Kunst

Interview mit Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie

Er gilt als der wichtigste Mann der Stadt für Kunst: Udo Kittelmann, seit 2008 Direktor der sechs Häuser der Nationalgalerie. Er hat Gerhard Richter und Rentiere ausgestellt und das Publikum verjüngt. Heute aber ist er Herr über drei Baustellen. Ein Gespräch zum Amtsjubiläum.


Foto: Kim Keibel

Herr Kittelmann, Sie sind Bauherr, Sanierer, Umzugsmanager, Direktor der sechs Häuser der Nationalgalerie, und eigentlich sollen Sie auch Ausstellungen komponieren. Wieviel Zeit verbringen Sie mit was? 
Glücklicherweise bleibt mir immer noch genug Zeit, mich auch dem Ausstellungsprogramm zu widmen und den Sammlungspräsentationen, die mir ganz wichtig sind. Die Sammlung ist das Fundament eines Museums.

Ein Drittel der Zeit für das Kuratieren?
Das dürfte in diesem Jahr hinkommen. Die Pläne zur Sanierung der Neuen Nationalgalerie und zum Neubau für die Sammlung des 20. Jahrhunderts haben in der Tat viel Zeit beansprucht. Davor war das Verhältnis ausgeglichener.

Die Friedrichwerdersche Kirche mit den Skulpturen des 19. Jahrhunderts ist wegen Bauschäden bis auf Weiteres geschlossen. Und nur ein halbes Jahr nach Eröffnung muss nun der Erweiterungsbau des ­Mu­seums Berggruen saniert werden. Wo und wie werden Sie das Werk von Paul Klee jetzt unterbringen?
Das hat uns in der Tat kalt erwischt, aber man muss das Beste draus machen. Wir werden Paul Klee in den Räumen der Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigen, und sogar erweitert um die Klee-Bestände der Nationalgalerie und der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Man wird also fast alle Werke Paul Klees, die in den Häusern der Nationalgalerie versammelt sind, einmal zusammen sehen können.

Die Neue Nationalgalerie soll 2015 wegen Sanierung schließen. Was passiert dann mit der Sammlung der Moderne?
Wir haben immer gefordert, dass die Klassische Moderne zuverlässig in Gänze gezeigt werden muss, was bis heute nur in seltenen Momenten der Fall war. Das wird erst möglich sein, wenn die Neue Nationalgalerie saniert und der geplante Neubau fertig ist. Wir planen, während der Schließung einen Teil der Sammlung als Botschafter der Staatlichen Museen zu Berlin in anderen Institutionen zu präsentieren. Es ist sicherlich derzeit zu früh, um über die jeweiligen Orte zu sprechen. Aber wenn es klappt, wird das etwas ganz Wunderbares. Und wir denken darüber nach, wie wir ab 2016 auch im Hamburger Bahnhof in Ausschnitten diesen wichtigen Teil der Sammlung sinnvoll integrieren können.

Als es hieß, die Gemäldegalerie würde an die Museumsinsel und die Nationalgalerie in das alte Haus der Gemäldegalerie ziehen, haben Sie sich erfreut gezeigt. Als es nun hieß, stattdessen gibt es einen billigeren Bau für die Neue Nationalgalerie …
… da habe ich mich auch gefreut.

Ja, was denn nun?
Die Machbarkeitsstudie sah einen Neubau als eine weitere Option ausdrücklich vor, um der Sammlung der Nationalgalerie endlich ein dauerhaftes Dach über dem Kopf zu geben. Über diese Empfehlung konnte ich mich selbstverständlich nur freuen.

Mit einem Neubau hinter der National­galerie könnten Besucher schnell von einem Haus ins andere gelangen. 
Und zudem dann auch schneller in die Gemäldegalerie gegenüber finden. Ich stelle mir das so vor: Man trifft in der Nationalgalerie auf das 20. Jahrhundert und dann in der Gemäldegalerie auf die Kunstwerke vergangener Epochen. So wird man sehen, dass viele Themen über die ganze Kunst­geschichte gleich geblieben sind.

Tatsächlich? Zum Beispiel?
Landschaften, Porträts, Liebe, Tod, Freude, Schmerz, Krieg, das, was die Menschen tatsächlich beschäftigt. Finden Sie nicht?


Foto: tomislav medak_Flickr/ VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Arbeit, die niederen Stände, Armut?
Ja, auch das. Das gibt es doch schon bei Brueghel oder Hieronymus Bosch.

Als Sie anfingen, hätten Sie da gedacht, so viel Management machen zu müssen?
Natürlich nicht. An eine Sanierung oder gar an einen Neubau war ja damals in dieser Form noch nicht zu denken. Erst die Ausstellungspolitik hat dafür entscheidende Grundlagen geschaffen. So zum Beispiel durch die Sammlungspräsentationen, die konsequent die Bedeutung der Sammlung der Nationalgalerie aufgezeigt haben.

Was haben Sie erwerben können – jenseits der Geschenke von dem Sammler Friedrich Christian Flick? 
Im Bereich Klassische Moderne etwas zu kaufen, ist schwierig, weil sie sehr teuer geworden ist. Doch sogar hier ist es uns 2010 gelungen, ein Hauptwerk der Malerin Lotte Laserstein zu erwerben. Da war sie noch nicht wieder entdeckt worden, jetzt klettern die Preise höher und höher. Und im Bereich zeitgenössischer Kunst ist unser Zuwachs enorm.

Geschenkt oder gekauft?
Es gibt viele Schenkungen, die Sinn für die Sammlung machen. Es gibt aber auch zahlreiche Ankäufe, dank des Engagements der Freunde der Nationalgalerie, sowie auch durch Stiftungen. Aktuelle Neuerwerbungen sind beispielsweise ein umfangreiches Konvolut von Wandarbeiten mit fast 50 großformatigen Arbeiten internatio­naler Künstler und Künstlerinnen. Darüber hinaus wichtige Werke von Rosa Barba, Asta Gröting, Marjetica Potrc und Javier Téllez. Und auch ein wunderbares Gemälde von Marie Ellenrieder von 1861 und vieles mehr.

Und was hat Ihnen in den fünf Jahren nun am meisten Spaß bereitet?
Immer die Arbeit mit den Künstlern und der Sammlung. In jüngster Zeit war mir die Ausstellungsreihe „Secret Universe“ besonders wichtig …

… die Kunst von so genannten Outsidern zeigt, die keine Kunsthochschule besucht haben oder als Sonderlinge gelten.
Wir haben Künstler ausgestellt, die sich als Künstler verstehen, aber keine akademische Ausbildung hatten und sich nicht innerhalb des etablierten Kunstsystems vernetzt haben.

Steckt dahinter das Sendungsbewusstsein, diejenigen anzuerkennen, die nicht durch konventionelle Schleusen des Kunstbetriebs gehen? Auch Sie sind Autodidakt.
Damit hat das nichts zu tun, sondern ­damit, dass mir hermetische Systeme suspekt sind. Die Ausstellungsreihe forderte dazu auf, den institutionellen Kanon zu hinterfragen. Als Institution muss man sich mindestens so kreativ zeigen können wie die Künstler selbst.

Im Hamburger Bahnhof haben Sie 2011 die lebenden Rentiere von Carsten Höller gezeigt und bekletterbare Kugeln von Tomas Saraceno. Trotzdem sind die Besucherzahlen ausgerechnet da gesunken. Kurze Delle oder Trend?
Wenn man Ausstellungen mit weniger bekannten Künstlern macht, weiß man vorher, dass man weniger Besucher erwarten kann. Das Einfachste wäre, immer wieder Picasso zu zeigen, dann kommen die Menschen immer. Das kann aber nicht die Aufgabe eines Museums für zeitgenössische Kunst sein. Und wenn bei uns Anthony McCall 95.000 oder Martin Honert 90.000 Besucher hatten, dann ist das doch sehr erfreulich.

Die Nationalgalerie ist eine Idee des 19. Jahrhunderts. Was ist ihre Aufgabe heute? 
Sie hat nach wie vor die Aufgabe, künstlerische Positionen zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Dabei auch zunehmend einen gängigen Kanon zu hinterfragen. Sie ist sicherlich kein Pantheon des Nationalen mehr, auch wenn unsere Sammlung in einem hohen Maße die Kunst- und Sozialgeschichte dieses Landes bis in die 70er-Jahre hinein abbildet. Allerdings auch aus internationalen Perspektiven heraus.

Sie haben 2010 mit einer Ausstellung zu Kunst aus Afrika und der Diaspora die Internationalisierung gespiegelt. Warum haben Sie den Faden fallen lassen?
Das stimmt so nicht. In der Folge kam Willem de Rooij, der mit hawai­ianischen Federobjekten und Gemälden von Melchior d’Honde­coeter unter dem Titel „Intolerance“ den transkulturellen Diskurs aufgegriffen hat. Die nächste Ausstellung, die diesen Faden aufgreift, findet 2014 statt. Wir werden in der Alten Nationalgalerie erstmals in Europa die Porträt-­Darstellungen der Maoris aus dem 19. Jahrhundert von Gottfried Lindauer zeigen.

Man hört aus Ihren Häusern, dass das Team sich von manchen Ihrer Ausstellungsvorhaben überrollt fühlt. 
Da müssten Sie eigentlich Ross und Reiter nennen. Wir führen im Team einen offenen Dialog, das ist mir sogar sehr wichtig. Aber am Ende des Tages muss ich die Entscheidungen für die Nationalgalerie verantworten. Und über Kunst lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Ich glaube aber, dass das Team über die letzten Jahre sogar immer mehr zusammen gewachsen ist.


Foto: David von Becker

Sie haben anlässlich der aktuellen Ausstellung „Painting Forever!“ gesagt, Malerei komme in den großen Berliner Ausstellungshäusern zu kurz. Im Dezember werden Sie K.O. Götz zeigen, breite Pinselschwünge aus dem Rheinland der Nachkriegszeit. ­Warum denn dieser Schritt zurück? 
In der Tat entstand die Idee zu „Painting Forever!“ aus der Selbstkritik, dass die öffent­lichen Institutionen Malerei weniger berücksichtigen als andere Medien. Und K.O. Götz ist einer der einflussreichsten Maler seiner Genera­tion, der in den letzten Jahrzehnten auf institutioneller Ebene zu wenig Beachtung gefunden hat. In der jüngeren Generation lässt sich zudem eine hohe Aufmerksamkeit für das Informelle beobachten.

Also von den zeitgenossischen Malern aktuell in der Neuen Natio­nalgalerie zurück in die Vergangenheit. Und dann? 
Dann kommt der amerikanische Künstler Marsden Hartley, der sich 1914/1915 in Berlin in einen preußischen Leutnant verliebte und hier seine ersten wichtigen Bilder malte. Zusätzlich bereiten wir eine Ausstellung mit dem ­Zero-Künstler Otto Piene vor, ­darüber hinaus planen wir Präsentatio­nen mit Harun Farocki sowie mit Susan Philipsz.

Derzeit sollen die Verhandlungen über Ihre zweite Amtszeit laufen. 
Das ist nicht der Fall. Für solche Verhandlungen bleibt noch Zeit, denn meine derzeitige Amtszeit geht ja noch über 2014 hinaus.

Anders gefragt: Wenn die Bedingungen stimmen, stehen Sie für eine zweite Amtszeit bereit?
Mir macht es sehr viel Freude, an diesen Häusern und mit diesem Team zu arbeiten. Und angesichts dessen, was noch alles bevorsteht und zu tun ist: Lust habe ich große. Sie zeigen vor allem Kunst von Männern. Wann rücken Sie davon ab? Wie schon erwähnt, wir zeigen Susan Philipsz in Kürze, gefolgt von Mariana Castillo Deball, der Trägerin des Preises der National­galerie 2013. Außerdem sind Ausstellungen mit Mary Heimann und Elaine Sturtevant in Vorbereitung. Auch in der kommenden Ausstellung „Wall Works“, in den Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs, werden Sie viele Arbeiten von zeitgenössischen Künstlerinnen sehen.

Der Direktor

Udo Kittelmann leitet Neue und Alte Nationalgalerie, das Museum Berggruen und die Sammlung Scharf-Gerstenberg, den Hamburger Bahnhof und die Friedrichwerdersche Kirche. 1958 in Düsseldorf geboren, war er zunächst Augenoptiker, Leiter des Ludwigsburger sowie des Kölnischen Kunstvereins und Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Als Kommissar des deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2001 lud er den Künstler Gregor Schneider ein, der den Pavillon in sein „Totes Haus u r“ mit 24 engen Räumen verwandelte und damit einen Goldenen Löwen gewann. 2013 kuratierte Kittelmann in Venedig den russischen Pavillon mit Vadim Zakharov. In seiner Zeit als Direktor der Nationalgalerie wurde unter anderem das Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie wieder mit Ausstellungen bespielt und der Erweiterungsbau des Museums Berggruen eingeweiht.

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