An den Wänden hängen Selbstporträts der jungen Fotografin Hannah Fee Kreuzer: Kreuzer mit farbverschmiertem Gesicht, mit blauer oder rosa Perücke, halb entblößtem Hintern. Im Hintergrund spielt Musik von David Lynch. 
Oliver Zimmer, der die Galerie Baum auf dem Hügel in Mitte leitet, hat zur Donnerstagssoiree geladen. Die Besucher unterhalten sich über Fußball und Kunst, picken mal eine Olive aus dem Snackschälchen, gehen mit einem Glas Wein durch die Ausstellung. Und sie kaufen. „Bei bis zu 600 Galerien in dieser Stadt mache ich dem Publikum das Angebot, sich unsere laufende Ausstellung auch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten anzuschauen“, sagt Zimmer.

Er  ist nicht alleine mit der Idee, mehr als eine Ausstellung anzubieten. Essen mit dem Künstler, Kaffeeklatsch, Spieleabend, Festival, Schnitzeljagd, Kurzpräsentationen: ein Event jagt das nächste. Die Schau „Gute Naht“ im Neuköllner Kunstraum takt dauert nur drei Tage. Im Kunstraum Abteilung für Alles Andere findet ein „Berlin Art Battle“ statt, in der Kreuzberger Zurag Galerie für Kunst aus der Mongolei gibt es einen Höömii-Workshop für Obertongesang. Das Neuköllner M{}esum Berlin veranstaltet „Cream Tea Ceremony“, „Salon“ und „Disco“. Vergleichsweise wie ein Klassiker wirkt da das Festival „Short & Intense“ im Moabiter Projektraum Kurt-Kurt, wo bekannte Künstler aus der Nachbarschaft für wenige Tage ausstellten, unter ihnen Größen wie Mona Hatoum.

 

 

»Üblicherweise ist ein Kunstraum zur Vernissage voll, zu den Öffnungszeiten aber fast leer. Also bieten wir so viele Veranstaltungen wie möglich, um in Berlins großem Kulturangebot nicht vergessen zu werden«

Otgonbayar Ershuu, Künstler und Gründer der Galerie Zurag

 

 

Mit Gästen punkten

Aufmerksamkeit ist knappe Ressource. Berlin zählt 180 Museen, rund 600 Galerien und Projekträume und über 5.000 bildende Künstler, mehr als London, und hat doch weniger Einwohner. Der Kunstbetrieb aber lebt von der Aufmerksamkeit, münzt sie auch um in soziales Kapital, das wie Geld akkumuliert und in echtes Geld verwandelt werden kann. Im nach wie vor armen Berlin ist Aufmerksamkeit eine wichtige Währung.
Vor allem kleine Künstlerräume experimentieren im Wettstreit um Publikum. In den Off-Spaces geht es freier zu als in Galerien, hier können Teilnehmer neue Formate ausprobieren. So entstand im Sommer 2011 der „Art Slam“: Mehrere Projekträume adaptierten den literarischen „Poetry Slam“ für die Kunst. Kuratoren oder Künstler schufen Werke oder ganze Ausstellungen vor den Augen des Publikums, das dann den Sieger kürte.

Wo in diesem Wettstreit die Autonomie der Kunst bleibt und ob all das überhaupt noch Kunst sei, fragt sich der Künstler Oliver Breitenstein. Um Antworten zu finden, hat er wiederum selbst neue Veranstaltungen entwickelt, etwa „DSDK – Deutschland sucht den Kunstkenner“, angelehnt an die Erfolgsprogramme der Unterhaltungsindustrie. Anfang März lud er in der Abteilung für alles Andere zu einem Spieleabend ein. Auf dem Boden des kleinen Projektraums baute er eine riesige Carrera-Bahn auf und lieferte sich auf ihr Verfolgungsjagden mit drei Gästen. Es gab Zigaretten, Bier und eine Punkteliste. „Wir wollen einen kommunikativen Raum schaffen, in dem Fragen gestellt werden dürfen wie: Ist ein Carrera-Bahn-Rennen Kunst? Und machen wir das auch, wenn keiner kommt?“, sagt Breitenstein. Und ja, sie machen es auch, wenn kaum jemand kommt wie an diesem Abend. Breitenstein verbucht ihn trotzdem als Erfolg.

 

»Der Kampf um Aufmerksamkeit ist etwas Gutes: Die Aussteller müssen das Publikum viel besser beobachten. Gewinnen werden den Kampf diejenigen, die das beste Gespür für ihr Publikum entwickeln«

Wolf Kühnelt, Erfinder der Langen Nacht der Museen

 

 

Publikumswirksame Formate entstanden in Berlin bereits in den Künstlerräumen der 90er-Jahre, populär gemacht haben sie große Veranstalter. Das Deutsche Guggenheim brachte die „Lunch Lectures“ mit Kunst in der Mittagspause aus New York nach Berlin. Das Haus am Waldsee organisierte 2005 die ersten Essen mit Künstlern, zur neu eingeführten „Kindervernissage“ Anfang März kamen laut Leitung rund 300 Kinder und Erwachsene in das Zehlendorfer Haus.
„Um Aufmerksamkeit zu bekommen, braucht es vor allem ein Alleinstellungsmerkmal. Um ein Publikum aber nachhaltig zu binden, muss man an dessen Lebenswelt anknüpfen“, weiß Wolf Kühnelt, der Erfinder der „Langen Nacht der Museen“ und Veranstaltungsleiter der Kulturprojekte Berlin GmbH. Die Besucherzahlen der Berliner Museen geben ihm Recht: Sie steigen kontinuierlich. Im Jahr 2010 verzeichneten die Museen 15 Millionen Besucher, dreieinhalb Millionen mehr als 2005.
Dabei sehen Veranstalter ihre Events durchaus kritisch. Die neuen Formate dienen schlicht der Vermarktung, aber auch der Kunstvermittlung, sie können neue künstlerische Ansätze hervorbringen, aber auch der Kunst im Wege stehen. Sie sind energetisch, aber anstrengend, sie schaffen Öffentlichkeit, nutzen sich jedoch schnell ab. Und ohne gute Inhalte, keine langfristige Aufmerksamkeit. „Was soll man denn kämpfen bei 600 Galerien in Berlin?“, fragt Oliver Zimmer von der Galerie Baum auf dem Hügel. „Man kann noch so ein Spektakel auffahren, letztlich muss jeder sein Ding machen.“ Er  nickt zufrieden und schließt für diesen Donnerstagabend die Tür.