Porträt Franziska Melzer: Malerin der Widersprüche


Big in Potsdam: Franziska Melzer Foto: HL Böhme
Friedhelm Teicke
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Sie wollte doch so gern die Goldmarie spielen oder wenigsten die Pechmarie. Aber Klein-Franziska durfte nur ein Äpfelchen darstellen in der Kindergartenaufführung von „Frau Holle“. Noch nicht mal eine Nebenrolle war das! Eher ein Komparsenjob. Und doch entfaltete das vierjährige Mädchen aus diesem Äpfelchen eine Gewissheit. Während Franziskas Altersgenossen Berufswünsche entwickelten und verwarfen, wusste sie fortan stets, was sie will: Schauspielerin werden!

Dass Franziska Melzer das tatsächlich geworden ist, kann man derzeit überall in Potsdam sehen. Von allen Plakatwänden blickt die 28-Jährige herab und wirbt für ihre neue Premiere im Hans Otto Theater. Denn Melzer spielt längst keine Nebenfigur mehr. Die blonde Mimin mit den melancholischen Augen kriegt die großen Rollen: Sie verkörpert Kleists Käthchen, Horváths Karoline, Schnitzlers Genia, Molières Donna Elvira, Tschechows Nina und Goethes Marie Beaumarchais. Und jetzt, so verkünden es die Plakate, wird sie die Titelrolle spielen in Bruno Cathomas’ Inszenierung der Kleinbürgertragödie „Lola“ nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder.

Das scheint ein gradliniger Weg gewesen zu sein – vom vierjährigen „Äpfelchen“ zum Potsdamer Theaterstar. Doch „die Zweifel, ob ich das kann, sind enorm gewesen“, erinnert sich Melzer bei unserem Gespräch in der Potsdamer Theaterkantine. Kaum hilfreich war es da, dass sie zunächst reihenweise Absagen von Schauspielschulen bekam. Aber der Wunsch zu spielen war stärker als die Zweifel: „Instinktiv wusste ich, dass ich in diesem Beruf zuhause bin.“ 2002 kann die Dresdnerin schließlich an der Universität der Künste in Berlin ihre Schauspiel-Ausbildung beginnen.

Seitdem meint es die Theatergöttin Thalia gut mit ihr. Nach einem kurzen Intermezzo in der Freien Szene am Theaterdiscounter spielt Melzer 2007 mit dem Schauspiel-Diplom in der Tasche am Hamburger Thalia Theater die Titelrolle in Aki Kaurismäkis „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“. Im selben Jahr wird sie Ensemblemitglied am Theater Magdeburg. Dort erhält sie 2008 den „Förderpreis für junge Künstler“. Im Jahr darauf folgt sie ihrem Intendanten und Förderer Tobias Wellemeyer ans Hans Otto Theater.

Und während Wellemeyers großstädtischer Spielplan das Potsdamer Publikum zunächst irritierte, findet es Gefallen an Melzers Art, ihre Figuren nicht überdeutlich anzulegen, ihnen ein Geheimnis zu lassen. Sie ist eine fulminante Darstellerin der Widersprüche von Figuren, eine Malerin des „Trotzdem!“. „Franziska Melzers Rollen sind Fragezeichen an den Text“, lobt das Fachblatt „Theater der Zeit“.  

Und jetzt also „Lola“. Melzer ist in Cathomas Inszenierung – anders als Barbara Sukowa in Fassbinders BRD-Wirtschaftswunder-Film – eine moderne Lola, eine Frau von heute. Die Rolle einer forschen Frau, die ihre bestrapsten Beine schwingt und Lieder singt, gefällt ihr. Auch weil sie weit von ihrer eigenen Persönlichkeit entfernt ist. „Aber die Rolle ist toll, weil ich auch tanzen und singen kann.“ Diese Seite von ihr zeigte sie bereits im Ensemble-Liederabend „Chanson d’amour“ und kürzlich bei ihrem Solo „Bang Bang ... You Shoot Me Down!“. Keine Frage, aus dem Äpfelchen ist längst ein prächtiger Apfel geworden.

„Lola“, 14. + 15.5., 19.30 Uhr, Hans Otto Theater Potsdam. Regie: Bruno Cathomas,
mit Franziska Melzer, Bernd Geiling.
Eintritt 10-31, erm. 7-21,50 Euro


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