- Artikel
- 12.11.2007
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Essen & Trinken: Kein Hype – nirgends: Die Kneipenszene im Norden Neuköllns
Den Neuanfang machte Ende letzten Jahres ein Laden, dessen Namen wie ein Schrei nach Emanzipation klingt: Freies Neukölln heißt die Eckkneipe an der Weser-, Ecke Pannierstraße. Und der Schrei wurde gehört. Der Laden war schnell gut gefüllt, im Sommer waren freie Tische und Bänke an der Straße heiß begehrt. Dabei ist das Freie Neukölln nicht etwa besonders ausgefallen gestaltet. Eher bodenständig, zurückhaltend, schlicht: untapezierte bemalte Wände, einfache Tische und Stühle, fertig. Hier gibt es Bier, einige Weine und gute Snacks wie Focaccia oder Pasta. Das schien der Startschuss für neue Läden gewesen zu sein: Einige hundert Meter entfernt haben zwei Künstler einer Eckkneipe neues Leben eingehaucht und sie einfach Ä getauft. Zwei große Räume mit Lounge-Atmosphäre, Sofas, Sesseln, Spiegeln und Buchstaben von Werbeschildern. Das Ä ist mehr als nur bloßes Wirtshaus. Als Programmkneipe soll es Musikern, DJs und Filmemachern als Bühne und Treffpunkt dienen.
Der Dornröschenschlaf ist vorbei
Neukölln kommt offensichtlich an. Das Publikum besteht sichtbar nicht aus Szeneleuten oder solchen, die sich dafür halten. Vielmehr kommen hierher die Leute aus dem Kiez, dankbare Anwohner. Fast alle wohnen in der Nähe und wollen nicht immer nach Kreuzberg oder Mitte fahren, um einfach mal auszugehen. Nachfrage nach Kneipenkultur gab es in der Gegend, die auch bei Studenten sehr beliebt ist, schon seit Langem. Auch bei den jetzigen Betreibern der Läden. Ihre Suche nach geeigneten Räumen erwies sich als gar nicht so einfach. Teils wurden sie erst nach mehrmonatiger Suche fündig und mussten erstmal umfangreich renovieren.
Das Silverfuture etwa hat eine einstige Motorradkneipe in der Weserstraße aus zehnjährigem Dornröschenschlaf geweckt. Nun dominieren Bordeauxrot, ein wenig Pink in Silber, Vorhangstoff und Plüsch. Ein betont queerer Laden mit einem auffallend gemischten Publikum. Im Jimmy Woo um die Ecke sorgen Chillout-Musik und Plakate von Bruce-Lee-Filmen für trashig-asiatische Atmosphäre. Der kleine, unaufgeregte Laden ist eine charmante Mischung aus Cocktailbar und indochinesischem Clubrestaurant. Die Suppen werden in großen Schalen serviert, die Curry-Gerichte sind angenehm scharf gewürzt, die Cocktails mit angemessener Fürsorge gemixt.
Den Titel als die ersten Neukölln-Pioniere haben eigentlich die Betreiber des Kinski-Clubs verdient. Sie hatten bereits vor sechs Jahren Mut und vor allem Lust, in dem verschlafenen Viertel eine Kneipe aufzumachen, auch um einen Treffpunkt für Gleichgesinnte anzubieten. Aus dem Experiment des Wohnzimmers für Jedermann ist ein langlebiger Club geworden. Seitdem gibt es auch in der Friedelstraße Filmabende, Ausstellungen und Live-Musik. Kinski-Gründer Felix von Hugo kehrte indes dem Club irgendwann den Rücken und eröffnete im Mai ein paar Schritte weiter mit der Kantina von Hugo ein kleines Restaurant, hell und freundlich beleuchtet, mit schlicht verputzten Wände und portugiesischen Fliesen. Die täglich wechselnde Karte bietet mediterrane Küche mit französischen und arabischen Ideen. Zum Konzept gehört auch ein Fünf-Gänge-Menü mit Wein und Kaffee für schlappe 25 Euro.
Was am meisten in all diesen neuen Kneipen und Restaurants auffällt: Alles ist ganz normal, die Betreiber, die Gäste, die Läden selbst. Das Angebot passt sich einfach der Nachfrage im Kiez an: Man bleibt freundlich, bescheiden, unaufgeregt. Und gleichzeitig ist jener Pioniergeist zu spüren, der kurz nach dem Mauerfall im sich neu entdeckenden Ostteil vorhanden war. Einfach machen.
Und schon sind die ersten Trendsucher von außerhalb des Kiezes unterwegs, die vom angeblichen Hype profitieren wollen. Die Neukölln-Pioniere bleiben gelassen. Weil die Weserstraße eben nicht zur Castingallee taugt.
Ä, Weserstraße 40 (Ecke Fuldastr),
tägl. ab 17 Uhr, www.ae-neukoelln.de
Freies Neukölln, Pannierstr. 54,
Mo-Fr ab 17 Uhr, Sa-So ab 17 Uhr,
www.freies-neukoelln.de
Silverfuture, Weserstr. 206, tägl. ab 17 Uhr,
Tel. 45 63 49 87, www.silverfuture.net
Jimmy Woo, Friedelstr. 24,
tägl. ab 12 Uhr, Tel. 0176-25 35 62 05,
www.jimmy-woo.de
Kulturverein Kinski e.V., Friedelstr. 28,
tägl. ab 20 Uhr, www.kinskiclub.de
Kantina von Hugo, Friedelstr. 31,
tägl. von 11-23 Uhr, Tel. 22 43 28 25.
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