»Wir mussten diesen Film machen«: Der serbische Filmemacher Srdjan Dragojevic über Homosexuelle in Belgrad, Vorurteile und seine deftige Satire „Parada“
Herr Dragojevic, einen Film über Schwule zu drehen, das galt jahrelang als ein Tabu in Serbien. Mit welchen Gefühlen gingen Sie in die Premiere, die am 1. November 2011 in Belgrad stattfand? Ich war ängstlich, weil rechtsnationalistische Gruppen in Internet-Foren gegen den Film hetzten. Vor allem Neonazis und Fußball-Hooligans riefen dazu auf, ihn zu boykottieren oder die Premiere zu stören. Es gab also Grund, wachsam zu sein.
Was warfen diese Gruppen Ihnen vor? Dass ich ein Spion der Amerikaner sei und schwule Propaganda drehen würde. So ein Quatsch! Und dann saßen an diesem Abend im Sava Centar, einem Kongresszentrum aus den 80er-Jahren, 4.000 Zuschauer. Die meisten lachten, weinten, niemand schrie herum. Die Menschen waren emotional gerührt, sie verstanden, dass es ein Film über die Liebe geworden ist.
„Parada“ schaffte es sogar zum Blockbuster, der es auch in anderen Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens an die Spitze der Kino-Charts schaffte. Von Woche zu Woche nahmen die Drohungen ab. Ich glaube tatsächlich, dass auch viele Hooligans den Film gesehen haben. Und besonders froh bin ich, dass viele Teenager hineingegangen sind. Leider ist das die Gruppe, in der meiner Meinung nach die größten Vorurteile gegenüber Homosexuellen herrschen.
Auf welch dünnes Eis Sie sich begeben, ahnten Sie ja bereits vor dem Dreh. Ich habe das Drehbuch im Sommer 2008 geschrieben, auf meiner Lieblingsinsel in Kroatien. Niemand redete damals über eine Schwulenparade in Belgrad. Es gab bis dahin nur einen verunglückten Versuch, als 2001 rund 40 Aktivisten auf dem Platz der Republik demonstrierten – und sofort zusammengeschlagen wurden. Das machte mich damals wütend.
Warum genau? Das geschah zu einer Zeit, als Milosevic gerade die Macht verloren hatte. Jeder hoffte, nun bräche eine neue Ära der Toleranz und des Wohlstands an. Und plötzlich passierten diese hässlichen Dinge mitten im Zentrum der Hauptstadt. Ich war maßlos enttäuscht. Seitdem gärte das Thema in mir.
Wieso mussten Sie nach dem Schreiben des Drehbuchs noch zwei Jahre warten, bis Sie den Stoff verfilmen konnten? Die Hölle der Mittelbeschaffung begann. Wie Sie wissen, erschütterte 2008 die Wirtschaftskrise die Welt. Das Budget der Filmfonds in Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurde zusammengestrichen. Also musste ich mir Geld aus dem Untergrund borgen, Sie verstehen schon, von Gangstern.
Die waren scharf darauf, einen Schwulenfilm zu finanzieren? Die haben sich nicht um den Inhalt geschert, sondern nur auf die zehn Prozent Zinsen geguckt. Und so konservativ sind einige dieser Männer gar nicht. Sie haben mehr von der Welt gesehen als viele Belgrader. Sie sind toleranter als die junge Generation, weil sie in Deutschland und Schweden gelebt haben.
Als was? Na ja, als Diebe. Sie haben Banken ausgeraubt und sind im Knast eingesessen. Heute leihen sie Geld an Privatpersonen oder große Firmen, weil unsere Gesellschaft noch nicht stabil genug und ziemlich korrupt ist. Das ist manchmal der einzige Weg, um kurzfristig an Geld zu kommen.
Bis zur Drehankündigung 2010 hatte sich wenig verändert an dem Klima der Gewalt gegenüber Lesben und Schwulen. Das durfte ich selbst erleben. Nachdem in der Presse bekannt geworden war, welche Art von Film ich machen wollte, wurde die Windschutzscheibe meines grauen SUV-Jeeps ein paar Mal eingeschmissen. Und das in Senjak, einem Villenviertel auf einem Hügel, wo auch Milosevic seine Villa hatte und die Deutsche Botschaft liegt. Wir beschlossen daraufhin, nur wenige Szenen in der Öffentlichkeit zu drehen – und so wenig wie möglich darüber publik zu machen.
Eine Szene haben Sie dann doch in der Stadt gedreht – und zwar auf dem Belgrader Pride im Oktober 2010, als auf 500 Teilnehmer zehn Mal so viele Gegendemonstranten und hunderte Polizisten kamen. Wie war die Erfahrung? Es war beklemmend. Eine ungeheure Spannung lag in der Luft. Wir als Teilnehmer wurden von drei Ringen Polizei-Spezialkräften eingekreist, damit die Hooligans dahinter uns nicht angriffen. Die Schauspieler waren sehr nervös. Einige Nahaufnahmen haben wir später nachgedreht, weil einfach niemand entspannt aussah. Für das Team war das eine wichtige Erfahrung. Alle verstanden hautnah, in welcher Situation die schwul-lesbische Community in Serbien lebt. Jeder kapierte: Wir müssen diesen Film machen.
Und hat er die Stimmung im Land verändert? Das kann ich noch nicht abschätzen. Er hat eine Diskussion angestoßen, darüber bin ich zufrieden. Ich habe gehört, der kroatische Minister für Arbeit und soziale Gerechtigkeit hat dieses Jahr Kriegsveteranen gebeten, die Schwulenparade in Zagreb zu beschützen. Als wäre mein Film plötzlich Wirklichkeit geworden – das Leben imitiert die Kunst. Toll.
Ende September wird wieder eine Parade in Belgrad stattfinden, die erste nach der gewalttätigen von 2010. Werden Sie dabei sein? Natürlich. Und meine älteste Tochter, sie ist 22, bestimmt auch. Ob mein 20-jähriger Sohn mitkommt, weiß ich noch nicht. Als ich vor vier Jahren am Drehbuch schrieb, sagte er zu mir: „Papa, mach das nicht, du bist verrückt, du weißt nicht, was das bedeutet.“ Ich fragte ihn, ob er Angst um sich hätte. Und er antwortete: „Natürlich, in der Schule werden sie mich verprügeln, wenn der Film in die Kinos kommt.“ Zu seinem Glück klappte die Finanzierung ja nicht sofort. Heute studiert er Psychologie und ist ganz stolz auf mich.
Kommentieren
Kommentare
Es sind keine Einträge vorhanden