Von wegen „nur“ ein Kurzfilmfestival: Interfilm
Heinz Hermanns, 53, war 1982 Mitbegründer des Kurzfilmfestivals Interfilm und leitet es bis heute.
Der Kurzfilm führt immer noch ein Stiefkinddasein im Vergleich zum Langfilm – wie sehr nervt das?
Das hat sich in den letzten Jahren dank vieler Initiativen rund um den Kurzfilm zwar zum Positiven geändert, aber es nervt bisweilen schon, wenn man viel Arbeit investiert, und dann wird gesagt: Die machen ja „nur“ ein Kurzfilmfestival. Dass das mehr Arbeit ist als ein Langfilmfestival zu organisieren, weil es entsprechend mehr Filme sind, wird kaum gesehen. Und dann ist da der Status des Studenten- und Experimentalfilms, den der Kurzfilm nicht los wird.
Und die Zuschauer?
Das Publikum ist da, in Berlin haben wir mit 16.000 im letzten Jahr beim Festival und etwa 20.000 weiteren, die sich unsere Filme im Netz ansehen, schon ein sehr gutes Standing. Doch das geringe Budget verhindert, dass wir das Festival noch größer machen können.
Ist die kurze Form die schwierigere?
Eine Handlung in kurzer Zeit pointiert zu erzählen, ist sicherlich schwierig – ein sechsstündiges Epos zu erzählen aber auch. Mir fällt bei den Langfilmen oft auf, dass es möglich wäre, ihre Geschichte in viel kürzerer Zeit zu erzählen, anstatt das Publikum mit Durststrecken zu bedienen. Charaktere in aller Ausführlichkeit zu entwickeln, das geht freilich nur im Langfilm.
Was hat YouTube für den Kurzfilm bewirkt?
YouTube hat dem Kurzfilm einen neuen Schwung gegeben. Das Problem aber ist die nicht zu überschauende Masse. Deshalb scheint man Festivals auch zu würdigen, denn dort werden die Filme kuratiert, und ein kleines Internetfilmchen auf großer Leinwand zu sehen, kann toll sein. Unser „Viral Video Award“ will genau dieses Phänomen in die Kinos tragen: Filme zeigen, egal wie und von wem produziert, die im Internet weiterempfohlen wurden.
Virals?
Ja. Das können Werbefilme, politische Beiträge von NGOs oder Privatfilme sein. Wichtig ist, dass es kurze Filme mit sozialer Aussage sind. 21 Virals haben wir ausgewählt, man kann unter viralvideoaward.com bis zum 17. November abstimmen und den Publikumspreis bestimmen.
Wie viele Einreichungen gab es 2011?
Etwa 7.000. Ich habe jetzt über ein paar Monate hinweg 14 Stunden pro Tag Filme geschaut. Wir reduzieren diese Masse zudem durch Vorsichtungsgruppen, bis dann knapp 500 Filme übrig bleiben. Es reicht ja auch nicht, Filme bloß einmal zu gucken.
Wie ist ihr Festival gegliedert?
Im „Internationalen Wettbewerb“ laufen die besten Filme der Welt – und im deutschen Pendant eben die national besten. Für unser Schwerpunktprogramm „Umwelt“ wählte man die Filme entsprechend weniger nach ästhetischen Kriterien aus als danach, wie gekonnt sie sich ihrem Sujet nähern. Dann haben wir Animationsfilme in sieben Extraprogrammen – für die Kunstfreunde, die wissen wollen, was es speziell in diesem Bereich Neues gibt. Und bei den Schwerpunktregionen wollen wir den Leuten in erster Linie die Länder näher bringen.
Interfilm – 27. Kurzfilmfestival
Eröffnet wird das Festival am 15.11. um 21 Uhr in der Volksbühne, die Filmemacher streiten um 16 Auszeichnungen sowie um Sach- und Geldpreise von insgesamt 40.000 Euro. Die Preisverleihung wird am 20.11. ab 19.30 Uhr in der Volksbühne begangen. Die Länderschwerpunkte reichen von Heidi Revisited und der heimeligen Welt der Schweiz bis zu Filmen über Megacities und das Landleben in Südostasien in Asia Ost Süd Ost – von Japan über die Philippinen und Indonesien bis nach Myanmar ist alles vertreten. Zu den Sonderprogrammen: Mit den interfilm Delikatessen laufen Filmen zu speziellen Themen wie Fahrradfahren als Lebensstil. Der ShortFriday am 18.11. zählt zu den Höhepunkten: Bei Sound & Vision werden ab 20 Uhr Kurzfilme live nachvertont, mit dem legendären Eject-Publikumspreis ab 23 Uhr und zünftiger Party im Anschluss beschließt man den Abend. Ein besonderer Augenmerk liegt auf dem iranischen Filmemacher Jafar Panahi, der im Wettbewerb „Konfrontationen“ mit dem Film „The Accordion“ antritt. In seiner Heimat wurde Panahi zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt und ihm wurden 20 Jahre Berufsverbot erteilt.
Am 13.11. beginnt das KUKI-Festival, ein an das interfilm-Festival angeschlossenes Pendant für Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren. Im Filmtheater am Friedrichshain und in den Passage Kinos Neukölln werden bis zum 20.11. Kinder-Kurzfilme vorgeführt. Jens Uthoff
Weitere Informationen: 15.-20.11, Babylon Mitte, Passage, Central, Volksbühne, Roter und Grüner Salon, www.interfilm.de
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