Guido Möbius / The Allophons (Experimentelle & Club-Musik)
Guido Möbius hat für sein neues Album das geistliche Liedgut entdeckt – und arbeitet nun elektronisch den Humor heraus, der selbst im tiefsten Ernst steckt Text: Thomas Winkler
Jeder will das wissen, grinst Guido Möbius. Aber: Nein, er könne da Entwarnung geben, er sei nicht religiös geworden. „Ich bin immer noch Agnostiker“, lächelt er milde, „vielleicht sogar Atheist.“
Tatsächlich liegt die Frage allzu nahe. Schließlich hat Möbius, allseits geschätzter Konstrukteur gewagter elektronischer Klangentwürfe, seinem neuen Album nicht nur den Namen „Spirituals“ gegeben, sondern darauf auch die Texte religiöser Traditionals neu vertont. Ohne die Melodien der Originale zu beachten, hat er die alten Zeilen mit neuen Melodien versehen und die, wenn er nicht gleich selbst zum Mikrofon griff, von Gastvokalisten einsingen lassen. Darunter wiederum hat er aufregendes und garantiert nicht kirchentaugliches Tuckern und Pluckern aus dem Computer gelegt.
Ein Experiment, auf das das Schaffen des 43-jährigen Möbius, der sich mit bislang erst drei Alben einen legendären Ruf in der deutschen Elektroniker-Szene erprogrammiert hat, zwangsläufig zulief. Auf „klisten“ (2003) und „dishoek“ (2005) perfektionierte Möbius einen radikalen Umgang mit den Möglichkeiten, die die Elektronik ihm bot und wurde dafür von der Kritik gefeiert. Er verzichtete auf Gesang und meist auch Rhythmus, dafür schälten sich zeitlose weil referenzferne Melodien aus einem Geflecht obskurer Geräusche. Seine Musik, verschlungen, aber doch zugänglich, hochartifiziell, aber niemals hochnäsig, beschrieb Möbius selbst als „Reaktion auf das kraftstrotzende, maskuline Rocker- und Technotum“. Mit „Gebirge“ vor drei Jahren erinnerte er sich wieder an den Gesang, ließ aber noch den Künstler und Filmemacher Andreas Gogol alias Go:Gol blubbern und blabbern, während er nun wieder Rhythmus einführte – und sofort dekonstruierte.
Aber so akademisch Möbius’ Klangkonstruktionen bisweilen wirkten, immer wohnte ihnen ein unerhörter Humor inne, der sich nun auf „Spirituals“ endgültig Bahn bricht. „Diese Gospels sind unheimlich tief und ernsthaft“, sagt er über das Ausgangsmaterial seiner neuen Stücke, „aber eben auch oft unfreiwillig komisch.“ Diese Komik arbeitet Möbius auch musikalisch heraus, indem er die seelenvollen Stimmen von Kiki Bohemia oder Go:Gol mit mathematisch abgezirkelten Klängen kontrastiert oder weihevollen Mönchsgesang mit schnarrender Elektronik imitiert.
Möbius hat zwar Probleme, „Spirituals“ als Konzeptalbum zu bezeichnen, sieht es aber als Kommentar zu einem aktuellen Trend. „Es gibt eine Rückbesinnung auf Spiritualität – nicht nur in der Musik, sondern in der ganzen Gesellschaft“, sagt er, „deshalb passen Spirituals hervorragend in diese Zeit.“
Aber „Spirituals“ soll auch ein weiteres Bedürfnis bedienen, für dessen Befriedigung Möbius bislang nicht eben zuständig war. „Für meine Verhältnisse sind die schon ordentlich funky“, sagt er über seine neuen Tracks. Überhaupt war er mit der Einschätzung, seine Musik sei vor allem Kopfgeburt, noch nie einverstanden. Er gibt aber auch zu: „Ich bin ja nicht James Brown.“ Ja, das stimmt allerdings. Schon weil der legendäre Soulsänger zwar oft Ärger mit kirchlichen Sittenhütern hatte, aber selbst strenggläubiger Christ war. Während Guido Möbius, wir erinnern uns, nicht einmal die intensive Beschäftigung mit geistlichem Liedgut zum Glauben hat bekehren können.
Guido Möbius: „Spirituals“ (Karaoke Kalk/ Indigo) Record Release Konzert: 13.9., 21 Uhr, HBC, Tickets 12 Euro
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