Jahresrückblick 2015

The Good, the Bad and the Ugly

Was bleibt vom Theaterjahr 2015? Die Tops und Flops der ZITTY-Theaterkritiker

Kürzlich hat Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner verraten, was seine Lieblingsaufführung des Jahres war: „Richard III.“ an der Schaubühne, mit Lars Eidinger. Die durchaus furiose Eidinger-Show kam bei den ZITTY-Kritikern nicht in die Spitzengruppe, aber Renner wird das wegstecken, so wie er im Frühjahr seine durch BE-­Intendant Claus Peymann verliehene Titulierung als „größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ auch ­wegsteckte.

Hintergrund war die von Renner eingefädelte Neubesetzung der Volksbühne durch den belgischen Museumsmann Chris Dercon. Um diese entbrannte ein Kulturkrawall sondergleichen, der vor allem eines war: hysterisch. Schließlich wird hier kein Theater geschlossen, sondern soll nach 25 Castorf-Jahren ein neues Profil erhalten. Ob’s gelingt, bleibt zunächst abzuwarten.

Vorerst erfreuen wir uns noch bis Mitte 2017 an der alten Volksbühne unter Frank Castorf, die mit dem im Sommer verstorbenen, prägenden Bühnenbildner Bert Neumann einen herben Verlust verkraften musste. Welche Kraft in dem Gespann Castorf/Neumann steckte, lässt sich in der Marathonaufführung „Die Brüder Kara­masow“ erleben – unsere Aufführung des Jahres 2015. Sechs Stunden grandioses Verausgabungstheater rund um die großen Themen Liebe, Gott und Gesellschaft, die einem den in manch durchlittener Premiere lädierten Glauben an die Kraft des Thea­ters nachhaltig wiedergibt.

Dieses Theater mit diesem Ensemble wird uns fehlen.  Dass es nun aber absehbar an der Volksbühne zuende geht, ist kein Skandal, Castorfs Regiehandschrift wird sicher anderswo in Berlin weiter stattfinden. Ein Skandal ist eher die Geldverschwendung an der Staatsoper, deren Umbau immer teurer wird und deren Intendant Jürgen Flimm sich den Luxus einer dreijährigen (!) „Ein­arbeitung“ seines designierten Nachfolgers bei vollem Gehalt leistet.

Unerträglich sind auch die Morddrohungen gegen Falk Richter für dessen Pegida-kritische Inszenierung „Fear“ an der Schaubühne, die dafür von der AfD verklagt wurde. Dass die AfD den Prozess verlor, gehört dann wieder zu den erfreulichen Ereignissen. Friedhelm Teicke

Kritikers Liebling: "Die Brüder Karamasow" (v.l.: Kathrin Angerer (Agrafena Alexandrowna Swetlowa - Gruschenka), Daniel Zillmann (Alexej Fjodorowitsch Karamasow),, Patrick Güldenberg (Michail Ossipowitsch Rakitin), Foto: Thomas Aurin
Kritikers Liebling: „Die Brüder Karamasow“ (v.l.: Kathrin Angerer (Agrafena Alexandrowna Swetlowa – Gruschenka), Daniel Zillmann (Alexej Fjodorowitsch Karamasow),, Patrick Güldenberg (Michail Ossipowitsch Rakitin), Foto: Thomas Aurin

 

Rewind 2015: Die Voten im Einzelnen

Regine Bruckmann
Meine Tops:
1. „The Working Dead“, Regie: Jörg Steinberg, Theater Strahl
Vorbildliche Arbeit im Kiez: Geschichte und Gegenwart des Industriestandortes Ober-Schöneweide, berührend und lebhaft für Jugendliche erzählt
2. „Peer Gynt“, Regie: Ivan Panteleev, Deutsches Theater
3. „Service / No Service“, Regie: Rene Pollesch, Volksbühne
Flop: Die traurige Geschichte der Auseinandersetzung von GRIPS-Chef Volker Ludwig mit seinem nachfolgenden künstlerischen Leiter Stefan Fischer-Fels. Höhepunkt und vorläufiges Ende der Geschichte in diesem Jahr: Eine Entscheidung fällt, Fischer-Fels muss gehen. Die Sache hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack, der gute Ruf Volker Ludwigs und des GRIPS Theaters hat gelitten. Trotzdem: Berlins renommiertestem Kindertheater geht es in Zukunft hoffentlich auch hinter den Kulissen wieder besser.

Barbara Fuchs
Meine Tops:
1. Die Schaubude Berlin, ein Ort der Kreativität, mit vielschichtigen berührenden und verstörenden Inszenierungen des Puppen-, Figuren- und Objekttheaters. Beglückend, wie der Wechsel in der künstlerischen Leitung von Silvia Brendenal zu Tim Sandweg im produktiven Miteinander und mit Unterstützung langjähriger Wegbegleiter des Hauses vollzogen wurde und wie mutig Sandweg mit Reihen wie „Meeting Point“ neue Formate entwickelt
2. „Bumelux – Zu alt, um jung zu sterben“, Regie: Gabriele Hänel, Theater o.N.
3. „der die mann“, Regie: Herbert Fritsch, Volksbühne
Flop: Die Beendigung der Ära Frank Castorf an der Berliner Volksbühne – ein schwerer Eingriff, mit dem etwas Lebendiges, Visionäres, mit der Stadt Gewachsenes abgeschnürt wird. Schwer zu verkraften.

Hermann-Josef Fohsel
Meine Tops:
1. „Moses und Aron“, Regie: Barrie Kosky, Komische Oper
Ein musikalisch-szenisches Ereignis allererster Güte, mit einem alles überragenden Chor, der nicht umsonst zum „Chor des Jahres“ gewählt wurde.
2. „Ariadne auf Naxos“, Regie: Hans Neuenfels, Staatsoper
3. „Vasco de Gama“, Regie: Vera Nemirova, Deutsche Oper
Flop: „Giulio Cesare in Egitto“,  Regie: Lydia Steier, Komische Oper
Vier Stunden viel Lärm um nichts: Musikalisch (einfallslos das Dirigat von Konrad Junghänel), szenisch (belangloses floskelhaftes Regietheaters), sängerisch (Bariton Dominik Köninger als Cesare scheitert in seiner großen Arie sowohl an den Koloraturen als auch an der italienischen Sprache).

Gerd Hartmann
Meine Tops:
1. „Grimm!“, Regie: Peter Lund, Neuköllner Oper
Musical-Fabel aus dem Dorf, das unser Land ist, hochpolitisch, unterhaltsam, brandaktuell – und all das ohne eine einzige platte Anspielung.
Flop: Der Streit zwischen Kunst und Kommerz bei der Märchenhütte, der zur Abwanderung des kreativen Stammteams führte.

Georg Kasch
Meine Tops:
1. „Eine Frau, die weiß, was sie will“, Regie: Barrie Kosky, Komische Oper
Diese Operettenausgrabung macht glücklich. Und süchtig. So viele intelligente Überdrehungen muss man erst mal hinkriegen wie Dagmar Manzel, Max Hopp und Barrie Kosky!
2. „Und dann kam Mirna“, R: Sebastian Nübling, Maxim Gorki Theater
3. „Eine Familie“, Regie: Ilan Ronen, Theater am Kurfürstendamm
Flop: „Ödipus der Tyrann“, Regie: Romeo Castellucci, Schaubühne
Der beste Moment in dieser öden Kunstgewerbeübung war, als ein Lamm auf die Bühne köttelte – ein kurzer Augenblick weisen Witzes in einem vollkommen selbstbezogenen Weihespiel.

Anna Opel
Meine Tops:
1. „Orfeo“, Regie: Susanne Kennedy / Solistenensemble Kaleidoskop, Berliner Festspiele
Erfahrungstheater, das den Zuschauer mit leisen Tönen und Minimalismus herausfordert und ihm ein anderes Zeiterleben ermöglicht.
2. „Die Brüder Karamasow“, Regie: Frank Castorf, Volksbühne
3. „Keiner findet sich schön“, Regie: René Pollesch, Volksbühne
Flop: „Unerträglich lange Umarmung”, Regie: Andrea Moses, Deutsches Theater
Das Porträt einer Generation sinnsuchender Globetrotter findet aus der beschriebenen Belanglosigkeit selbst nicht hinaus.

Tom Mustroph
Meine Tops:
1. „Ultima Ratio“, Regie: Nicole Oder, Heimathafen Neukölln
Im faszinierenden Format der Live Graphic Novel erzählen die Spielerin Tanya Erartsin, die Live-Zeichnerin Bente Theuvsen und die Sprecherin Britta Steffenhagen die Fluchtgeschichte des ebenfalls auf der Bühne präsenten Rooble und seiner Familie aus Somalia nach Europa. Ästhetisch stark gemacht, und lange vor dem Syrien-Hype produziert
2. „Das Biest A“, Regie: Anne Schneider, Theater unterm Dach
3. „100 Sekunden“, Regie: Christopher Rüping, Deutsches Theater
Flop: Die Berliner Kultur- und Finanzpolitik wegen der durch dilettantische Planung verursachten Geldverschwendung beim Staatsopernumbau, der völlig verRENNERten Abservierung Frank Castorfs und der Veralberung der freien Szene bei der Verteilung der City Tax-Mittel.

Axel Schalk
Meine Tops:
1. Zehn Jahre prime time theater
Typen, die jeder kennt, wie den Weddinger Postboten oder den Dönerverkäufer. Das Kieztheater, das ethnische Grenzen aufhebt, bleibt lebendig und ganz nah dran an Berlins postmigrantischer Realität. Gut für die Stadt, dass das Konzepttheater erfolgreich ist
2. Dan Lahav hat das einzige jüdische Theater Berlins nach der Nazidiktatur gegründet und erhalten. An jüdische Autoren wird hier erinnert: Da ist eine Friedrich-Hollaender-Revue zu sehen, die uns an unsere Ausschwitzgeschichte erinnert. Bitte weiter inszenieren.
3. Shermin Langhoff hat am Maxim Gorki Theater alte Strukturen aufgebrochen, die Ästhetik der (Post-)Migranten, das Flüchtlingstheater, hat eine ganz aktuelle Stimme, einen Ort bekommen. Und hier ist auch eine Idee von Europa zu verstehen: die Stückprojekte werden stets englisch übertitelt. Here we go.
Flop: Die Nichtverlängerung von Frank Castorf an der Volksbühne
Goodbye, thank you, Frank Castorf. Mit Dir wurde am Rosa-Luxemburg-Platz Theatergeschichte geschrieben. Wieso wird aber über den designierten Nachfolger Chris Dercon noch soviel diskutiert? Soll er erstmal hier in Berlin Theater machen und zeigen, ob er wirklich über die von Castorf hochgelegte Latte springen kann.

Susanne Stern
Meine Tops:
1. „Platonow“, Regie: Luk Perceval , HAU 1
Tschechow auf Flämisch mit deutschen Übertiteln, eine hochkonzentrierte Inszenierung, die die Subtexte zum Leuchten bringt, ein existentieller Tanz um die Suche nach Liebe, zeitlos und berührend.
2. „Recht mittendurch – A multiple Parzivality disorder“, Regie: Robert Wagner, Acudtheater
3. Alexander Kluge und Romuald Karmakar im Team der neuen Volksbühne. Das wird spannend zu sehen, welche Impulse von diesen originellen Filmemachern und Denkern kommen!
Flop: Dass es Künstler aus aller Welt nach Berlin zieht, ist Segen und Fluch. Die gegenseitige Inspiration und Bereicherung ist toll – gleichzeitig nimmt die Konkurrenz um Arbeitsräume, Fördermittel, Spielstätten irrwitzige Ausmaße an.

Christian Rakow
Meine Tops:
1. „Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“, Regie: René Pollesch, Volksbühne
Beglückendes Zusammentreffen dreier maßgeblicher Künstler der letzten beiden Jahrzehnte: René Pollesch, Dirk von Lowtzow und Bert Neumann
2. „Fear“, Regie: Falk Richter, Schaubühne
3. „Musa Dagh — Tage des Widerstands“, Regie: Hans-Werner Kroesinger, Maxim Gorki Theater
Flop: „Romeo und Julia“, Regie: Christopher Rüping, Deutsches Theater
Da hat sich jemand kräftig verschnippelt.

Friedhelm Teicke
Meine Tops:
1.
„Die Brüder Karamasow“, Regie: Frank Castorf, Volksbühne
Sechs Stunden grandioses Verausgabungstheater rund um die großen Themen Liebe, Gott und Gesellschaft, in dem alles drin ist, was die Volksbühne unter Castorf berühmt gemacht hat: ein Gesamtkunstwerk aus ungewöhnlichem Bühnenbild (Bert Neumanns letzte Arbeit), multimedialem Furor mit Textadaptionen und Bildern, die den Kopf bewegen sowie ein Ensemble zum Niederknien: Kathrin Angerer! Sophie Rois! Lilith Stangenberg! Hendrik Arnst! Daniel Zillmann! Alexander Scheer! Ach.
2. „Alice“, Regie: Nora Schlocker, Kammerspiele des Deutschen Theaters
3.
„Richard III.“, Regie: Thomas Ostermeier, Schaubühne
Flop:
„Der gute Mensch von Sezuan“, Regie: Leander Haußmann, Berliner Ensemble
Pseudo-Polittheater zwischen albernem Klamauk und kraftlos-braven Textaufsagen (zur Freude der gestrengen Brecht-Erben?): zum Wegrennen!