Aus- und Weiterbildung: Zack! Bumm!
Um heute hier sitzen zu können, hat Brilling zwei Jahre als Au-pair auf der britischen Isle of Man gearbeitet. Englisch sprechen, das war das eine Ziel, aber vor allem wollte er Geld sparen, um sich eine Ausbildung an der Berliner Games Academy zu finanzieren. Als seine Bewerbung im vergangenen Jahr angenommen wurde, ging für ihn ein Jugendtraum in Erfüllung. Dafür steht er gerne samstags um sieben Uhr morgens auf und arbeitet an seinem derzeitigen Projekt weiter. Die Sonne kann warten.
Die Games Academy wurde 2000 als erste deutsche Spezialschule für Computerspielproduktionen gegründet. Zurzeit sind in Berlin 120 Schüler eingeschrieben. Sie haben gute Aussichten, später einen Job in der Games-Branche zu bekommen. Denn die schnell wachsende Spiele-Industrie verlangt nach qualifizierten Mitarbeitern.
Games Academy, das mag ein wenig nach akademisch getarnter LAN-Party klingen, sie ist in Wahrheit aber eine auf die Bedürfnisse des Marktes ausgerichtete Ausbildung, die neben Talent vor allem Handwerk und zeitlichen Aufwand verlangt. „Manche der Studenten denken am Anfang, sie könnten hier den ganzen Tag World of Warcraft spielen“, sagt Brilling. Dabei sei das Spielen an der Games Academy in erster Linie Arbeit, wenn selbstkreierte Spiele auf ihren Spielspaß hin getestet werden, den „Proof of fun“, wie es in der Games-Sprache heißt.
14 bis 16 Stunden verbringt Brilling oft an der Games Academy. Seine ursprüngliche Idee war es, nach der Ausbildung wieder nach England zu gehen. Aber eigentlich müsste er gar nicht weg aus Berlin. Denn der vielfältige Markt der Spiel-Entwickler in Berlin boomt.
Das war nicht immer so. Zwar hat der Markt für digitale Spiele deutschlandweit schon länger die Film- und Musikbranche an Wirtschaftskraft überholt, doch die Berliner Games-Branche stand lange im Schatten von Hamburg und Frankfurt am Main, wo die großen Firmen für Computerspiele angesiedelt waren. Doch spätestens mit dem massiven Aufkommen der Online-Games wurde Berlin, seit jeher Anziehungspunkt für junge Kreative aus aller Welt, für die Software-Hersteller interessant.
Eine Erfahrung, die auch Alexander Raphelt gemacht hat. Als Concept Artist entwirft er erste grafische Inhalte für Unternehmen, die ein Spiel entwickeln wollen. Als er 2009 die Flow-Studios gründete, leistete er in Deutschland Pionierarbeit. Die Visualisierung von Ideen der Software-Hersteller war bis dahin etwas, das vor allem in Asien angefordert wurde, in Korea oder China, aber nicht in Berlin.
Raphelt, der mit seinem Irokesenschnitt und den Baggy Pants eher an einen Punk als einen Jungunternehmer erinnert, hat seinen Schritt nie bereut. „Von Anfang an schien es, als hätten die Unternehmen nur auf unsere Dienste gewartet, wir hatten überhaupt keinen Leerlauf“, sagt der 31-Jährige. Nun teilt er sich mit einem Team aus Freunden, die er teilweise schon seit Jugendtagen kennt, ein Büro in einem riesigen Gewerbegebiet in Wedding und zeichnet Landschaften und Kreaturen auf seinem Computer. Es ist ein Kindheitstraum, der ihn immer noch erfüllt. Auch wenn die Konkurrenz zunimmt.
„Wir sind leider nicht mehr einzigartig, die digitale Artist-Szene in Berlin wächst extrem schnell“, sagt Raphelt, der auch als Dozent an der Games Academy arbeitet. Seine Dienste bieten in Berlin nun auch andere Unternehmen an, „der Bedarf für coole Grafiken ist mittlerweile riesig “. Doch das Verhältnis mit den Wettbewerbern ist gut. Man tauscht sich oft aus, sei es in Internetforen oder auf Messen wie den Deutschen Gamestagen oder der angeschlossenen Entwicklerkonferenz Quo Vadis, die Anfang Mai in Berlin stattfanden.
Einer der größten Entwickler, der sich auf der Quo Vadis präsentierte war Wooga, ein Berliner Unternehmen, das noch im Jahr zuvor nur Insidern bekannt war. Innerhalb kurzer Zeit hat sich das von Jens Begemann 2009 mit drei Mitarbeitern gegründete Wooga zu einem der erstaunlichsten Start-Ups der jüngeren Berliner Geschichte entwickelt, das gerade erst wieder Grund zum feiern hatte.
Die Zentrale befindet sich in der Backfabrik in Prenzlauer Berg. Ein Hauch von Silicon Valley weht durch die lila gestrichenen Räume während sich der Besucher angesichts lässig gekleideter, zumeist junger Mitarbeiter aus 20 Nationen zuweilen im angrenzenden Soho House wähnt. In der Küche, gleich gegenüber vom „Kreativraum“ stehen noch Champagnerkartons, Überreste der Party, auf der das Überholen eines weiteren Konkurrenten gefeiert wurde.
Wooga steht nun weltweit, inmitten von ausnahmslos amerikanischen Konkurrenten, auf Platz Drei im Bereich des Social Gamings, einer Branche, die bis vor wenigen Jahren noch gar nicht existierte. Social Games sind in der Regel kleine Spiele für zwischendurch, deren Kundschaft weit über das üblichen Gamer-Profil hinausreicht und die für jedermann auf sozialen Plattformen wie Facebook abrufbar sind.
Zurzeit spielen über 27 Millionen Menschen mindestens einmal im Monat eins der bisher fünf Wooga-Produkte. Sie heißen Monster World oder Bubble Island, haben Pandas oder Waschbären als Helden und sind in wenigen Augenblicken erlernbar.
Die Angestellten von Wooga arbeiten allesamt in Berlin. Eine davon ist Sina Kaufmann. Sie ist erst seit einem halben Jahr dabei ist und doch schon fast eine Veteranin. Manchmal schüttelt sie ungläubig den Kopf, wenn sie über die Entwicklung des Unternehmens spricht. „Am Anfang hatte ich den Vorsatz, jeden Kollegen mit Namen zu kennen, doch das habe ich mittlerweile aufgeben müssen“, erzählt sie. Als sie kam, hatte sie etwas mehr als 30 Kollegen, heute sind es 82. Und im Wochenrhythmus kommen zwei Neue hinzu, ein Ende ist nicht absehbar.
Die von Firmengründer Begemann formulierte Zehn-Jahres-Vision lautet: eines der drei größten Computerspiele-Unternehmen werden. Insgesamt, nicht nur bei Social Games. Von Berlin aus, so das Ziel, soll die Welt erobert werden.
Mehr Infos unter www.games-academy.de, www.flow-studios.eu, www.wooga.com
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