zitty-Kritik 05/12

Elternabende gehören gemeinhin nicht zu den beliebtesten Freizeitgestaltungen. Man sitzt unbequem auf viel zu kleinen Stühlen, jede Menge Organisatorisches wird verhandelt und wenn die Lehrerin ausführlich ihr pädagogisches Konzept erläutert, fühlt man sich wie einst im Unterricht – alles schläft und einer spricht. Konflikte in der Klasse bespricht der Lehrer stets allgemein, keine Namen. Dramatisch wird es aber, wenn die Versetzung des eigenen Kindes gefährdet oder die Gymnasialempfehlung in Gefahr ist. Dann hört der Spaß auf und der Kampf beginnt. Eben das ist Thema des Stückes von Lutz Hübner, das vor zwei Jahren in Dresden uraufgeführt wurde und seitdem die Stadttheater-Spielpläne im ganzen Land erobert. Nun hat es der vor allem als Filmregisseur bekannte Sönke Wortmann im Grips Theater inszeniert. Und wie!
Wortmann ist ein Besetzungscoup des neuen Grips-Intendanten Stefan Fischer-Fels, der nicht nur mit der gut gebauten „Komödie über einen Elternabend“ eine ausgezeichnete Spielplanwahl getroffen hat. Mit Wortmann verschaffte er der Premiere eine große mediale Aufmerksamkeit, doch der bekannte Filmemacher erweist sich auch am Theater als glänzender Dialog-Regisseur, der Hübners pointierten Text rasant zu inszenieren weiß.

Wortmann kann dabei auch auf großartige Schauspieler bauen, die ihre Elternfiguren mit hohem Wiedererkennungspotenzial punktgenau darstellen. Katja Hiller gibt die kühl-kalkulierende Karrierefrau, René Schubert den arbeitslosen Ossi, der alle Aufstiegshoffnungen in die Tochter legt. Nina Reithmeier spielt als alleinerziehende Mutter des Klassenbesten die solidarische Vernunftfrau, Alessa Kordeck die den Sohn verklärende Glucke und als ihr aalglatter Ehemann zeigt Roland Wolf, dass er nicht nur knuddlige Jungs, sondern auch das Arschloch spielen kann. Regine Seidler ist die strenge aber integre Lehrerin, gegen die sich die Eltern verschworen haben, weil sie der kindlichen Karriereplanung im Wege steht.
Schule als Kampfplatz – auch im Erwachsenspielplan bleibt das Grips dicht an der Realität dieser Leistungsgesellschaft.