Feiern

Das Konzept: Mit mobilen Soundsystemen bewaffnet legen DJs an geheimen Orten unter freiem Himmel elektronische Musik auf. Die anderen tanzen.
Der Test: Schon als ich den Bass aus der Ferne erahne, fängt es in meinem Bauch an zu kribbeln. Ein Open Air ist wie ein Überraschungsei: Man weiß vorher nie, was drin ist, auch wenn man noch so sehr schüttelt und lauscht. Was wird mich hinter der nächsten Weggabelung erwarten? Ekstatische Massen oder vereinzelt tanzende Technofans? Eigentlich egal, kostet ja nix. Und wenn die Musik gut ist, kann immer was draus werden, solange die Polizei nicht aufschlägt und den Spaß beendet. Ich radle dem geheimen Tanzplatz entgegen. Die Biere vom Späti klappern in meinem Fahrradkorb. Ich erreiche den Ort, schließe mein Fahrrad im Gebüsch ab und begebe mich auf die Tanzfläche: halb Staub, halb Gras. Manche sitzen entspannt auf der Wiese und unterhalten sich, andere sehen aus, als hätten sie seit gestern abend nicht geschlafen und folgen mit letzter Kraft dem monotonen Rhythmus der elektronischen Musik, andere feiern aufgekratzt sich und die Welt. Nachmittags draußen zu tanzen ist eine der besten Erfindungen der Berliner Partymeute: Die Luft ist frisch, Schweiß verfliegt, jeder darf rauchen und trinken was er will, es gibt genug Platz für alle und im besten Fall scheint die Sonne. Die unangenehmen Faktoren des nächtlichen Ausgehens – Anstehen, Eintritt zahlen, zu viel Geld für Bier ausgeben – existieren hier nicht. Hier reichen Luft und Musik zum Glücklichsein. Die Basswellen schwellen an und ebben ab. Mein Bier ist leer, meine Blase voll. Das ist aber auch das einzige Problem. Und schon reißen die Wolken auf und die Sonne scheint hindurch. residentadvisor.net/events

Ähnlich:

Newsletter mit Open-Air-Party-Terminen bestellen: patentblau.de, proud.defacebook.com/OpenAirBerlin
Dem Ohr folgen: Zur Fête de la Musique am 21.6. ist die Stadt voller Freiluft-Konzerte und -Partys, fetedelamusique.de/berlin
Kostenlose Karaoke: Jeden Sonntagnachmittag im Amphitheater im Mauerpark 
Hippies und andere Weltenbummler musizieren: Maybachufer, am Ende des Wochenmarkts, immer Dienstag und Freitag

 

Dienstleistungen

Das Konzept: Eine Hand wäscht die andere: Ob Babysitting oder Reparatur der Waschmaschine, jede investierte Stunde ist gleich viel wert.
Der Test: Ich bin in einer fremden Wohnung und bohre ein Loch in die Wand. In meinem Leben habe ich fünf Löcher gebohrt. Mona beäugt mich. Sie war mir bis vor Kurzem unbekannt – ich bin ziemlich nervös. Und das alles nur wegen einer Massage. Seit Wochen träume ich davon, mich kneten zu lassen. Nur, in meinem Monatsetat ist so etwas nicht vorgesehen. Also besuche ich ein Treffen des Kreuzberger Tauschrings, des ältesten Tauschrings Berlins. Ich stelle mir das so vor: Irgendjemand wird sich schon finden, der anständig massieren kann. Dafür lese ich halbblinden Rentnern aus der Zeitung vor oder führe schnaufende Möpse Gassi. In der Broschüre des Tauschrings werden Akupunkturbehandlungen angeboten, Konditorarbeiten, Rechtsberatung, Fahrradreparaturen. Aber was kann ich eigentlich? Freundschaftsdienste wie Briefkästen leeren, das machen alte Tauschring-Bekannte unter sich aus, erklärt mir Thomas (Grundregel: Hier wird geduzt). Am Nebentisch sagt eine Frau, sie suche jemanden, der ihr einige Bilder an der Wand befestigt. Sie selbst habe keine Bohrmaschine und schlechte Erfahrungen mit einer brüchigen Wand gemacht. Ich unterdrücke die Stimme in meinem Kopf, die flüstert: ‚Was, wenn der Dame beim Kaffeetrinken das Bild auf den Schädel rumst?’ und verkünde möglichst überzeugend: „Das kann ich machen!“ So stehe ich, eingetragenes Mitglied des Tauschrings, nun also auf der Leiter und setze zum Bohren an. Es wird laut, ich bohre durch bis zum Anschlag, blase den Putz weg und sehe: ein ordentliches Loch. Fehlen noch drei. Auch das haut hin. Am Ende hängen alle Bilder ziemlich gerade und Mona freut sich. Ich bin stolz auf mich und meine Bohrmaschine und fühle mich als konstruktiver Teil meiner Nachbarschaft. Mit Mona vereinbare ich gleich einen neuen Job. Ich helfe ihr bei einer englischen Korrespondenz. Bilanz: Vier Löcher, ein neuer Auftrag und ein Papierscheck über 15 Kreuzer. Damit kann ich mir 45 Minuten Massage leisten. So sollte die Welt immer funktionieren. kreuzberger-tauschring.de

Ähnlich:

Weitere Tauschringe in Berlin: tauschwiki.de/wiki/berliner_tauschringe

 

 

Shoppen

Das Konzept: Was der eine zuviel hat, kann der andere brauchen. So spart man Geld und reduziert Müll.
Der Test: „Im Westen hat alles seinen Preis“, sagte meine Mutter, als  wir noch im Rumänien Ceausescus lebten. Ein kleiner Laden in Friedrichshain belehrt sie heute eines Besseren. Hier kann man nichts kaufen. Aber alles mitnehmen. Und abgeben, was man nicht mehr braucht. Eine Umverteilungsstation für die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. In der untersten Schublade meines Schranks liegen seit Jahren ein Rasierapparat, eine Computer-Maus, ein schwarzer Gürtel, eine geblümte Fliege und das Buch „Unter Glatzen – Meine Begegnungen mit Skinheads“. Alles noch funktionsfähig. Ich betrete damit den Umsonstladen „Systemfehler“ und stehe Kuno gegenüber. Kuno sieht die besten Absatzchancen für meinen Rasierer. Damit wäre das schlechte Gewissen beruhigt, das mich daran gehindert hat, das fast unbenutzte Gerät wegzuschmeißen. Im hinteren Teil der Ladenwohnung stehen die Kleiderstangen dicht an dicht. An den Wänden stapeln sich Dinge bis unter die Decke. Teller, Tassen, Christbaumkugeln, Gesellschaftsspiele, Schuhe, Stofftiere, Videos, CDs, ein Fahrradhelm, ein Paar neonfarbene Rollschuhe, offensichtlich aus den 80ern. An der Decke hängt ein Kanu. Ich liebäugele mit einem Sortiment Whiskey-Gläser, doch kaum habe ich mich weggedreht, um das Buch „Die Waffen des Herzens“ aus dem Regal zu nehmen, schnappt sie mir jemand weg. Während ich „Unter Glatzen“ zwischen zwei Bürgerliche Gesetzbücher packe, sehe ich, dass mein Gürtel einen glücklichen Abnehmer gefunden hat. Ein schwarz gekleideter Mann mit Baseball-Mütze hat ihn sich um die Hüfte gebunden und vergleicht nun seine eigene mit meiner Ex-Schnalle, indem er an sich heruntersieht – Spiegel sind hier Mangelware. Ich schnappe mir ein Telefon auf Rollen, das man hinter sich ziehen kann und das Töne macht, wenn man auf die Tasten haut, ein kariertes Jackett für meine Faschingsverkleidung als Lord Winterbottom und „Die Waffen des Herzens“ für einsame Abende im Bett.

Schenkladen Systemfehler, Jessnerstr. 41, Friedrichshain, U+S Frankfurter Allee, Tel. 53 67 54 60, Mo, Mi, Do 17-20 Uhr, Di 15-18 Uhr, systemfehler-berlin.de.vu

Ähnlich:

ULA – Umsonstladen der TU: Einsteinufer 25 (Gebäude HFT 023a+b), Charlottenburg, U Ernst-Reuter-Platz, Tel. 31 42 32 92, Di 16-19.30 Uhr, Mi 17-19 Uhr, Do 15-18 Uhr, ula.blogsport.de
Der kleinste Umsonstladen der Welt: facebook.com/givebox
Gebrauchtes online besorgen: bsr.de/verschenkmarktberlin.alles.de/schenken-leihen-tauschenalles-und-umsonst.de, de.freecycle.org; netcycler.de
Gebrauchte Bücher: ballycumber.de/buecherbaumbuecherboxx.wordpress.com

 

 

Schlafen

Das Konzept: Rund um die Welt bei Wildfremden übernachten – und nichts dafür zahlen. Nur hin und wieder seine eigene Couch zur Verfügung stellen.
Der Test: In zehn Minuten bin ich mit Maja in ihrer Wohnung verabredet. Sie ist einer von 3.800 Menschen, die auf Couchsurfing.org eine Schlafgelegenheit in Berlin anbieten. Ich kaufe Cashewkerne und fair gehandelten Biowein – man weiß ja nie, an wen man gerät. Straffen Schrittes steuere ich mit Schlafsack und Zahnbürste meiner Herberge entgegen und fühle mich auf seltsame Weise fremd in der eigenen Stadt. Erster Stock, die Tür ist angelehnt. Etwas schüchtern kommt mir Maja entgegen. Sie ist drei Monate lang allein durch den Nahen Osten gereist und hat dort jede Nacht bei Fremden übernachtet, sie waren oft ihre Stadtführer. Letzte Woche hat sie zwei Polinnen beherbergt, seit gestern ist Andrij aus der Ukraine da. „Als ich von meinem Trip zurückgekommen bin, wollte ich viel an die Community zurückgeben“, erzählt die 27-jährige Biologin bei einem Tee in der Küche. Es klingelt. Andrij kommt, wir sprechen jetzt Englisch. Unsere Abendbrotkonversation kreist um typisch deutsches und ukrainisches Essen, Volkstänze und unsere Reiseerfahrungen. Andrij wird müde. Heimlich zieht er sich zurück, während Maja und ich uns in den Wirren des Israel-Palästina-Konflikts verlieren. Für eine Weile vergesse ich beinahe, dass wir uns kaum kennen. Um halb zwei stellt sich die Frage: Neben Andrij auf die Couch oder zu Maja ins Bett? Ich entscheide mich für letzteres. Da liege ich nun, fast als würde ich bei einer Freundin übernachten, und träume von Afghanistan. Als ich morgens aufwache, weiß ich nicht, wo ich bin. Weil es noch so früh ist, stelle ich mich weiterhin schlafend und überlege: Soll ich leise aufstehen und einfach gehen? Einen Zettel hinterlassen? Ich fühle mich wie ein Eindringling. Aber weil das nicht der „Morgen danach“ ist, mache ich mir erst mal einen Tee. Wenig später schleicht Maja aus dem Zimmer. Wir sitzen ganz vertraut zusammen in der Küche und schauen auf den Hof. couchsurfing.org

Ähnlich:

Weitere Bettentauschbörsen im Netz: bewelcome.org, hospitalityclub.org
Die eigene Wohnung für die Länge eines Urlaubs tauschen: homelink.de
Unterkunft für Radler: dachgeber.de
Kost und Logis gegen Arbeit auf Bauernhöfen: wwoof.de

 

 

Essen

Das Konzept: Preiswert speisen und dabei Gutes tun

Der Test: Freitag abend. Der Eingang des Bandito Rosso ist dunkel, das Schild nur schwer zu lesen, Jalousien verdecken die Fenster. Laufkundschaft scheint unerwünscht. Drei Gänge für drei Euro. Man muss sich diesen Preis auf der Zunge zergehen lassen. Und sich gleichzeitig fragen, ob man für so wenig Geld genießbares Essen bekommen kann. Der Altbau war eines der ersten besetzten Häuser in Prenzlauer Berg und ist bis heute ein linkes Hausprojekt geblieben. Die bunt bemalte Fassade, die Kneipe im Erdgeschoss, sie haben sich seit 1990 kaum verändert. Bei Kälte bullert immer noch die Ofenheizung in dem dunklen Raum, dessen Wände politische Parolen zieren. Aus den Boxen dröhnt Punk. An der Theke bekomme ich eine Marke und aus der Küchen-Durchreiche eine Gemüsesuppe mit Backerbsen. „Aber die sind nicht vegan“, sagt der Mensch an der Kelle. Als Hauptspeise gibt es gebratene Seitan-Streifen mit Kartoffelpürree und grünen Bohnen an einer Zwiebel-Kapern-Oliven-Sauce. Den zweiten Gang bekomme ich erst, nachdem ich meine Suppenschüssel abgewaschen habe. Die Portionen sind riesig. Der Nachtisch, Soja-Schokopudding mit heißen Kirschen, ist gerade so schaffbar. Die Erlöse werden gespendet, das gute Gewissen und das gemeinsame Speisen verbinden. Schnell kommt man mit Fremden ins Gespräch, die gerne ausführliche Anekdoten der letzten Demos zum Besten geben. Das autonome Hausprojekt ist ein Ort der Begegnung. Und ein Ort, der unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. Das Bandito Rosso erzählt die Geschichte des alten Prenzlauer Berg. Bandito Rosso, Lottumstr. 10a, Prenzlauer Berg, Volxküche immer freitags ab 20 Uhr,bandito.blogsport.de

Ähnlich:
Weitere Voküs: stressfaktor.squat.net/vokue
Suppe und Mucke – das Vokü-Festival: 25.8., suppeundmucke.de
Karte mit frei zugänglichen Obstbäumen: mundraub.org