Riedel landet neben Parteikollegen in Reihe zwei, die anderen fünf sitzen drüben auf der anderen Tribüne. Das meinte die Frau also mit den unterschiedlichen Karten. Wenn er nun flüstert, hüstelt hinter ihm ein Sicherheitsmann, unten reden Politiker darüber, dass Gehälter transparenter werden müssen. „Wen interessiert, wer was verdient?“, sagt Riedel. Es ist in diesen Tagen nicht leicht, ein Liberaler zu sein.
Werner Riedel kennt die Perspektive von der Besuchertribüne. Der 65-Jährige ist Vorsitzender des Ortsverbandes Prenzlauer Berg. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2006 bekam er 3,1 Prozent der Erststimmen, so wenig wie kein FDPler in Berlin. Der Ausflug ins Abgeordnetenhaus sollte ein kleines Highlight für den Ortsverband sein, eine Motivation für die nächsten Monate. Von Menschen wie Riedel kann die FDP lernen, wie man als Kleinstpartei tapfer bleibt.
Die ganze Partei ist auf Prenzlauer-Berg-Niveau gerutscht, laut Umfragen zumindest, gefühlt sowieso. Die Wahrnehmung bestimmten zuletzt Guido Westerwelle als glückloser Außenminister und eine Steuererleichterung für Hoteliers. Auf dem Parteitag in Rostock vom 13. bis 15. Mai wird Westerwelle als Parteichef abgelöst. In Berlin hoffen die Parteimitglieder, dass das reicht. Bei der Wahl am 18. September wollen sie zumindest im Abgeordnetenhaus bleiben, an eine Regierungsbeteiligung ist nicht zu denken. In der Hauptstadt hatte es die FDP immer schon schwer.  1998 scheiterten 2.700 Studenten beim Versuch, die Berliner FDP mit einem Masseneintritt zu unterwandern. Und selbst zu Spitzenzeiten lag die Partei hier ein Drittel unter dem Bundesdurchschnitt.
Die Berliner FDP’ler zwischen Hoffen und Bangen. Sie hoffen, dass ein Wechsel an der Parteispitze reicht. Sie bangen, dass sie ihren ganzen Kurs ändern müssen. Dass der dem Wähler nicht mehr genügt. Ob in Prenzlauer Berg oder Zehlendorf: Überall an der Basis flüchten die Liberalen in die letzten Grundüberzeugungen. Ein Gefühl von Freiheit zum Beispiel. Jahrelang stand sie für Steuersenkungen, für die Privatisierung der öffentlichen Vorsorge. Nun sollen andere Themen in den Mittelpunkt. Nur welche, und wer will sie noch hören? Zuletzt veranstaltete die Berliner FDP im Türkischen Haus einen Diskussionsabend, das Thema: „Was denkt eigentlich das Volk?“
An der West-Berliner Basis sollte die liberale Welt eigentlich noch in Ordnung sein. Der Ortsverband Zehlendorf hat eingeladen ins griechische Restaurant „Symposium“. Hinten im Wintergarten haben sich zwölf Menschen an gedeckte Tische gesetzt, in den Selters-Flaschen stecken FDP-Fähnchen. Viele Männer tragen Jackett, viele Frauen goldene Ohrringe und Seidentücher. Anfangs sieht es wieder nach Abwechslung aus, Ruhepause vom politischen Kleinklein. „Zum Glück geht es heute nicht um ein politisches Thema und die FDP“, sagt eingangs Dörthe Hoffmann, die stellvertretende Ortsverbandsvorsitzende.
Thema ist das Stadtschloss, das Für und Wider des Wiederaufbaus, aber eigentlich eher das Für. Ein älterer Mann namens Bernd Busse hält einen Vortrag, im Hintergrund läuft ein Film über Berlin, mit und ohne Schloss. Es geht um Wandersteinmetze, das Bett von Kaiser Wilhelm, preußische Kultur, Wohlfühlthemen für die Zehlendorfer. Als Busse mit Blick auf die Kosten des Schlosses scherzt: „Ich hoffe, es sind viele Steuerzahler unter Ihnen“, ruft eine Frau: „Nein. Alles Hartzis!“ Dann lachen alle.
Doch später am Abend ist es auch in Zehlendorf vorbei mit der liberalen Eintracht. Der Vortrag ist beendet, das Essen verspeist. Bernd Busse sitzt Roswitha Brühl gegenüber, einer anderen Stellvertreterin vom Ortsverband. Hier Busse, der vornehme Liberale, früher Marketing-Chef bei Bayer, FDP-Chef in Dahlem, heute eine Jahreshälfte immer in Florida. Dort Brühl, eine Psychotherapeutin, eine Theoretikerin, eine kleine, kräftige Frau mit zuppeligen grauen Haaren.
Es geht um Schuld. Sie streiten darüber, warum es nicht läuft in der Partei – Stadtschloss hin oder her. Brühl bleibt Theoretikerin. „Ich sage, dass diese Buhmann-Konstruktion nicht alleine von der FDP zu verantworten ist“,  sagt sie. „Diese Dekonstruktion“ sei der Buhmann, „immer einen Schuldigen zu finden“. Die Gesellschaft habe eine Kultur von Schuldzuweisungen entwickelt. „Die Leute sagen nicht: Ich habe mich über dich geärgert, sondern: Du hast mich geärgert“. Für Brühl, die Psychologin, die Fachpsychologin für Klinische Psychologie, ist das ein großes Problem.
Busse ist sauer. „Wenn wir von 15 auf drei Prozent gesunken sind, müssen wir fragen, was wir falsch gemacht haben“, sagt er. Dann ruft er in den Raum hinein: „Ich bin ja im Herzen ein Liberaler, ich bin 42 Jahre in der Partei, ich habe alles mitgemacht, ich werde liberal sterben. Für mich gibt’s nichts anderes. Trotzdem:  Wenn wir politisch Scheiße gebaut haben, muss man es sagen!“
Was aber falsch läuft, ist für Brühl und Busse nun auch nicht mehr klar – um die Uhrzeit, nach dem Wein. War es die Verengung auf das Thema Steuersenkung im Wahlkampf oder das Gegenteil: die mangelnde Umsetzung des Versprechens? Muss die FDP jetzt etwa sozial-liberaler werden, ein Herz für Hartz-IV-Empfänger entwickeln? Oder das Gegenteil: streng Kurs halten für eine eigenverantwortliche Politik bei den Kranken- und Rentenkassen?
Im vierten Stock des Abgeordnetenhauses sitzt der Mann, der all das wissen könnte. Christoph Meyer heißt der Spitzenkandidat, der Mann, der die FDP retten soll. Er muss mehr Leute wie Riedel, Brühl und Busse mobilisieren und neue überzeugen. Knapp 105.000 Berliner haben vor fünf Jahren noch die FDP gewählt. Jetzt bräuchten sie mindestens rund 70.000. Doch wie soll ein Mann Wähler erreichen, den kaum jemand kennt? Die ganze Stadt redet über das Duell Klaus Wowereit gegen Renate Künast. Meyer hat nicht einmal eine eigene Internet- oder Facebook-Seite. Die werden demnächst erst eingerichtet.
Trotzdem ist Christoph Meyer der Gegenentwurf zu einem wie Werner Riedel: 35 Jahre alt, ein Wirtschaftliberaler, im Berliner Westen groß geworden. Riedel trägt Jeans und Pulli, Meyer Anzüge von Brummer, einem Kleidungsgeschäft an der Tauentzienstraße. Meyer wuchs in einem konservativen Akademikerhaushalt in Grunewald auf, Ausbildung bei der Dresdner Bank, Jura-Studium an der Freien Universität. Er hat auch fünf Jahre in Kreuzberg gewohnt, am Südstern. „Spannend und nett“ sei das gewesen, „aber irgendwann zieht man doch da hin, wo man auch den Lebensmittelpunkt hat, und das ist doch die City-West“, sagt er. Früher ruderte er im Verein am Wannsee, heute macht er ein bisschen Fitness, ist gerne unterwegs, im Grunewald oder am Schlachtensee.
In Meyers Büro steht ein Regal mit ein paar Lexika, FDP-Ordnern, dem Sarrazin-Buch. Der Holz-Schreibtisch und der Glastisch sind fast leer. Seit 2009 ist er Fraktionschef, seit 2010 auch Landeschef. Es könnte sein, dass er im Herbst wieder ausziehen muss. Meyer ist als Rechtsanwalt zugelassen, gearbeitet hat er in diesem Beruf noch nicht. Arbeitsrecht würde ihn interessieren, sagt er.
Noch ist es nicht so weit, dass er die Politikkarriere an den Nagel hängt, noch will er kämpfen. Zuletzt forderte er Kürzungen beim Arbeitslosengeld für Eltern, die den Bildungsgutschein nicht beantragen. Meyers Thema ist die Wirtschaft. Für den Weiterbau der A100, gegen die Ausweitung der Zone 30, gegen den Investitionsstau bei der Charité, weniger Beamte, weniger Quartiersmanagement.
„Wir brauchen mehr privates Unternehmertum, mehr privates Kapital in der Stadt“, sagt er. Er scheint immer noch überzeugt zu sein von der Idee der Steuersenkungspartei. Programmatisch sieht Meyer „wenig Unterschiede“ zur Bundespartei, deren Inhalten vor der Bundestagswahl oder Martin Lindner, seinem Vorgänger als Berliner Fraktionschef. „Ich bin aber sicher ein anderer Typ, was die Intonierung von Inhalten angeht“, sagt er. Meyer redet ruhig und guckt dabei immer wieder auf den Boden.
Meyer ist mit 18 Jahren in die FDP eingetreten, „als Überzeugungstäter“, wie er sagt. Ein liberales Weltbild, das auf Freiheit und Eigenverantwortung setzt, entspreche am ehesten seinen Vorstellungen. Als Gegenpol sieht er immer die Gefahr der „Tyrannei der Mehrheit“. Meyer ist über die Theorie zum Liberalismus gekommen, über den Philosophen John Stuart Mill. Wenn es konkret werden soll, wird er gerne grundsätzlich. Bei der Frage, wie er die neue Siemens-Sparte nach Berlin holen will, spricht er von Ordnungspolitik, einem verlässlichen Staat, der wichtiger sei als eine Subventionspolitik.
Der neue Gegner sind die Grünen. Deren Politik sei diametral anders die der FDP. „Die meinen reflexartig immer, der Staat müsse die Lebensrisiken der Einzelnen übernehmen“, sagt er. Die FDP gebe die schwierigere Antwort, die Menschen seien erstmal für sich selbst verantwortlich. Dennoch haben gerade in Berlin die Grünen der FDP den Rang abgelaufen, auch bei der Gunst der CDU. Meyer und seinem Landesverband fehlt die Machtoption oder wie er selbst sagt: „ein Funktionsargument“.
Viel Zeit ist nicht mehr, um zumindest ein passables Ergebnis zu holen. Vielleicht gibt Philipp Rösler als neuer Vorsitzender etwas Rückenwind, vielleicht müssen sie es selber richten. Die Bundespolitik wird im September als Ausrede wohl kaum ausreichen, wenn wieder Köpfe rollen sollen. Die FDP redet derzeit viel über Verantwortung. In den letzten Jahren hat sie die gerne als Eigenverantwortung bemüht, bei der Förderung privaten Krankenkassen und Altersversorgung. Nun geht es um Schuld. Schuld an der Misere, am Absturz, der Menschen wie Christoph Meyer die Karriere kosten kann, und einen Werner Riedel vielleicht doch mal schlecht schlafen lässt.
Einer wie Werner Riedel lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Für Wirtschaft hat er sich ohnehin nie besonders interessiert. Sein Thema war immer die Bildung, und die Freiheit, na klar. Er ist in der DDR aufgewachsen, erst Rostock, dann Hellersdorf, nun wohnt er schon seit Jahrzehnten in der Pappelallee in Prenzlauer Berg. Er war Hochschulprofessor, kein Umstürzler, aber er trat vor 30 Jahren in die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands ein, die fast vergessene liberale Blockpartei. Seine Leute nennt er „mein Lieber“, „mein Großer“ oder „mein Kleiner“, je nach Größe und seiner Laune.
Mit der großen politischen Karriere hat es für Riedel nie so richtig geklappt. „Das sind Dinge, die Sie irgendwo wegstecken, sonst kommen sie nicht weiter“, sagt er über missglückte Versuche. An einen Austritt aus der FDP hat er dennoch nie gedacht. „Ich fühle mich immer noch sehr wohl“, sagt er. „Wenn ich das Vertrauen nicht hätte, würde ich es nicht machen. Ich habe ja nichts mehr davon.“
Ob in Zehlendorf oder in Prenzlauer Berg: Es ist nicht klar, welcher Kurs Erfolg verspricht, geschweige denn, welcher Typ Liberaler jetzt gefragt ist: Ein Theoretiker oder ein Lautsprecher, ein Professor oder eine Psychotherapeutin – die FDP kann gerade jeden gut gebrauchen.