Inhaltsangabe

In einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels treffen die beiden wichtigsten Analytiker der menschlichen Psyche aufeinander: C.G. Jung (Michael Fassbender) und Sigmund Freud (Viggo Mortensen) arbeiten an bahnbrechenden Erkenntnissen, die das moderne Denken revolutionieren sollen. Als die verführerische Sabina Spielrein (Keira Knightley) auftaucht, geraten sie an ihre Grenzen.

zitty-Kritik 23/2011

Let’s Talk About Sex

Wenn ein Mann wie David Cronenberg einen Kostümschinken dreht und dabei die Beziehung von Sigmund Freud und C.G. Jung beleuchtet, ist das nur auf den ersten Blick eine Überraschung. Denn der Kanadier blickte ja in den meisten seiner mitunter recht blutigen und irritierenden Filme in die Abgründe der menschlichen Seele, am Eindringlichsten in seinem Gynäkologie-Meisterwerk „Die Unzertrennlichen“ 1988.

Im Zürich des Jahres 1904 bekommt der junge Arzt und Psychiater Carl Gustav Jung (souverän: Michael Fassbender) eine neue Patientin: die bildhübsche Sabina Spielrein (Keira Knightley). An der psychisch schwerkranken 18-Jährigen will er jene Psychotherapie anwenden, die sein großes Vorbild Sigmund Freud (kauzig: Viggo Mortensen) erfunden hat und damit neue Wege der Behandlung beschreiten.

Mit wunderbaren Schauspielern erzählt Cronenberg nun – basierend auf dem Theaterstück von Christopher Hampton – diese hochinteressante ménage à trois zwischen Jung, Spielrein und Freud. Die beruht auf wahren Begebenheiten und lässt – auch dank der gedrechselten Dialoge – Fassbender, Kneightley und Mortensen viel Raum für ihr Können. Schön auch der ästhetische Widerspruch zwischen dem heimeligen Setting in Zürich oder Wien und den garstigen Untiefen, in die die Psychoanalytiker bei ihrer Arbeit eintauchen. So ist der Film mehr als nur eine intellektuelle Spielerei: eine tiefe Verbeugung vor den Vordenkern Freud und Jung, die aber nicht verheimlicht, dass auch diese großen Männer ihre menschlichen Abgründe hatten. Martin Schwarz