Kino_Interview: Im letzten Leben Emmentalerin


Fachfrau in Sachen Drehbuch: Sabine Pochhammer Foto: Nick Ash
Interview: Martin Schwarz, Sarah Julia Mibus
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Wer hätte das gedacht. Die Kneipeninstitution Kastanie in Charlottenburg – ein Promitreff: Am Nachbartisch sitzen die Geschwister Pfister. Sabine Pochhammer betritt bei schönster Frühlingssonne den Biergarten und steht Rede und Antwort. Pochhammer ist ein echter Drehbuch-Crack und auch als Dramaturgin für andere Autoren tätig, dramaturgisch begleitet hat sie Filme wie Verrückt nach Paris oder Mitfahrer. Von der gebürtigen Berlinerin stammen diverse Serienbücher. Nun also Die Herbstzeitlosen. Das Besondere: Der Film ist urschweizerisch. In einem kleinen Emmentaler Dorf beschließt eine 80-Jährige, eine Dessous-Boutique zu eröffnen.

Sie als waschechte Berlinerin haben ein Drehbuch für einen typischen Schweizer Film geschrieben. Wie kam es dazu?
Den ersten Film der Regisseurin Bettina Oberli habe ich als Dramaturgin betreut. Hier nun kam die Idee ursprünglich von Bettina, sie hat das Konzept entwickelt und eine erste Fassung des Drehbuches geschrieben. Dann wurde ich gefragt, ob ich als alleinige Autorin das Buch schreiben könnte. Es war von Anfang an klar, dass es im Emmental spielt. Und da habe ich mich als Berliner Großstadtpflanze schon gefragt, ob ich das schreiben kann. Aber es handelt sich ja um ein allgemein menschliches Thema, das unabhängig vom Dörflichen ist, und das kann man schreiben, ohne dass man dort groß geworden ist. Ich habe natürlich einige Zeit in der Gegend verbracht, um ein Gefühl für die Atmosphäre zu kriegen. Nach der ersten Fassung meinte dann der Produzent, ich hätte es so geschrieben, als wäre ich im letzten Leben Emmentalerin gewesen (lacht).

Sprechen Sie Schwyzer-Deutsch?
Ich verstehe Zürich-Deutsch einigermaßen, aber kaum Bern-Deutsch. Das Drehbuch ist von einem Berner Autor übersetzt worden, und ich habe darum gebeten, dass er die Dialoge nicht umschreibt. Was er auch nicht gemacht hat. Als ich dann den Rohschnitt gesehen habe, war das trotzdem eine komische Erfahrung, da ich überhaupt kein Gefühl mehr hatte, ob die Situationskomik und der Sprachwitz noch funktionieren.

Als Drehbuch-Autorin hängen Sie sicher an jedem Satz. Und dann kommt die Transformation in eine andere Sprache. War das nicht merkwürdig?
Beim Schreiben habe ich eng mit der Regisseurin zusammengearbeitet. Beim Dreh hat sie kaum etwas verändert, ich hatte nie das Gefühl, dass das nicht mehr mein Buch ist. Natürlich war ich gespannt, als der Film in Locarno auf der Piazza Grande gezeigt wurde und ihn 8.000 Leute gesehen haben. Aber zwischendurch gab es immer wieder Szenenapplaus, die Zuschauer haben an den passenden Stellen gelacht. Und das hat gezeigt, wie emotional sie sich auf die Geschichte eingelassen haben. Das war großartig!

Das Tempo des Films ist langsam und entspricht damit der Schweizer Mentalität. Ist so etwas im Drehbuch planbar?
Das ist die Inszenierung. Das Tempo entspricht der dörflichen Mentalität und entwickelt eine eigene Art von Charme und Komik. Vom Buch her hätte man den Stoff sicher auch schneller inszenieren können.

Die Alten überholen im Film die Jungen an Progressivität. War das Ihr Ansatz?
Am Anfang stand zunächst einmal die Frage: „Was passiert mit Frauen im hohen Alter, wenn sie ihre Männer überlebt haben?“ Normalerweise bekommen sie durch ihr soziales Umfeld bestimmte Aufgaben zugeschrieben: sich um die Enkel kümmern, soziales Engagement entwickeln – oder sie sitzen nur auf ihrem Bänkchen. Was aber passiert, wenn eine Frau ihre ungelebten Träume noch einmal aufgreift? So entwickelte sich die Geschichte dann eigentlich von selbst: Wenn eine anfängt, sich zu trauen, dann trauen sich die anderen auch. Zwar sind die Freundinnen der Hauptfigur nicht unzufrieden mit ihrem Leben, aber ihnen fällt auf, dass sie selbst noch mal etwas Anderes machen könnten. So entstand letztlich eine Bewegung, von der alle erfasst werden.

Jeder, der es anpackt, kann seine Träume verwirklichen – war diese Kernaussage von Anfang an klar?
Wir sind nicht von einem Motto ausgegangen, das wäre zu banal. Der Film funktioniert so gut, weil die Figuren ernst genommen werden. Im Grunde genommen ist der Konflikt sehr ernst, wird aber lustig erzählt. Ein bekannter Drehbuchtheoretiker hat einmal gesagt: „Comedy is truth and pain.“ Im Endeffekt geht es darum, dass diese Rebellion ein Antrieb für jeden von uns ist. Egal wie alt man ist, man ist ständig im Konflikt mit den Hindernissen, die einem die Realität in den Weg stellt. An denen wächst man – oder eben nicht.

Gibt es ein Rezept für ein gutes Drehbuch?
Wenn es das gäbe, hätten wir nur noch gute Drehbücher. Bei meiner Arbeit als Dramaturgin gehe ich in der Regel von den Figuren aus. Wenn diese es schaffen, den Zuschauer zu berühren und auch das Thema und den Konflikt transportieren, dann erledigen sich Strukturfragen meist von alleine. Ich selbst gebe keine Struktur vor.


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