REZENSION: POLLESCH: Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!

Foto: Marcus Lieberenz
Tom Mustroph
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In René Polleschs neuem Stück wird man Zeuge der Verwandlung  des Schauspielers Fabian Hinrichs in einen formidablen Alleinunterhalter. Bemerkenswert, mit welchem Elan und welcher Selbstaufopferung er sich in Polleschs Experimentalanordnung hineinkatapultiert, einer Suche des in Medien- und Theaterwelten sowie Psychoräumen herumirrenden Selbsts. Hinrichs singt und rennt, er gurrt und schreit, er musiziert und malt. Er will sich die Haut vom Leibe reißen, färbt sich die Achseln blutrot und den Unterleib aliengrün. Vom Prince-Song „God“ aufgepeitscht hängt er sich auf eine vom Bühnenhimmel herunter gleitende Monsterdiscokugel und lässt sich von dieser halzbrecherisch bis ganz nach oben ziehen.

Im Fachblatt „Theater heute“ hat Hinrichs in einem Probenprotokoll die Arbeit mit Pollesch als Neuerfindungstrip seiner selbst beschrieben. Das ist durchaus geglückt. Polleschs Kritik an den Entfremdungszusammenhängen postmoderner Menschen ist in diesem Stück aber merkwürdig schwach.

Das liegt auch daran, dass er die Interpassivitätstheorie (etwa eine Kochsendung zu schauen, statt selbst zu kochen) auf das Theater anwendet. Alle Aktion ist aus dieser Perspektive nur delegierte Handlung. So fordert Hinrichs fortwährend zur Interaktion auf und übernimmt dann doch für den Zuschauer. Er verausgabt sich, aber er opfert sich nicht für uns auf; er ist ja nicht Jesus. Was uns mit ihm verbindet, ist daher mitnichten Interpassivität. Vielmehr beobachtet man staunend, wie der Schauspieler ganz für sich allein auf großer Bühne einen hermetischen Text erobert. Chapeau für diese Leistung, Fabian Hinrichs!     

7.2., 18 Uhr, Volksbühne. Regie: René Pollesch; mit Fabian Hinrichs. Eintritt 12-27, erm. 8 Euro


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