Inhaltsangabe

Sokurows FAUST ist nicht nur die Verfilmung von Johann Wolfgang von Goethes Klassiker, sondern auch eine radikale Neuinterpretation des Mythos. In deutscher Sprache mit deutschen, österreichischen und russischen Schauspielern, u.a. Johannes Zeiler (Wiener Schauspielhaus) als Faust, Isolda Dychauk (BORGIA) als Gretchen, Anton Adassinsky (DEREVO-Theater) als Wucherer/Mephisto und Hanna Schygulla, gedreht, schuf Russlands Regiestar Alexander Sokurow einen magischen und zugleich verstörenden Film. Einen FAUST, wie man ihn kennt, aber doch noch nie mit solcher Wucht auf der Leinwand gesehen hat. Dabei entstand Sokurows FAUST ganz ohne Filmförderung mit einem Budget von rund 10 Mio. EURO. Gedreht in Tschechien und Island ist FAUST einer der aufwendigsten Filme in Russlands Filmgeschichte. Für die Kameraarbeit zeichnet Bruno Delbonnel (DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE) verantwortlich. Ein Film wie ein Trip, mit Sicherheit eines der außergewöhnlichsten Filmwerke des Jahres.

zitty-Kritik 02/2012

Klassiker-Verfilmung
Jedem, der den Deutschunterricht nicht komplett verschlafen hat, ist die Story von Goethes „Faust, erster Teil“ in etwa geläufig. Genauso „in etwa“ hat auch Alexander Sokurow seine Adaption des berühmten Stoffs angelegt. Was bei Schülern durchgehen mag, kann man Russlands Star-Avantgardisten allerdings nicht durchgehen lassen. Warum zum Beispiel musste der Stoff unbedingt in ein Biedermeier verlegt werden, wie man es sich Spitzweg-klischeehafter nicht vorstellen könnte? Dazu kommen dauernd ohne jeden dramaturgischen Sinn pelzbemützte Russen ins Bild.
Durch diese pseudoromantische Szenerie stolpert ein monologisierender Faust im Schlepptau des zu einem Wucherer mutierten Mephisto bar jeder Dämonie. Dabei geht es im „Faust“ doch um die wahrhaft mephistophelische Frage der Moderne: Verführt uns der Wissensdrang zu Zynismus und Amoral oder ist Erlösung möglich? Diese Frage stellt sich Sokurow allerdings nicht. Stattdessen sieht er ausgerechnet den von Zweifeln und Nichtstun zernagten „Faust“ als Abschluss seiner Filmreihe über solch rabiat selbstzweifelsfreie Machtmenschen wie Hitler („Moloch“), Lenin („Taurus“) und Kaiser Hirohito („Die Sonne“). „Thema verfehlt, setzen!“ hätte man das in der Schule genannt. Bleibt nur, den deutsch-russischen Cast zu loben, der sich mit allen Mitteln der Schauspielkunst um eine verlorene Sache bemüht. Mit einer illustren Ausnahme: die grotesk verkleidete Hanna Schygulla bei ihren leblosen Verführungsversuchen an Faust. Grauenhafter geht’s nicht. Hans-Joachim Neumann