Abu, pass auf! Wallah! Warnung auf „Kiezdeutsch“: Isch mach disch Messer
Heike Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam, erforscht die Gesetzmäßigkeiten der Jugendsprache, die in Vierteln mit hohem Anteil von Migranten gesprochen wird. Die 45-jährige Kreuzbergerin sagt, diese sei so systematisch und mit grammatischen Neuerungen angereichert, dass sie als eigener Dialekt eingeordnet werden sollte. Für zitty erklärt Wiese, wie „Kiezdeutsch” funktioniert.
Neue Ortsangaben
„Isch geh Görlitzer Park.“
„Ich werde zweiter Mai fünfzehn.“
Die Ortsangabe ohne Artikel und Präposition ist auch in anderen Dialekten verbreitet, wenn es um Haltestellen geht: „Ich fahre zum Alexanderplatz und steige Zoo um.“ In Kiezdeutsch wird das systematischer angewandt. Sprachwissenschaftlich ist das eine „bloße Nominalphrase“ und kann auch als Zeitangabe auftreten. Diese Konstruktion ist so bekannt, dass man T-Shirts kaufen kann, mit Aufdrucken wie „Ich geh’ Gymnasium“.
Neue Funktionsverbgefüge
„Machst du rote Ampel!“
„Wir sind jetzt neues Thema.“
Die Verben sind verändert, sie tragen kaum eine Bedeutung und sind eng mit dem Nomen verbunden. „Machen“ heißt nicht mehr „herstellen“, sondern bezeichnet einen Vorgang, der in diesem Fall etwas mit einer roten Ampel zu tun hat. In der Sprachwissenschaft bezeichnet man dies als „semantische Bleichung“ des Verbs. Es ist aus klischeehaften Wendungen wie „Ich mach dich Messer!“ bekannt.
Neue Partikeln
„Ihre Schwester ist voll ekelhaft, Alter. Ischwöre.“
„Mit Auto hat bei uns einen Tag gedauert. Ischwöre.“
„Ischwöre“ erhalten wir in Kiezdeutsch durch die Aussprache des ch-Lautes als sch, das ist die so genannte „Koronalisierung“. Die Wortfolge „isch schwör“ verschmilzt dann wegen der zwei aufeinander folgenden sch-Laute zu einem. Die Entstehung einer solchen Partikel ist im Deutschen ganz normal, wie etwa die Entwicklung „glaube ich“ zu „glaubich“ zeigt.
Neue Satzstellung
„Isch weiß, dass hier einen Apfelbaum gibs.“
„Gibs auch Jugendliche, die aus Langeweile viel Mist machen.“
Der erste Satz im Standarddeutschen würde so lauten: „Ich weiß, dass es hier einen Apfelbaum gibt.“ Aus grammatischer Sicht gesehen ist das unschön, denn das „es“ bedeutet gar nichts. Der Apfelbaum, um den es eigentlich geht, ist das Objekt, er müsste aber das Subjekt sein. Im Kiezdeutsch gibt es kein bedeutungsleeres „es“, und „gibs“ führt als Existenzanzeiger den Gesprächsgegenstand ein.
Neue Aufforderungswörter
„Lassma treffen.“
„Ach so, musstu Lampe reinmachen.“
Wir können hier die Entstehung von zwei neuen Wörtern beobachten. Sie signalisieren, dass der Satz, in dem sie auftreten, als Vorschlag oder Aufforderung zu verstehen ist. In Süddeutschland würde es abgewandelt heißen: „Miassn’S fei net traurig sei“, in Norddeutschland „Musstu halt noch mal hingehen.“
Informative Satzstellung
„Danach isch geh zu mein Vater.“
„Erst isch mache disch fertig, dann disch.“
Die Beispiele zeigen, dass Informationen in Kiezdeutsch sinnvoller als im Standarddeutschen angeordnet werden. Normalerweise müssten wir uns entscheiden: Entweder steht „Ich“ vorne oder „Danach“, aber das „gehen“ muss immer an der zweiten Stelle stehen. In Kiezdeutsch ist der Satz klarer aufgebaut: Zuerst wird gesagt, wann etwas passiert, dann, um wen es geht, und erst dann, was eigentlich passiert.
Neue Redewendungen
„Wallah, ich frag ihn, was hast du heute in Schule gemacht, lan?“
„Yallah, lass uns gehen, Moruk!“
„Die Jungs haben alle Helal-Geld.“
„Abu, pass auf!“
Glossar
lan= Typ, Mann (aus dem Türkischen, eigentlich ulan „Kerl“)
moruk = Alter (aus dem Türkischen)
wallah = Echt! (aus dem Arabischen, wörtl. „bei Allah“)
yallah = Los! (aus dem Arabischen)
hadi çüs = Tschüss; mach’s gut! (aus dem Türkischen: haydi, los, komm), çüs ursprünglich als Ruf gegenüber Eseln, ausgesprochen Tschüsch)
abu = Ey! (aus dem Arabischen, heißt wörtlich: Vater)
Helal = (aus dem Arabischen: sauber)
Das Buch „Kiezdeutsch“ erscheint am 16. Februar im Verlag C.H. Beck
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Kommentare
Bedaure, dass ich bei dieser gewagten linguistischen These nicht zustimmen kann. Meines Erachtens handelt es sich beim sogenannten Kiezdeutsch um keine Berliner Jugendsprache. Die Jugendlichen, die ich kenne, machen sich über derartige Floskeln allenfalls lustig, da sie eindeutig an einen muslimischen Migrationshintergrund gekoppelt sind. Ein Dialekt ist eine von einer Volksgruppe in Jahrhunderten entwickelte Mundart. Das hier diskutierte Krüppeldeutsch ist lediglich die Ausgeburt einer Anhäufung von Sprachfehlern, Mängeln in der Aussprache und einem grammatikalischen Unverständnis für die "Fremdsprache" Deutsch. Dieses sprachliche Manko entwickelt sich dann bei der Suche nach einer Lehrstelle zu einem echten Handikap. Diesen Sachverhalt schön zu reden, bringt allenfalls der Autorin ein paar Tantiemen, sonst aber niemandem nichts. Die Kanaksprak ist Unkraut, und nur eine verbindliche Vorschule für benachteiligte Kinder kann es bekämpfen, bevor es zu wuchern beginnt.
OK...zu dem vorherigen Kommentar sage ich nur, ich würde vielen Menschen aus Bayern oder Hessen auch Probleme bei einem Vorstellungsgespräch in Norddeutschland vorhersagen. Soll ich ihrer Meinung nach als gebürtiger Mensch aus der Region stammend, wo hochdeutsch nahezu perfekt ausgesprochen wird auch Abneigung gegen Bayern oder Hessen haben? Um bei den neuen Worten zu bleiben, ihre Aussage ist einfach sarrazinistisch...bäääm! In Paris hat sich vor Jahren auch eine Art Jugendsprache entwickelt, die aus signifikanten Verkürzungen bestand. Genau so wie diese Art und aus der Sprachwissenschaft heraus ist es sogar absolute Pflicht sich mit so einem Thema zu beschäftigen, vor allem weil es so herrlich jung und modern ist.