Kritik
Nach den zwei internationalen Produktionen „Das Parfum“ und „The International“ spielt Tom Tykwers neuer Film wieder in Berlin, hier und heute: Hanna und Simon (Sophie Rois und Sebastian Schipper) sind seit 20 Jahren ein Paar, teilen Leben, Interessen, gemeinsam durchlebte Krisen. Die Liebe lebt noch zwischen ihnen, aber sehr aufregend ist das alles nicht mehr. Bei einer Konferenz trifft Hanna einen Stammzellenforscher mit dem symbolstarken Namen Adam Born (Devid Striesow). Zufällig begegnen sie sich wieder und wieder, bis es nicht mehr zufällig ist und eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Simon dagegen ist abgelenkt, erlebt diverse persönliche Krisen, dann begegnet auch er Adam Born.
Typisch Tykwer – aber anders als manche seiner früheren Werke bricht „Drei“ nicht unter dem schicksalsschwangeren Drehbuchkonstrukt zusammen. Hier wirkt es auf die Figuren wie eine Energiespritze, lässt sie sich in unerwartete Richtungen entwickeln und das Leben zwischen ihnen (wieder) aufblühen. Das ist so spannend, dass sich der Eindruck vom Regisseur als Marionettenspieler verflüchtigt, auch dank der großartigen Hauptdarsteller – und der Kameraarbeit Frank Griebes, die in vielen Situationen Worte überflüssig macht. Wenn nach den Treffen mit Adam für Hanna die Welt verändert aussieht, sehen wir das im Schillern des Regens auf den Taxifenstern – mehr braucht es nicht.
„Die Seele braucht Farben, damit sie leben kann“, sagt im Film ein computerspielender Junge. Der Satz kann als Motto für die ganze Geschichte stehen. Darin steckt auch der Gedanke „Mehr als nur eine Farbe“. Im Gegensatz zu Simon und Hanna, die sich klar für etwas entschieden und damit vieles andere ausgeschlossen haben, verkörpert Adam so etwas wie die Utopie eines „kompletten Menschen“, der versucht, alle Facetten seiner Persönlichkeit auszuleben, ungehindert von Konventionen und Geschlechterrollen. Dem etwas eingerosteten Paar tut diese Haltung gut. Man darf den Film nicht missverstehen als Plädoyer für oder gegen etwas – „Drei“ ist ein spielerisches Experiment, eine mutig fantasierte Geschichte darüber, dass nicht ein einziger Mensch und eine Beziehung das Spektrum unserer Gefühle abdecken können. Die heitere Grundstimmung und der gelassene Humor, den es in früheren Tykwer-Filmen so nicht gab, lassen sogar eine Art Utopie des Beziehungslebens daraus werden.

D 2010, 119 min, R: Tom Tykwer, D: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow, Kinostart: 23.12.,  www.drei.x-verleih.de