»Ich möchte die Menschen für das Unbekannte begeistern«: Interview mit Frie Leysen, der Leiterin des Festivals "Foreign Affairs"
Frau Leysen, worin unterscheidet sich dieser Hausbesuch von denen, die Sie normalerweise machen? Wir sitzen hier nur zu dritt. Normalerweise sind es 15 bis 20 Menschen, auf die ich in einem privaten Rahmen treffe. Man kann sich das am besten als Party vorstellen, jeder bringt eine Flasche mit.
Das ist eine ungewöhnliche Methode. Ist das ein neues, ganz ausgefuchstes Marketingkonzept? Ich denke eher an eine Variation der Tupperparty.
Und statt Tupperware bringen Sie Kultur. Warum tun Sie sich den Aufwand an? Weil es im Programm von „Foreign Affairs“ nicht nur um große, bekannte Namen geht. Zudem lebe ich erst seit Januar in Berlin und lerne so die Stadt und ihre Bewohner etwas kennen.
Sie präsentieren ein paar bekannte Namen wie Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz, aber ein großer Teil der Künstler ist hierzulande relativ unbekannt. Und das bedeutet, dass man so viel wie möglich erklären muss, um die Menschen für das noch Unbekannte zu begeistern. Was diese Künstler machen, die ich einlade, warum sie wichtig sind, was wir mit ihnen zu tun haben und was die Idee des Festivals ist.
Wie viel Offenheit und Interesse setzen Sie bei einem kulturell verwöhnten Berliner Publikum voraus? Ich erwarte das. Berlin ist eine so internationale, offene, neugierige und tolerante Stadt, gefühlt hat sie jedes Wochenende ein Festival. Aber jedes hat einen speziellen Fokus. Mir geht es um starke Künstlerpersönlichkeiten. Und um wirkliche Internationalität. Viele Festivals nennen sich international, aber wenn man sich die Programme anschaut, ist es dann oft doch eher westlich. Es soll aber auch um Asien, Afrika oder Südamerika gehen, um die dortige zeitgenössische Kunst – nicht um Folklore oder eine ethnologische Perspektive.
Der westliche Einfluss reicht sehr weit. Es ist unglaublich zu beobachten, wie unsere Standards überall auf der Welt zum Richtmaß werden. Das ist beängstigend, aber es ist so.
Man könnte bei westlichen Standards auch positiv an Demokratie denken. Ja, aber wir haben nicht das Monopol dafür. Ich habe 2007 in neun Städten im arabischen Raum ein Festival geleitet und mich gefragt, wo eigentlich die arabische Kunstgeschichte ist. Es wird alles durch die Brille westlicher Werte und Codes gesehen. Das kann auch spannend sein, ich denke nur, dass wir uns in der Vergangenheit zu wenig Zeit genommen haben, um zu sehen, was woanders passiert. Es ist ein Klischee, aber wir sind immer in der Welt umhergereist und haben Shakespeare, Molière, Goethe und die Bibel hinterlassen. Wenn sich die Menschen auf diese Dinge beziehen, sagen wir, sie sind entwickelt, tun sie es nicht, nehmen wir sie nicht zur Kenntnis.
Wie kommt das? Weil wir die Kultur anderer Länder nie auf Augenhöhe betrachten. Dazu kommt: Wir haben das Geld. Die kulturellen Standards und das Geld.
Der lettische Regisseur Alvis Hermanis hat Ihnen eine „Obsession für Multikulti-Theater aus exotischen Ländern mit postmigrantischem Pathos“ vorgeworfen, die ihn an die Absolutheit der Sowjet-Ära erinnert. Trifft Sie das? Nein, denn ich habe mich nie schwerpunktmäßig für postmigrantische Themen interessiert. Das ist ein Thema unter vielen anderen. Exotisch oder multikulti bin ich auch nicht orientiert, absolut nicht. Mir geht es um große Künstlerpersönlichkeiten.
Sie werden ab 2014 die „Wiener Festwochen“ leiten, wofür sich übrigens auch Hermanis beworben haben soll. Treibt ihn gekränkte Eitelkeit? Ich habe keine Lust, zu spekulieren. Leider gibt es hierzulande diese Aufspaltung zwischen klassischem Schauspieltheater und allem anderen, was nicht dem Bereich Stadttheater zuzuordnen ist. Ich mag diese Trennung nicht, schon gar nicht die Marginalisierung des Anderen als kein „echtes“ Theater. In anderen Ländern, auch in Europa, ist das nicht so extrem wie in den deutschsprachigen.
Deutschland, Österreich und die Schweiz haben eben ihr einzigartiges System der Stadttheater. Darauf können diese Länder auch stolz sein. Aber warum sieht man hierzulande ein Theater, das sich etwa nicht so sehr auf Texte bezieht, gleich als großen Angriff? Ich sehe das überhaupt nicht so, wir brauchen beides. Mit dem Festivalprogramm will ich komplementär sein zu dem, was es hier eh schon gibt und übrigens in sehr guter Qualität.
Sie wollen also weniger den vermittelten Blick als das Originäre? Ich will das zeigen, was sich in der Welt im Schauspiel entwickelt. Es gibt Künstler, die sich ganz neue Formen von Theater erdenken. Viele, wie der Argentinier Rodrigo García, sind Autoren und Regisseure zugleich. Mich interessieren starke künstlerische Persönlichkeiten, die in urbanen Kontexten arbeiten, in Bangkok oder Beijing oder Buenos Aires. Zu sehen, wie sie sich heute mit ihrer Gesellschaft auseinandersetzen, wie sie das analysieren, kritisieren und was für Visionen sie entwickeln. Ob diese Visionen vielleicht auch die ganze Welt betreffen und auch uns hier in Berlin. Wenn wir nun 19 Visionen aus aller Welt auf einem Festival zusammenbringen, kann es durchaus zu Kollisionen kommen. Ich mag die Funken, die entstehen, wenn Gegensätze aufeinandertreffen.
Nun, das Programm des Festivals versammelt einige mehr oder weniger pessimistische Sichtweisen auf die Zukunft der westlichen Zivilisation. Steht das Ende der Welt bevor? Unsere Welt ist dunkel. Damit setzen sich die Künstler wie Romeo Castellucci oder Markus Öhrn auseinander. Sie müssen sich mit der Dunkelheit und den Abgründen auseinandersetzen. Aber viele entwickeln auch Visionen, die aus der Dunkelheit herausführen. Federico León etwa, der 120 Leute auf die Bühne holt und sich mit Kernthemen wie der Liebe beschäftigt. Oder Kyohei Sakaguchi, der mit viel Enthusiasmus ein neues Wohnen ergründet. Manchmal entstehen sogar echte Utopien.
Was und wen kann Theater im digitalen Zeitalter noch erreichen? Sie kennen vermutlich die These vom „Kulturinfarkt“, nachdem es hier viel zuviel Kultur und Theater gebe? Es kann nicht zuviel Kultur geben. Hier in Berlin spüre ich einen großen Theaterhunger. Die Theater sind gut besucht, es gibt ein Publikum, das heißt für mich, es gibt eine Notwendigkeit. Die These vom Kulturinfarkt erscheint mir verächtlich einer Kultur gegenüber zu sein, vielleicht aus einer westlichen Verwöhntheit heraus. In Buenos Aires beispielsweise, das Militärdiktatur und Finanzcrash hinter sich hat, erlebe ich ein unglaubliches Interesse an diesem uralten Live-Format. Dort macht man Theater ohne Geld. Die Menschen haben einen Job, um zu leben. Danach, am Abend, spielen sie. Und danach wiederum, bis weit in die Nacht hinein, proben sie für die nächste Produktion. Und das alles immer mit einem Lächeln. Auch für das Publikum ist Theater Teil des Lebens, die Häuser sind immer voll. Es hat auch nichts Elitäres, jeder geht ins Theater.
Das heißt, je satter die Strukturen, desto elitärer die Kunst? Nicht unbedingt. Auch in Berlin möchte ich ein Publikum erreichen, das so groß wie möglich ist und aus allen Generationen und Vierteln der Stadt kommt. Es ist aber auch nicht schlimm, dass nicht jeder Mensch konstant ins Theater geht. Es ist aber gleichzeitig auch schön, dass in Deutschland laut Statistik mehr Leute ins Theater als ins Fußballstadion gehen.
Die Bühnenkünste haben pro Jahr gut doppelt so viele Zuschauer wie die Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga. Ich gehe nie Fußball gucken, aber ich habe auch nichts gegen Fußball und zahle gern meine Steuern für den Sicherheitsaufwand bei Fußballspielen.
Sie sind eine erfolgreiche Festivalmacherin. Was macht einen guten Kurator aus? Ich bin eine Antenne, die versucht, zu orten, was die Leute wie machen und was sie beschäftigt. Für mich ist auch die Balance sehr wichtig zwischen etablierten Künstlern und vollkommen unbekannten – den großen Namen von morgen. Charmatz und Anne Teresa de Keersmaeker sind große Künstler und große Namen – die Berliner müssen das erleben, sie haben ein Recht darauf. Ich mache kein Festival für einen kleinen Kreis Eingeweihter, sondern für die Hauptstadt. Aber nicht jeder große Künstler hat einen großen Namen und nicht jeder große Name ist auch ein großer Künstler.
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