Politik als Beruf: Die Piraten
Christopher Lauer steht in seinem neuen Büro im fünften Stock des Berliner Abgeordnetenhauses. Der Raum ist zehn Quadratmeter groß. Darin ein blauer Teppichboden, ein paar Steckdosen und ein Tisch, den Lauer eben mit zwei Handwerkern hineingetragen hat. Gleich geht es los. Gleich ist Lauer Politiker. Einer der 15 Piraten, die es geschafft haben. Schon werden die ersten Fragen gestellt. Zum Beispiel die Frage nach der Rettung Griechenlands. Klar, die müssen jetzt alle Politiker beantworten, auch Piraten, oder gerade Piraten. Weil sie neu sind im Geschäft, weil sie sich vermeintlich nicht auskennen in dieser komplizierten Welt.
Zuerst lacht Lauer und sagt, was Piratenpolitiker so sagen: Dass sie neu sind, dass die etablierten Parteien auch keine Lösung wüssten. Dass sich zu Griechenland eh schon so viele geäußert hätten – selbst die Sängerin Yvonne Catterfeld. Doch dann, plötzlich, spricht der Politiker aus ihm: „Aber wenn Sie mich persönlich fragen: Es darf keinen Bail-Out geben.“ Er doziert über den Maastricht-Vertrag und beurteilt das Defizitverfahren gegen Frankreich und Deutschland. Am Ende, zumindest klingt es so, weiß Lauer alles besser als seine Partei und die anderen Politiker sowieso.
Christopher Lauer ist das Alphatier der Piraten. Er treibt die Partei voran, für die anderen Fraktionen ist er der Ansprechpartner. Der Seriöse. Der Etablierte. Ein Politiker eben. Ohne Lauer wären die Piraten nicht da, wo sie heute sind. Der 27-Jährige saß bereits in den Talkshows von Anne Will und Stefan Raab – und niemand belächelte ihn dort für seine Wissenslücken, weil er keine offenbarte. Von den 15 Abgeordneten der Piraten, die Ende Oktober ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen sind, ist er derjenige, der am ehesten an einen Politiker erinnert, an Aktenberge und an Anzüge. Anzüge, sagt er, trage er schon länger.
Zwischen großer Politik und Neuköllner Kneipe
Allerdings ist genau das das Problem. Lauers Problem und das seiner Partei. Die Piratenpartei wurde gewählt, weil sie anders ist. Nun aber erwarten die Wähler Ergebnisse, die wenigsten sehen in ihr eine Spaßpartei. Doch Inhalte sind kompliziert. Und wer sich mit Geschäftsordnungen und Rechtsverordnungen herumplagt, hat nicht mehr den Charme derjenigen, die bislang einmal in der Woche in einer Neuköllner Kneipe über Politik redeten.
Christopher Lauer bewegt sich da irgendwo mittendrin, zwischen großer Politik und Neuköllner Kneipe. Aber er will mehr. Er will Karriere machen. Viele in der Piratenpartei wissen nicht, wie sie umgehen sollen mit einem, der wirklich Politiker sein will. Mit einem wie Lauer, einem Politikstreber. Als einen ersten Reflex stellten sie sich quer. Zuerst verlor Lauer die Wahl um den Parteivorsitz, zuletzt die Wahl um den Fraktionsvorsitz. Lauer ist jetzt einfacher Abgeordneter der kleinsten Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Vorletzte Reihe, zweiter Stuhl von rechts. „Das hat auch Vorteile, ich habe mehr Freiheiten“, sagt er. Vor der ersten Sitzungswoche flog er mit zwei Fraktionskollegen und einem „Spiegel“-Redakteur nach Island. Er habe keine Funktionen in der Fraktion, erklärte er. Dann will er sich lieber um seine eigene Vermarktung kümmern.
8,9 Prozent bekam die Piratenpartei bei der Wahl am 18. September. Es war ein Versprechen, eine andere Politik zu machen. Zur Wahlparty im Kreuzberger Club „Ritter Butzke“ kamen die Wahlsieger mit einem Holzschiff auf vier Rädern. Ins Parlament zogen sie einen Monat später mit Kapuzenpullovern ein, der Abgeordnete Gerwald Claus-Brunner trug einen orangefarbenen Overall. Als um 10.30 Uhr der scheidende Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei im silbernen Mercedes vorgefahren wurde, traten drei Piraten vor dem Abgeordnetenhaus ihre Zigaretten aus und gingen rein.
Die Krawatte ums Handgelenk geknotet
Christopher Lauer trug an diesem Tag einen braunen Anzug, eine braune Weste, ums Handgelenk hatte er sich eine Krawatte geknotet. Damit er sagen konnte, er trage ja eine. In der einen Hand hielt er eine rote Mappe mit der Tagesordnung, in der anderen eine Flasche „Club Mate“. Krawatte ums Handgelenk, „Club Mate“, das wirkte wie eine Art Kompromiss. Das war Kalkül. Lauer weiß, dass die Piratenpartei aktuell die perfekte Partei ist, um Karriere zu machen. Er nutzt die Unbedarftheit der Piraten und die Trägheit des Systems.
Kurz nach der Wahl saß Christopher Lauer bei Anne Will, sie nannte ihn „den Oberpiraten“. Ein Einspieler zeigte die Panne im Wahlkampf, als der Spitzenkandidat Andreas Baum nicht wusste, wie viele Schulden Berlin hat. Im Studio verteidigte Lauer erst seinen Fraktionschef. „Der hatte Muffen in der Situation. Wir sind halt normale Menschen.“ Auf die Frage „Hätten Sie es gewusst?“ nannte er dann den exakten Schuldenstand: „Im Moment sind es 63.940.968 Euro.“ Es ist immer die gleiche Masche: Erst macht Lauer einen Witz. Dann zeigt er, dass er es persönlich ernst meint. Das Publikum lachte, doch als Lauer einwarf „Entschuldigung, das war die Verschuldung um 18.37 Uhr“ stöhnten die ersten auf.
Die Nerds, das sind die anderen
Lauer macht keinen Hehl daraus, dass er viel von sich hält. In der Schulzeit in Bonn begann er mithilfe einer Hochbegabtenförderung ein Physikstudium. Heute sagt er Sätze wie: „Ich kann nun mal viele Themen gut vermitteln, vielleicht nicht die Bruttoregistertonnen der deutschen Handelsschifffahrt.“ Die Botschaft: Er weiß, dass die Handelsschifffahrt in Bruttoregistertonnen rechnet. Er spricht von seiner Zeit als Laiendarsteller in Bonn, als er vor 400 Menschen spielte, vom Parteitag, bei dem er vor 1.000 Menschen auftrat. „Ich bin rhetorisch sicher nicht auf den Mund gefallen“, sagt er.
Er studierte in Berlin „Kultur und Technik“ und nennt sich Geisteswissenschaftler. Zuletzt war er Produktmanager eines Software-Startups. Er entwickelte „zusammen mit den Nerds“ eine App, die Daten verwaltet. Sein Chef und einige dieser Nerds sind heute seine Fraktionskollegen. Sie sind für fünf Jahre beurlaubt und dürfen Politik probieren – für 3.309 Euro im Monat, 1.500 Euro Zuschuss gibt es für den Laptop. Lauer scheint sich immer noch als Produktmanager zu sehen, die Nerds, das sind die anderen.
Für die einen Kritiker sind die Piraten eine Spaßpartei, für die anderen eine Ein-Themen-Partei – irgendetwas mit Netzpolitik, Urheberrecht und so. Dabei bietet die Parteienlandschaft den Piraten tatsächlich ein Vakuum, und zwar ein linksliberales: Freiheit für jeden und zwar umsonst. Gepaart mit etwas Spontaneität gibt es dafür ein durchaus größeres Wählerpotenzial. Christopher Lauer will diese Wähler auf sich aufmerksam machen.
Lauer war einer der ersten, der die Piraten für alle Themen öffnen wollte: Grundeinkommen, Drogenfreigabe – das volle Programm. Lauer war auch der erste, der eine Koalition mit SPD und Linkspartei ins Spiel brachte. Beim Thema „Absolute Transparenz in der Politik“ – dem Steckenpferd der Piraten – war Lauer von Anfang an skeptisch. Er war dagegen, dass bei Fraktionssitzungen die Türen geöffnet bleiben. Bei der Frage, ob er selbst „links“ ist, weicht er aus. Er möge das Wort „sozial“ lieber, sagt er. „Aus ganz pragmatischem Interesse, ohne moralischen Überbau.“
Das Wohnzimmer im Abgeordnetenhaus
Was genau die Piraten wollen, müssen sie erst noch klären. Der Raum 109 des Berliner Abgeordnetenhauses ist in den ersten Wochen Besprechungsraum und Wohnzimmer zugleich. Die Tische stehen in Hufeisenform. Auf einem liegt die Zeitschrift „Der Steuerzahler“. An der Wand haben sie eine Mindmap gekritzelt: „Bürgerbeteiligung“, „Polizei“, „queer“ steht drauf, darüber „Information versus Effizienz“. In der einen Ecke bearbeitet der Abgeordnete Martin Delius irgendwas zum Thema „Internet“.
Lauer kommt herein, er ist noch auf der Suche nach Möbeln für sein Büro. In der Post entdeckt er eine taiwanesische Zeitung, auf dem Cover ist Sebastian Nerz abgebildet, der Parteivorsitzende, gegen den er angetreten war. Lauer lacht, dann erklärt er, dass er ihn gar nicht kenne, den Parteivorsitzenden. „Er wollte mit jedem reden, mit mir hat er noch nicht gesprochen“, sagt er giftig. Bei der Kandidatur wollte Lauer die Partei aufrütteln, sie müsse aggressiver für die Ziele eintreten, die Zentrale nach Berlin holen. Er bekam 39,4 Prozent, Sebastian Nerz 60,6 Prozent.
„Leider kann ich meinen Parteikollegen gerade nur schwer vermitteln, dass sie einen wie mich gut gebrauchen können“, sagt er. Man merkt, dass ihn das trifft. Die Piraten gelten als unverbrauchte Politiker. Doch sie können sich nicht freimachen vom Kampf um Stimmen, um Anerkennung.
Für Lauer ist das alles längst eine Ego-Show. Es ist im Kleinen wie damals bei den Grünen und Joschka Fischer. In der Partei hat der es zu keinem Amt gebracht. Zu arrogant, zu herrisch war er. Und doch brauchten sie ihn. Weil Fischer bei den Menschen ankam. Weil er ein Stück Weltpolitik mitbrachte.
Lauer ist in den Talkshows angekommen. Doch von der Weltpolitik ist er noch weit entfernt. Er wird es auf absehbare Zeit nicht einmal in den Deutschen Bundestag schaffen. Auch wenn die Piratenpartei 2013 den Einzug schaffen sollte, dürfen die Berliner Abgeordneten nicht wechseln. Es fehlen die Nachrücker, die Stühle im Abgeordnetenhaus müssten leer bleiben.
Lauer muss einen langen Atem beweisen. Sonst könnte er bald wieder Apps entwickeln, wenn sein Chef und Fraktionskollege ihn dann überhaupt noch haben will.
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