Gangsterläufer
m. Vorfilm
zitty-Kritik 03/2012
Neuköllndoku
Wie Agostino Imondi und Dietmar Ratsch 2010 mit ihrem Erfolgsfilm „Neukölln Unlimited“ entführt uns auch Christian Stahl mit seiner dokumentarischen Langzeitbeobachtung in eine der vielen Parallelwelten in diesem Bezirk. Wenn der Filmemacher nicht eines schönen Tages seinen jugendlichen Nachbarn Yehya (Foto) im Treppenhaus kennengelernt hätte, wäre er wohl nie so tief in dessen Szene vorgedrungen. Yehya schleppte Stahl die Wasserkästen bis in den fünften Stock – „das ist gutes Training für die Arme!“ Doch dieser Yehya ist das, was die Behörden einen Intensivstraftäter nennen; Berufswunsch: Gangster. Dabei ist der Jugendliche kein Proll, sondern ein hochintelligenter Typ, dessen Ausstrahlung auch auf der Leinwand zu spüren ist. Der Sohn palästinensischer Flüchtlinge aus dem Libanon und Rütli-Schüler mit Bestnoten weiß diese ihm eigene Aura zu nutzen und bewegt sich gerne wie der König der Straße in seiner Ecke des Kiezes.
Doch mit 17 kommt der Bruch in der Vita. Wegen eines Raubüberfalls wird Yehya zu drei Jahren Knast verurteilt, ohne Bewährung. Stahl besucht ihn in dieser Zeit regelmäßig mit der Kamera, wir lernen Yehyas Familie kennen und sein Umfeld. Und wir erleben mit, dass im Knast die Dinge anders laufen, auch für ein Alphatier wie Yehya.
„Gangsterläufer“ ist ein packender Dokumentarfilm, der schon erfolgreich beim „Achtung Berlin“-Festival lief. Stahl dringt tief in eine sonst nur schwer zugängliche Welt vor. Und bei all der Faszination über die Hauptfigur bleibt ein Bedauern darüber, wieviel Potenzial Yehya wegen seines Lebensstils verschenkt. Martin Schwarz
Kommentieren
Kommentare
Es sind keine Einträge vorhanden