Jackson Pollock war schuld. Seine abstrakten Farbtröpfeleien und die Schnitte, die der italienische Künstler Lucio Fontana den Leinwänden zufügte, lösten eine irreversible Entscheidung aus: Mit solchen Bildern im Kopf konnte der Wandmaler Gerhard Richter nicht weiter Mensen und Museen dekorieren.

Unter den Putzschichten des Dresdner Hygienemuseums verbirgt sich noch eines seiner frühen illustrativen Panoramen.  „Lebensfreude“ nannte der 24-Jährige, der an der Staatlichen Kunsthochschule in Dresden studierte, 1956 seine Diplomarbeit. Damals malte Richter einen  Figurenfries mit spielenden Kindern und madonnenhaften Müttern. Drei Jahre später reiste er zur zweiten Documenta nach Kassel, und was er dort von Pollock, Fontana, Jean Fautrier und Francis Bacon sah, verstörte ihn derart, dass er seine Schlüsse zog: „Ich merkte, dass etwas mit meiner Denkweise nicht stimmte.“ Zwei Jahre später, kurz vor dem Mauerbau, verließ Richter die DDR.

Sein bis dahin entstandenes Werk blieb zurück, das danach hat ihn zum wichtigsten und teuersten deutschen Maler gemacht. Und zum internationalen Star. Im vergangenen Jahr stieg der Preis für ein abstraktes Richter-Bild während einer New Yorker Auktion auf die Rekordhöhe von 15 Millionen Euro. Knappe zwölf Millionen hatte zuvor das Bild von einer Kerze aus Richters gegenständlichem Repertoire gekostet, das bis dahin als sein elementares Werk galt. Richters Ausstellungen breiten seit langem beide Mal-Richtungen sorgsam aus: die berühmten Verwischgemälde nach Fotovorlage ebenso wie die leuchtenden Abstraktionen. Während er solche Abstraktionen malte, ließ sich der Künstler jüngst für den Film „Gerhard Richter Paintings“ zuschauen. Seitdem weiß man, wie kritisch er seinen Bildern begegnet, sie notfalls nach Wochen übermalt, obwohl sie eigentlich als fertig galten.

Was besteht, findet man in der großen Retrospektive „Panorama“, die nach der Londoner Tate Modern nun die Neue Nationalgalerie in Berlin und anschließend das Centre Pompidou in Paris bereist. In Berlin hat Dorothée Brill die Ausstellung kuratiert – und den Vorteil, dass die Räume eine offene Präsentation mit Blickachsen erlauben. So zwingt zwar wie in London die chronologische Hängung vor allem abstrakte Werke zusammen, die sich optisch erdrücken. In der Neuen Nationalgalerie aber kann man jederzeit entkommen, wenn es einem zu bunt wird. Und obgleich jede Station ihre Akzente setzt und sich die Ausstellung an die örtlichen Bedingungen anpasst, wollen doch alle dem rätselhaften Künstler auf die Spur kommen, der die Öffentlichkeit scheut und lieber seine Bilder sprechen lässt. Was immer sich Richter über die Kunst entlocken lässt, wird von geradezu stereotypen Negationen begleitet – er habe keine Absichten, kein Programm, keinen Stil.

 

Abwehr als Appell

Ob das so stimmt, lässt sich in der Neuen Nationalgalerie an rund 150 Gemälden prüfen. Den Auftakt macht der „Tisch“ von 1962, jenes Gemälde, in dem der Künstler erstmals einen alltäglichen Gegenstand zeigt und mit einer abstrakten Übermalung verbindet. Richter hat es zur Nummer 1 seines Werkverzeichnisses erklärt. Das Ende der Ausstellung markieren einige seiner Installationen aus Glas. Dazwischen hängen die Einzelbilder und Zyklen, mit denen der Maler berühmt geworden ist: „Onkel Rudi“ von 1965, „Ema (Akt auf einer Treppe)“, die „Grauen Bilder“ aus den 70er-Jahren und der RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“, von Richter elf Jahre nach dem Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe als Reaktion auf den Deutschen Herbst angefertigt.

Sie alle widerlegen seine Behauptung von der programmatischen Absichtslosigkeit. Richter verfolgt sehr wohl ein Ziel, hadert allerdings mit jeder Festschreibung und verweigert sich besonders psychologisierenden Interpretationen. Diese Abwehr ist als Appell gemeint, sich ganz auf seine Arbeit zu konzentrieren. Denn mit ihr hat Richter einflussreich gewirkt und gezeigt, dass man auch heute noch malen kann, ohne das Malen ironisch oder konzeptuell zu meinen.

Seine Bilder sind entweder ästhetische Farbschwelgerei oder beschreiben das Sichtbare, gerade weil sie es teilweise löschen. Ein Paradox, das aus den Vorlagen resultiert: Der Maler nutzt Fotografien aus Massenmedien und Familienalben. Wer  immer mit solchen Aufnahmen die Wirklichkeit festzuhalten versucht hat, wird von Richter eines Besseren belehrt: Sie liefern nur unscharfe Ansichten.

Seine These manifestiert sich in dem lapidaren Motiv „Klorolle“ von 1965 ebenso wie in den Porträts von „Onkel Rudi“ oder „Tante Marianne“. Der Onkel war Mitglied der Wehrmacht, die Tante ein Opfer der Euthanasie. Wie sehr ihn diese Bilder berühren, hat der Maler nie betont, aber dankbare Biografen gefunden, die sein Werk auch in diesem Punkt interpretierten: der Journalist Jürgen Schreiber in dem Buch „Ein Maler aus Deutschland“ sehr dramatisch, Richters ehemaliger Assistent und heutiger Leiter des Dresdner Richter-Archivs Dietmar Elger in „Gerhard Richter, Maler“ eher distanziert und beschreibend.

 

Ein Bild fehlt

Bei Elger stößt man auch auf ein Bild, das nicht in der Ausstellung auftaucht und Richters Grenzen sichtbar macht. „Party“ von 1962 ist ein früher Versuch, ätzende Gesellschaftskritik zu üben. Das schwarzweiße Bild zeigt einen jungen Talkmaster und vier lachende Frauen. Eine Inszenierung für das Fernsehen, die der Maler noch ohne Verwischungen kopierte. Dafür zerschnitt er die Leinwand à la Fontana, goss von hinten rote Farbe ins Motiv, die nun wie Blut aus den Figuren läuft, und vernähte das Gemälde anschließend.

Dass es viel zu plakativ geraten ist, merkte Richter bald. Doch statt es zu zerstören, überließ er es auf Bitten dem Künstler Günter Uecker, der damit seinen Keller dekorierte. Über Umwege gelangte es später auf den Kunstmarkt, und erst 1993 entschloss sich Richter, das Bild doch in sein Werkverzeichnis aufzunehmen.

Der Blick auf „Party“ macht klar, dass Richter dort in seinem Element ist, wo er Distanz übt. Sobald er kritisch auf jene Vorlagen schaut, die er in seinem Konvolut „Atlas“ seit 1962 in Form von Zeitungsausschnitten und Fotografien sammelt und als Ideen-Panorama nun auch in der Neuen Nationalgalerie ausbreitet.

Und wenn er ausprobiert, was Malerei mit den Klischees der Medienwelt anstellen kann: sie brechen, in Frage stellen, vorführen. Mit dem Fazit, dass einem Bild umso weniger zu trauen ist, desto genauer es das Sichtbare wiedergibt, knüpft Richter nach wie vor an sein Documenta-Erweckungserlebnis an.

 

Weitere Informationen: 12.2.-13.5.: Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Tiergarten, S + U Potsdamer Platz, Di, Mi, Fr 10-18, Do bis 22 Uhr, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/ erm. 4 Euro, bis 18 J. frei, www.smb.museum