Emotionale Schönheit
Der Bläser-Solist von L’Arpegiatta improvisiert wie ein Jazzmusiker, er macht Scherze mit den Sängern, die ihn in eine barocke Liebesgeschichte verstricken. Das Publikum ist begeistert, spendet Szenenapplaus. Ein Höhepunkt im April beim diesjährigen Festival „Zeitfenster“ für Alte Musik im Konzerthaus. Doch über ein Drittel der Plätze bleibt leer beim ersten Auftritt des weltberühmten Ensembles der Lautenistin Christina Pluhar in der Stadt. Die Erforschung der Musik, die sich früher über die Barockzeit nicht hinaustraute und sich mittlerweile weit ins 19. Jahrhundert vorwagt, die sich am Klang der Originalinstrumente orientiert und lange verschütteten Spieltechniken nachspürt – in Berlin hat sie es immer noch schwer.
Woran liegt’s? Wolfgang Katschner, Chef der Lautten Compagney, einer der ältesten Berliner Formationen für Musik jenseits des symphonischen Mainstreams, sagt: „Es gibt einfach zu wenig Ensembles und Orchester. Die Ausbildung an den Hochschulen ist minimal. Eine Szene kann ich nicht erkennen.“
Ein Zustand, den die Early Music Society ändern will, die seit 2011 gegen die schwache Präsenz ihrer Musik ankämpft. Aber auch der Zusammenschluss von Studenten und Lehrern der Universität der Künste kommt über ein Liebhaberengagement bisher kaum hinaus. Der Kammermusiksaal Friedenau, über Jahrzehnte fast die einzige Adresse, wo regelmäßig auf historischen Instrumenten musiziert wird, ist die Heimat der Gesellschaft. Ohne die Betreiber des 99-Plätze-Etablissements wäre der anderswo seit Jahren anhaltende Hype komplett an der Stadt vorbeigegangen.
Unerklärlich ist das nicht. Denn die Übermacht der großen Klangkörper wie die Berliner Philharmoniker oder das Rundfunksinfonie-Orchester ist zugunsten anderer Variationen klassischer Musik nie in Frage gestellt worden. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt hält für die Alte Musik immerhin einige Aufführungstermine offen. Sonst sähe es an der Veranstalterfront noch trüber aus. Die Initiative bleibt den Machern meist selber überlassen. Das mag für die Unabhängigkeit gut sein, aber der ökonomische Druck verhindert doch die Verwirklichung manch guter Idee. Trotzdem wird nicht gejammert: „Wir entwerfen immer wieder sperrige Programme. Das Geld dazu verdienen wir uns selber“, sagt Katschner. Zurzeit arbeitet die Gruppe an einer Begegnung von chinesischen Instrumenten mit Kompositionen Johann Sebastian Bachs.
Warum spielen Musiker überhaupt Stücke, die oft seit Jahrhunderten keiner mehr gehört hat? Was ist so anziehend an der Alten Musik? Für den Geiger und Konzertmeister Georg Kallweit von der Akademie für Alte Musik ist es vor allem der Gestaltungsspielraum, den der Einzelne während des Probenprozesses hat: „Die unglaubliche Energie und emotionale Schönheit der Barockmusik und die Möglichkeit, sich über sie ausdrücken zu können, beschäftigen und faszinieren mich. Ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Vitalität und Neugier sind aber nötig.“
Attribute, die vor allem ein Ort in Berlin fördert, der die Qualitäten der Alten Musik sowohl szenisch als auch musikalisch ausstellt: das Radialsystem. Folkert Uhde hat jahrelang für die Akademie für Alte Musik den Betrieb organisiert, das Radialsystem betreibt er mit Jochen Sandig seit 2007. Hier hat die Musik einen festen Platz. „Wir streben Innovation durch Formate an, die einem dramaturgischen Programm folgen“, sagt Uhde. „Beim Hauptstadt Kulturfonds gibt es dann dafür auch mal die eine oder andere Förderung. Aber wir bräuchten gar keine permanente Unterstützung. Anschubgeld für eine Wiederaufnahme würde manchmal schon genügen.“ Die Gelder, die der Kultursenat seit vielen Jahren für freies Theater, den Tanz und die Neue Musik hergibt – davon kann die Alte Musik bisher nur träumen.
In der Lübecker Straße in Moabit befindet sich die Zentrale der Akademie für Alte Musik (Akamus). Das mittelständische Unternehmen wurde vor 30 Jahren in der DDR gegründet und spielt Händel und Co. auf Weltniveau. Felix Hilse ist der Manager und verweist stolz auf 80 bis 100 Konzerte weltweit im Jahr. Das ergibt einen Jahresumsatz von 2,5 Millionen Euro. Akamus produziert bis zu drei CDs im Jahr bei Harmonia Mundi Frankreich, dem führenden Label für historisch informierte Musik, die Staatsoper lädt sie zusammen mit dem Dirigenten René Jacobs für eine Neuinszenierung oder Wiederaufnahme pro Jahr ein. Es ist also genug zu tun, aber Berlin spielt dabei eine untergeordnete Rolle. „Was hier so stattfindet, bekommen wir schon mit“, sagt Hilse, „aber von einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig immer auf dem Laufenden hält, kann man hier nicht reden. Da könnte sicher mehr passieren.“ Vielleicht wäre das die Lösung: Wenn sich die Aktivisten zusammen täten, um gemeinsam ihre Interessen und Ideen zu besprechen. Ansonsten bleibt die Stadt, was sie bisher gewesen ist: Provinz für die Alte Musik.
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