Die Warschauer Brücke ist der einsamste Ort Berlins, sagt Charlotte. Gerade jetzt im Winter, wenn ein eisiger Wind über den langen Steg zur S-Bahn-Haltestelle weht und die Menschen mit grimmigen Gesichtern aneinander vorbeihasten. Dann fragt sich Charlotte oft, ob sich die anderen wohl auch manchmal so allein und verloren fühlen wie sie selbst.
Wer Charlotte trifft, würde nicht damit rechnen, so einen Gedanken von ihr zu hören: Die 25-Jährige ist eine hübsche junge Frau, lange Haare¸ freundliches Gesicht, Stupsnase, große blaue Augen. Charlotte hat fast 400 Facebook-Freunde, darunter viele, die sie in Berlin kennen gelernt hat, seit sie vor sechs Jahren zum Studieren herkam. Wenn sie vor der Bibliothek der Humboldt-Uni eine Pause vom Schreiben an der Masterarbeit einlegt, trifft sie immer Kommilitonen, mit denen sie über die Ablenkungen durch flirtwillige Bibliotheksbesucher witzeln und den Mensa-Speiseplan lästern kann. Bloß niemanden, den sie wagen würde, nachts um halb drei anzurufen, sollte ihre Welt zusammenbrechen.

 

Viele Zugezogene finden keinen Anschluss

So wie vor einem halben Jahr, als ihr Freund mit ihr Schluss machte und sie nicht wusste, wem sie sich jetzt anvertrauen könnte. „Da wurde mir klar, dass ich außer meinem Freund seit Jahren nur oberflächliche Kontakte hatte“, erzählt Charlotte. „Menschen zum Feiern, aber keine zum Ausheulen.“
In der Hauptstadt der Zugezogenen ist das nicht ungewöhnlich. Einsamkeit betrifft nicht nur immer mehr Ältere, deren Kinder weggezogen sind oder die gar keine Familie mehr haben. Auch junge Menschen sind berührt – in Berlin ganz besonders: Allein 2010 kamen fast 150.000 Menschen neu nach Berlin – oft mit großen Erwartungen. Die Stadt macht ein riesiges Versprechen: von Freiheit und Abenteuer, vom Leben am Puls der Zeit und vonaufregenden Begegnungen mit den unterschiedlichsten Typen. Berlin ist die große Stadt des kleinen Moments, in der man sich auf einer After-Hour-Party mit gerade noch Fremden verbrüdern kann, ob aus Böblingen oder Brooklyn. Bis die Party vorbei ist.
Die große Unverbindlichkeit Berlins ist typisch für Metropolen – und Gift für Sozialbeziehungen, sagt Peter Walschburger. Er lehrt Psychologie an der Freien Universität und sieht im Großstadtleben an sich eine Gefahrenquelle für Einsamkeit: „Die hohe Menschendichte und die Anonymität können Stress und negative Gefühle auslösen. Wir Menschen fühlen uns am wohlsten in kleinen, überschaubaren Gruppen mit persönlich bekannten Partnern, wie auf dem Dorf, im Kiez oder im Verein“, sagt er. Das entspreche „unserer sozialen Natur, einem Produkt vieltausendjähriger evolutionärer Anpassungsprozesse“.
Berliner entscheiden sich häufiger als andere, allein zu leben. Die Stadt zählt mehr als eine Million Single-Haushalte, das sind über 54 Prozent – deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt und mehr als in Hamburg, München, Köln oder Frankfurt. Natürlich fühlt sich nicht jeder, der alleine lebt, auch einsam. Charlotte lebt sogar in einer WG, doch mit ihrem Mitbewohner hätte sie sich nicht viel zu sagen, meint sie. Häufig fühlen sich Menschen verlassen, die für Außenstehende sozial versorgt erscheinen, sagt Sonja Müseler vom Verein Telefonseelsorge Berlin. Doch auch in Gemeinschaft könne man sich einsam fühlen.
Etwa 80 Mal am Tag klingelt bei Müseler und ihren Kollegen der Apparat. Weit über die Hälfte der Anrufer kämpft mit Einsamkeit. Manche haben einen Angehörigen verloren, andere finden keinen Partner oder haben Schwierigkeiten, Kontakte zu knüpfen. Gemeinsam sei ihnen eines, sagt Müseler: „Man merkt es den Menschen von außen oft nicht an. Einsamkeit wird gut maskiert.“
Die meisten empfinden das quälende Gefühl als schlimmes Stigma. Es erzählt sich leichter, den Job verloren zu haben als anderen zu gestehen: Ich fühle mich einsam. „Das zuzugeben ist so schwierig, weil man glaubt, es wäre so einfach, Freunde zu finden. Schließlich gibt es um einen herum so viele Menschen, gerade in einer großen Stadt wie Berlin“, erklärt Müseler. Man treffe aber nicht ständig einen Seelenverwandten.

 

„Man merkt es den Menschen oft nicht an. Einsamkeit wird gut maskiert“

 

Frühstückstreff als Anlaufstelle

Allerdings lässt sich dem Zufall auf die Sprünge helfen: Auf dem klassischen Weg, in dem man sich im Verein anmeldet und dort Gleichgesinnte trifft. Oder beim Essen – ein Weg, der immer beliebter geworden ist in Zeiten, in denen viele Menschen sich vor Vereinsmeierei gruseln: Eine Anlaufstelle ist der „Frühstückstreff“, der jeden Sonntag in wechselnden Cafés stattfindet. Jeder, der Lust hat, kann zum gemeinsamen Frühstücken dazustoßen und neue Menschen kennen lernen. Eine andere Möglichkeit sind Dinner-Rallyes wie das „Jumpingdinner“. Alle Teilnehmer bereiten eine Speise für ein mehrgängiges Abendessen zu, fremde Gäste kommen zum Essen in die Wohnung, den folgenden Gang nimmt die Dinner-Gruppe beim nächsten Gastgeber ein.
Charlotte sagt, sie könne sich so ein institutionalisiertes Kennenlernen nicht vorstellen. „Ich möchte nicht wie eine bedürftige Klette wirken, die zwanghaft einen Freund sucht.“ Sie hofft, dass eine ihrer Bekannten aus der Bibliothek vielleicht eine Freundin werden könnte. Als die Kommilitonin vor kurzem
ihre Lernphase in der Bibliothek beendete, fragte sie Charlotte, ob sie sich nicht auch mal unabhängig von Lernpausen auf einen Kaffee treffen wollen. Manchmal ist das Leben in Berlin eben doch nicht so kompliziert.                        

 

 

Die vier Einsamkeitsfallen

Das Gefühl, allein zu sein, kann jeden treffen. Doch manche Lebenssituationen sind besonders gefährlich.

Wenn man für den Job neu in die Stadt kommt ...

Die Situation: Eine neue, spannende Aufgabe, eine neue, spannende Stadt – bloß weiß man nicht, mit wem man sie erkunden soll. Freunde und Partner hat man an einem anderen Ort zurückgelassen. Anders als Erstsemester, die gemeinsam mit ebenfalls nach Anschluss suchenden Zugezogenen in Berlin starten, ist man als Jobwechsler schnell allein. Die Kollegen kommen zwar gerne mit auf ein Feierabendbier, sind aber meist längst sozial verwurzelt und wenig interessiert an neuen Kontakten.

Die Gefahr: Weder gelingt es, die alten Freundschaften in der Ferne nicht einschlafen zu lassen, noch neue Freunde unter den sozial Versorgten zu finden.

Erste Warnzeichen: Man zögert damit, die Wohnung richtig einzurichten. Und hat immer die Frage im Hinterkopf: Vielleicht bietet sich ja doch woanders eine Option?

Der Ausweg: Gemeinschaft gezielt suchen, ein Hobby finden, einem  Verein beitreten! Und zu allererst: Beim Nachbarn klingeln!


Wenn eine Langzeitbeziehung zu Ende geht ...

Die Situation: Am Anfang verbringt man jede freie Minute mit dem neuen Partner. Nach einigen Monaten klebt man immer noch aneinander, die Freunde beschweren sich, dass man sich, wenn überhaupt, nur mit Anhang zu Gesicht bekommt. Später sind die Beschwerden längst verklungen, die Freunde melden sich nur noch pflichtschuldig zu Geburtstagen. Dann ist es plötzlich aus – und man weiß nicht, auf wessen Couch man nun die nächsten Nächte Rotz und Wasser heulen darf.

Die Gefahr: Wenn sich ein Paar nach vielen Jahren trennt, verlieren beide nicht nur den Partner, sondern auch den besten Freund.

Erste Warnzeichen: Verabredungen legt man nicht fest, solange nicht klar ist, was der Partner macht. Wochenenden werden grundsätzlich als Zeit zu zweit reserviert.

Der Ausweg: Am besten vorbeugen und schon in der Beziehung einen Abend pro Woche mit Freunden verbringen. Wenn es zu spät ist, langsam wieder alte Freunde abklopfen – oder von vorne anfangen.


Wenn man von morgens bis abends arbeitet ...

Die Situation: Von wegen 9-to-5-Job – ständig ist man bis spät abends im Büro, sichtet „nur noch mal schnell“ die Unterlagen. Auch wenn die Arbeit Spaß macht und das Team nett ist: Wer sein Leben auf den Beruf konzentriert, schlittert schnell in die Einsamkeit.

Die Gefahr: Kickern mit den Kollegen in der Mittagspause ist nicht das Gleiche wie nach der Arbeit mit den Freunden am Kickertisch zu zocken. Und auch der verständnisvollste Freundeskreis wendet sich schließlich ab, wenn man ständig Verabredungen absagt.

Erste Warnzeichen: Erst verschiebt man ein privates Treffen mehrmals in Folge wegen des Jobs, dann verabschiedet man sich beim Nachholtermin früh – der Arbeit wegen.

Der Ausweg: Stärker zwischen Privatleben und Beruf trennen. Dazu gehören auch fixe, private Termine, zu denen man auch wirklich rechtzeitig Feierabend macht. Die Kollegen werden neidisch sein. Und wenn die wirklich so nett sind, kann man sie privat treffen. Dann aber zwischendurch nach Hause fahren, damit man nicht das Gefühl hat, nie nach Hause zu kommen.


Wenn man viele oberflächliche Bekanntschaften hat ...

Die Situation: 800 Facebook-Freundschaften, unzählige Einladungen zu Partys und Vernissagen, und man kennt selbstverständlich immer jemanden, der einen auf die Gästeliste für diesen neuen Club setzen könnte. Aber keinen Nachnamen.

Die Gefahr: Wer mit sehr vielen Menschen in Kontakt sein möchte, hat nicht die Zeit, die es benötigt, tiefer gehende Freundschaften aufzubauen und zu pflegen.

Erste Warnzeichen: Man trifft sich häufiger mit neuen Bekannten als mit alten Freunden. Wenn man seinen Geburtstag aus dem Facebook-Profil entfernt, gratuliert einem außer Mama plötzlich niemand mehr zum Geburtstag.

Der Ausweg: Sich klarmachen, wer wirklich wichtig ist und diese Freundschaften bewusst pflegen – und seien es nur ein oder zwei. Dazu gehören Anrufe und Besuche zum Geburtstag statt Grüße auf der Facebook-Pinnwand. Und wenn Sie selbst Geburtstag haben, laden Sie zu sich nach Hause ein, egal wie klein die Runde wird – das schafft Verbindlichkeit.