Frau Vanackere, Sie treten als Nachfolgerin von Matthias Lilienthal in große Fußstapfen. Setzt Sie das unter Druck? Ihre Frage setzt mich vielleicht unter Druck, aber die Tatsache, Matthias Lilienthals Nachfolgerin zu sein, eigentlich nicht. Ich freue mich auf den Neustart im Herbst.


Aber es gibt doch eine immense Erwartungshaltung nach dem großen Erfolg der Intendanz Lilienthal – auch vonseiten des Publikums. Wie gehen Sie damit um? Das Hebbel am Ufer ist der avancierte internationale Theaterort in Berlin. Daran wollen wir anknüpfen und sowohl für die Künstler als auch für das Publikum einen Ort erhalten und weiterentwickeln, der die Dynamik der Stadt und aktuelle Fragestellungen ins Zentrum rückt.

Jérôme Bel soll im Herbst Teil des Eröffnungsprogramms sein – ein Künstler, der zu den Stammgästen des alten Hebbel-Theaters zählte. Wollen Sie an ganz alte Zeiten noch vor Lilienthal anschließen? Ob ein Künstler schon mal hier tätig war oder nicht, ist für mich nicht das ausschlagebende Kriterium. Ich habe in Rotterdam mit vielen Künstlern gearbeitet, die auch in Berlin bekannt sind – und mit vielen arbeite ich sehr gerne weiter, weil ich sie schätze und für das HAU wichtig finde.

Also geht es Ihnen um Kontinuität? Auf der einen Seite finde ich es in der heutigen Zeit notwendig, etwas zu machen, das der allgegenwärtigen Verwertungsmaschinerie zumin­dest partiell etwas entgegensetzen kann. Auf der anderen Seite ist die neue Produktion von Jérome Bel eine sehr verstörende und zugleich humorvolle Arbeit, die Normalität auf besondere Weise in Frage stellt – ein großer Abend, der nach Berlin gehört.

Sie waren jahrelang Leiterin des rührigen Theaterhauses „Rotterdamse Schouwburg“. Welche neuen Künstler bringen Sie mit? Gleich zu Anfang werden zwei Gruppen aus den Niederlanden dabei sein, zufällig beide mit deutschem Namen. Zum einen das Theaterkollektiv Wunderbaum, das sowohl bei uns in Rotterdam gearbeitet hat als auch bei Johan Simons in Gent. Neben einer Koproduktion mit dem HAU wird es von ihnen auch eine neue Arbeit geben, die sie zusammen mit einer Band entwickeln werden. Die andere Gruppe heißt Schwalbe, sie arbeitet mit Bildern und extremer Körperlichkeit. Ihre aktuelle Arbeit ist eine Kooperation mit Tim Etchells von Forced Entertainment.

Lilienthal hatte etwas gegen „Kunstkacke“, wie er es nannte, und hat oft Orte ausprobiert, die nicht per se Theaterorte waren. Er wollte mehr „Realitätskacke“. Wollen Sie auch eher Realitätsorte bespielen als Kunsträume? Naja, das klingt ein bisschen so, als ob Kunst etwas besonders Heiliges wäre. Ich hänge schon an den drei Häusern und finde sie mit ihrer unterschiedlichen Architektur eine spannende Herausforderung, um Öffentlichkeit herzustellen. Manchmal lassen sich in der Imagination oder in fiktionalen Räumen viel besser Aussagen machen – auch darüber, was in einer Gesellschaft passiert oder eben nicht. Wenn wir einen spannenden Ort im Blick haben oder ein Künstler sagt, wir machen das jetzt unbedingt an dem oder dem Ort, dann soll das passieren. Für mich ist das aber keine Voraussetzung, zumal das Terrain in Berlin ja immer mehr abgesteckt ist.

Also mehr „Kunstkacke“ als „Realitäts­kacke“? Ich verstehe schon, warum Matthias das Wort „Kunstkacke“ gewählt hat; selbstreferenzielle, hermetische Abende, eben „Kunstkacke“ (lacht), brauchen wir hier tatsächlich nicht. Aber vielleicht ist es gerade deshalb an der Zeit, den Kunstbegriff wieder positiv aufzuladen. Es gibt hier oft noch diese Trennung zwischen großen Häusern und freier Szene – das ist in Holland nicht so. In der Unterscheidung schwingt manchmal ein „Anti“ mit, das sich mir so nicht erschließt, zumal viel Innovation ja mittlerweile im frei produzierenden Bereich entsteht.

Es geht bei der Unterscheidung nicht nur um qualitative Fragen, sondern auch um finan­zielles Potenzial. Die freie Szene ist von ­Armut geprägt. Auch in Holland steht sie finan­ziell sehr unter Druck. Ist Ihr Weg nach Berlin auch eine Flucht in bessere Verhältnisse? Bedauerlicherweise ist es in Holland derzeit sehr schwierig. Es ist für ausländische Gruppen aber auch nicht leicht, in Berlin Geld aufzutreiben. Und das HAU ist ebenfalls nicht so reich, dass es jede Menge internationale Gruppen ohne zusätzliche Gelder einladen könnte. Aber natürlich ist Berlin nach wie vor attraktiv für internationale Künstler, weil die Lebens­kosten immer noch vergleichsweise gering ausfallen. Ich hätte kein Interesse daran gehabt, das HAU zu übernehmen, wenn es einfach eine lokale Bühne wäre.

Was reizt Sie an Berlin besonders? Diese Offenheit, die für Berlin typisch ist. Aber es ist sicher auch etwas anderes, eine Stadt zu beurteilen, wenn man immer nur für ein paar Tage da ist, als wenn man hier wohnt. Insofern bin ich noch dabei, viel Neues zu entdecken und zu sehen, wie sich die Stadt seit den 90er-Jahren rasant verändert hat.

Inwiefern? Dieser große Berlin-Hype seit den 90ern hat auch eine Schattenseite: Es wird manchmal sehr kurzatmig auf ­Dinge reagiert. Da ist auch die Presse nicht unschul­dig daran. Außerdem, wenn jemand sechs bis sieben Wochen an einer Produktion arbei­tet und die dann nur ein paar Mal zu sehen ist, empfinde ich das meistens als künstlerische Kapitalvernichtung. Ich mag den längeren Atem.