Manchmal hilft Fernsehen tatsächlich,­ ­etwas zu veranschaulichen. In der hochgelobten US-Serie „The Wire“, einer Milieustudie über die Drogenkriege in Baltimore, versucht eine Gang den legendären Omar umzulegen. Die Attentäter scheitern, und Omar ruft im Ghetto in die Nacht: „You come at the king, you best not miss!“ Wer den ­König angeht, schießt besser nicht daneben.
In Berlin halten viele Rocker, Türsteher und Nachtclubbetreiber einen massigen Mann für den König, der derzeit von maskierten Polizisten bewacht in der Charité liegt: ­André Sommer. Die graue Eminenz der Hells Angels wurde angeschossen, aber er lebt noch.
Vom Hooligan in der unter­gehenden DDR hat er sich zum Gastronomen gemausert, der „auch im Erotikbereich inves-
tiert“, wie ein Kenner es ausdrückt. In der Rockerhierarchie steht Sommer oben. Er war Präsident der „Nomads“, der Hells-Angels-Dependance im Osten der Stadt. Der Job sei stressig, einfache Mitglieder hätten es besser, sagte der 47-jährige Sommer der zitty Anfang des Jahres.
Die Nomads hat er kürzlich aufgelöst, nur Tage bevor es Innensenator Frank Henkel (CDU) per Spezialeinsatzkommando getan hätte. Zuvor hatte gerade die Anti-Terror-Einheit GSG 9 das Haus des Hells-Angels-Bosses in Hannover gestürmt, eine Woche später durchsuchten 1.000 Elitepolizisten in und um Berlin die Räume von Bandidos. Innenexperten sprechen von einer Strategie der harten Hand, die noch nicht zu Ende sei. Bundesweit ist die Rockerszene seitdem beunruhigt.
Ein noch unbekannter Schütze wollte wohl die Gunst der Stunde nutzen. Er wartete in Hohenschönhausen am „Germanenhof“, Sommer betreibt die Kneipe. Als der ­Rockerkönig am 10. Juni gegen 3 Uhr ­morgens seine Harley ­bestieg, ging der Schütze auf ihn zu, kurzer Wortwechsel, dann fielen fünf, sechs ­Schüsse. Der König überlebte, ­lebensgefährlich verletzt. Seine Angehörigen – seine Frau und zwei Söhne – entbinden die Ärzte nicht von der Schweigepflicht gegenüber der Polizei, sie ziehen eine Linie zwischen ihm und dem Staat. Ganz Rockerehre.
So entstehen Mythen, zumal die Tat nicht der erste Anschlag auf Sommer war. Vor drei Jahren wurden er und weitere Hells Angels in ihrem Auto von einem anderen Wagen ­gerammt und mit Macheten attackiert. Sommer rief nicht die Polizei, obwohl eine abgebrochene Klinge in seinem Rücken steckte. Die Angreifer gehörten wohl zu den Bandidos, der international zweitmächtigsten Rockerbruderschaft. Sommer schwieg.
Auch diesmal vermuten einige hinter den Schüssen die Bandidos. Kein Geheimnis ist aber, dass Rocker im Nachtleben auch mit anderen Kreisen aneinander geraten. Als Türsteher bestimmen sie, welche Geschäfte in Clubs stattfinden, als Bordellbetreiber konkurrieren sie um gute Standorte. Beste Lage ist die Auguststraße in Mitte – Touristen, Yuppies, Männerhorden sind die Kunden. Dort, neben dem Strich auf der Oranienburger Straße, soll Sommer ein Bordell geplant haben. Wie viel an der Geschichte dran ist? Sommers Anwalt rief auf Nachfrage nicht zurück.
Glaubt man Kennern, wird das Rotlicht ­zunehmend im privaten Rahmen angeknipst. Sexpartys, die nur unter Bekannten beworben werden, Internetforen, auf denen sich entsprechende Angebote von Frauen ­jeden Alters finden, kurzfristige Treffen über Mundpropaganda in gemieteten Clubs. Die Betreiber klassischer Bordelle, zu denen auch die Läden in Mitte zählen, klagen ­jedenfalls über fehlende Kunden. Wer sich bequem über das Internet mit Damen treffen kann, könnte den Weg in ein schummriges Bordell scheuen. Ob die Schüsse die Folge der Konkurrenz in einem kleiner werdenden Biotop sind? Und wenn, was hat das für Folgen für die Szene?
Möglich ist, dass die Macht der Hells Angels nach den Verboten schwindet, die Schüsse auf Sommer nur noch ein symbolischer Akt waren, als wollte jemand zeigen, dass sich der König nicht mehr schützen kann. Seine Männer gibt es zwar weiter, doch sie dürfen weder in Lederkutten noch als Gruppe auftreten. Womöglich zerstreiten sich die Vereinsbrüder.
Vielleicht aber kommt Sommer ­zurück, respektierter denn je. Vielleicht ­behaupten sich die Hells ­Angels auch ohne Lederwesten und die Insignien ihrer Bruderschaft. Vielleicht bleiben sie untereinander loyal und somit ein Faktor im Milieu. Nur geht das? Schließlich leitet sich ihr Einfluss aus ihrem martialischen Auftreten ab, aus den Kutten mit Rangabzeichen, aus der Aura einer Armee. Immerhin erwägt die Bruderschaft, neue Charter zu gründen.
Unklar ist, was überhaupt passiert, sollten die Hells Angels Einfluss verlieren. Nach Seitenwechseln und Razzien sind auch die Bandidos angeschlagen. Dass die deutsch-arabischen Patriarchen, die im Westen der Stadt mit Prostituierten verdienen, demnächst in den Osten expandieren, ­bezweifeln Kenner. Und auch den russischen, bulgarischen oder kroatischen Luden, die gern als ­Mafia bezeichnet werden, fehlt laut Insidern häufig die zentrale Organisation. Fehlen die Rocker, fehlt es womöglich an klaren Strukturen für verschiedene Dienste rund um das Gewerbe – die meisten davon ganz legal: Fahrer, Wirte, Türsteher.
Wer der Schütze war, wissen derzeit ­weder die Ermittler der Polizei noch die Hells ­Angels, angeblich hat André Sommer noch nichts über den Täter gesagt. Nur eines ließen die Hells ­Angels wissen: Sie glauben ausschließen zu können, dass ein enttäuschter Mann aus den eigenen Reihen den König vom Thron stoßen wollte.