hörerlebnis.

Ein anderes Diskussionsthema des Festivals ist der Zwang, ungeliebte Stücke zu spielen. Wie ist das bei Ihnen? Mussten Sie schon mal etwas dirigieren, das sie ganz scheußlich fanden? Natürlich, klar. Das passiert einem als ausübender Künstler immer wieder. Man versucht dann, irgendeinen Interpretationszugang zu finden, ansonsten stellt man einfach die nackte Komposition her. Auch in der Neuen Musik gibt es Werke, deren Sinn sich mir nicht erschließt.

Ist man dann dem Werk gegenüber pietätloser? Das ist eine Frage der Haltung. Zur Professionalität gehört aber meiner Meinung nach die Ehrfurcht vor dem, was geschaffen wurde, auch wenn man keine echte Beziehung aufbauen kann. Oft hat so etwas auch mehr mit einem selbst zu tun als mit dem Stück.