- Artikel
- 27.01.2009
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Berlinale: »Ich bin Schauspielerin – und kein Playmate«
Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ sollte ursprünglich von Anthony Minghella („Der englische Patient“) verfilmt werden. Mit Nicole Kidman in der Hauptrolle. Nach Minghellas überraschendem Tod und durch Kidmans Schwangerschaft ergab sich eine neue Paarung: Regisseur Stephen Daldry („The Hours“) hat sich für seinen Film Kate Winslet ausgesucht. Ihrem Talent ist es zu verdanken, dass die Figur der ehemaligen KZ-Aufseherin Hanna, die in den 50ern eine Affäre mit einem 15-Jährigen hat, immer von Menschlichkeit durchstrahlt wird. Klar, präzise und ohne falsche Sentimentalität wird hier ein Schicksal abgehandelt, das eher auf mitfühlende Fragen setzt denn auf billige Antworten.
Es heißt, Schauspieler müssen sich immer mit der Figur, die sie spielen, identifizieren. Fiel Ihnen das bei Hanna schwer? Nein, denn ich beurteile die Figur, die ich spiele, zunächst nicht intellektuell oder moralisch, sondern versuche mich ihr vorbehaltlos und emotional zu nähern. Ich will herausfinden, wie sie fühlt, denkt, lacht, isst, Sex hat. Ich will den ganzen Menschen begreifen lernen. Das Dümmste, was man als Schauspieler machen kann, ist die Figur – der man auf der Leinwand Gesicht, Körper, Stimme und Gesten leiht – zu desavouieren. Ich habe Hanna ganz und gar angenommen, sie mir sozusagen unter die Haut gehen lassen. Das ist schließlich meine Aufgabe.
Ein New Yorker Kritiker hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie durch Ihre freizügigen Sex-Szenen den Holocaust trivialisieren. Das sehe ich überhaupt nicht so. Immerhin ist die lustvoll ausgelebte Erotik zwischen Hanna und ihrem jugendlichen Vorleser von zentraler Bedeutung. Diese „Sex-Szenen“ haben eine dramaturgische Notwendigkeit und haben mit Effekthascherei oder Trivialisierung überhaupt nichts zu tun. Ich weiß, dass man mir gelegentlich vorwirft, dass ich vor der Kamera meine Kleider oft fallen lasse. Aber soweit ich mich erinnere, hatte das immer sehr mit der Rolle zu tun. Ich bin schließlich Schauspielerin – und kein Playmate.
Hanna und ihr Vorleser verbindet ja nicht nur die Sexualität. Genau. Er öffnet ihr und sie ihm eine neue Welt. Das ist doch etwas ungeheuer Aufregendes, Zärtliches, Einzigartiges. Für mich ist das der Schlüssel zum Film und zum Roman.
Kannten Sie den Roman vorher? Ich habe ihn gelesen. Und ich finde, dass Stephen Daldrys Verfilmung ihm sehr gerecht wird.
Könnten Sie sich als 33-Jährige im wirklichen Leben eine Liebesaffäre mit einem 15-Jährigen vorstellen? (lacht) Darum geht es doch gar nicht. Ganz abgesehen davon war David Kross – der den jungen Vorleser spielt – gerade 18 geworden. Beim Drehen von sogenannten Sex-Szenen geht es alles andere als sinnlich, romantisch oder gar erotisch zu. Da konzentriert man sich auf die Lichtsetzung, den Dialog, die Szene – und natürlich auch auf sein Gegenüber. Aber da habe ich – als Kollegin mit etwas mehr Erfahrung – eher die Rolle der Ratgeberin übernommen.
Sie nehmen die Schauspielerei sehr ernst, oder nicht? Natürlich. Nicht bierernst – ich habe auch schon jede Menge Spaß dabei. Aber mir liegt schon sehr viel daran, dass das, was wir versuchen herzustellen, Hand und Fuß hat. Ein guter Schauspieler dient immer zuerst der Sache und spielt sich nie in den Vordergrund. Diesen Mangel an Bescheidenheit vermisse ich allerdings bei gewissen Kollegen. Genauso wie den Mut zur Hässlichkeit. In vielen Hollywood-Filmen sehen die Leute – selbst wenn sie bis zum Hals im Dreck stehen – immer ungeheuer attraktiv aus.
Gehört Eitelkeit nicht zum Geschäft? Für mich überhaupt nicht – genauso wenig wie Heuchelei. Als Schauspielerin bin ich doch dazu verpflichtet, mich mit allen Facetten meines Körpers und meiner Seele zu präsentieren. Und wenn es das Drehbuch eben erfordert, dass ich nackt bin, dann klemme ich mir sicher nicht die Bettdecke unter den Armen fest. Das ist doch kindisch.
Sie scheinen ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu haben. Tatsächlich? Ich kann Ihnen versichern: Auch ich habe meine Zweifel, Komplexe und Unsicherheiten. Aber ohne ein gewisses Maß an Selbstvertrauen kommt man nicht sehr weit im Leben, oder? Schon gar nicht im Film-Business. Als zum Beispiel der „Titanic“-Hype vor zwölf Jahren richtig losbrach, war ich gerade mal 22. Da muss man schon ein sehr gesundes Ego haben, um so etwas gut verkraften zu können. Fragen Sie mal Leonardo DiCaprio. Sicher haben mir auch meine Familie und gute Freunde dabei geholfen, nicht abzuheben. Oder zu zerbrechen. Ich habe wohl eine ziemlich robuste Kondition.
Aber hat der „Titanic“-Erfolg Ihr Leben nicht total auf den Kopf gestellt? Eigentlich nicht. Wie gesagt, natürlich musste ich mich erst mal mental darauf einstellen. Ich war es nicht gewohnt – und bin es auch heute noch nicht – in hundert Talkshows Stargast zu sein oder beim Busfahren angestarrt zu werden. Aber irgendwann habe ich mich dann wieder auf das Wesentliche besonnen, nämlich auf meinen Job als Schauspielerin. Und damit meine ich nicht, dass ich erst mal richtig absahnen wollte. Wenn man sich mal die Filme anschaut, die ich vor „Titanic“ gemacht habe, also zum Beispiel „Heavenly Creatures“ und „Jude“, dann kann man wohl kaum auf den Gedanken kommen, dass ich jemals nach dem schnellen Erfolg geschielt habe. Für mich ist nach wie vor die Qualität eines Films entscheidend.
Hilft Ihnen die Schauspielerei auch im richtigen Leben? Nicht im Sinne von „Ha! Ich kann den Leuten etwas vormachen!“, aber sehr wohl dahingehend, dass ich mich selbst besser verstehe und mit jeder Rolle etwas Neues über die conditio humana lerne.
Sie sind seit sieben Jahren mit Sam Mendes, einem profilierten Theater- und Filmregisseur verheiratet. Geben Sie ihm Ihre Drehbücher zu lesen? Und umgekehrt. Sam ist nicht nur einer der aufregendsten Männer, die ich kenne, sondern auch einer der intelligentesten. Und er kennt das Metier. Ich wäre schön dumm, wenn ich bei neuen Projekten nicht seinen Rat einholen würde. Wir handhaben das sehr professionell. Er hat ja bei „Zeiten des Aufruhrs“ Regie geführt. Und da war ich, wie Sie wissen, mit Leonardo DiCaprio sozusagen „verheiratet“ und musste ihn auch ab und zu vor der Kamera küssen. Viele Journalisten konnten das gar nicht fassen und haben immer nach Sams und meinen Problemen gefragt. (lacht) Welche Probleme denn? Er war der Regisseur, wir die Schauspieler. Wenn es Probleme gab, dann mit dem Licht, dem Set, dem Wetter.
Sind Sie auf Hollywood nicht gut zu sprechen? Ich habe nichts gegen die Hollywood-Filmindustrie, aber es gibt schon einen Grund, warum ich mit meiner Familie nach New York gezogen bin. In Los Angeles zu leben, das wäre für mich ein einziger Albtraum. Ich bin ein sehr erdverbundener Mensch. Gelegentlich rülpse und furze ich sogar. Und ich rauche! Das ist das größte Sakrileg, das man in L.A. begehen kann.
Wie sehen Sie sich selbst? Ich bin Mutter von zwei Kindern, glücklich verheiratet und – ich hatte einfach viel Glück!
Und Talent. Danke für die Blumen. Aber Talent allein genügt nicht. Ich kenne so viele Kollegen mit großem Talent, die immer noch kellnern oder Taxi fahren müssen, um über die Runden zu kommen. Das Leben ist nicht immer fair.
Sie sind bereits fünf Mal am Oscar vorbeigeschrammt. Dieses Jahr gelten Sie wieder als Favoritin. Und natürlich wäre es schön, wenn es mal klappen würde. Der Oscar ist zweifellos die wichtigste Trophäe, die das Filmbusiness zu vergeben hat. (lacht) Also her damit! Aber er ist sicher nicht alles.
Was ist denn für Sie als Schauspielerin die ultimative Belohnung? Dass ich die Rolle bekomme! Viele denken, dass, wenn man eine Rolle zu Ende gespielt hat, weiß, ob man gut war oder nicht. Ob man sie wirklich auf den Punkt gebracht hat. Dem ist aber nicht so. Zumindest hatte ich nach Drehschluss noch nie das Gefühl des Triumphs oder die Selbstgewissheit: Das hast du großartig gemacht. Natürlich bemüht man sich, sein Bestes zu geben, aber bei mir überwiegt stets der Zweifel.
Wie wählen Sie Ihre Rollen aus? Ich bekomme seit „Titanic“ sehr interessante Rollen angeboten. Dieser Film hat mir – und ich weiß, dass Leo es auch so sieht – die Möglichkeit gegeben, meine Rollen auswählen zu können. Das ist ein ungeheures Privileg, dem ich mich hoffentlich würdig erweise.
Was motiviert Sie als Künstlerin, als Mensch? Ich bin ein Mensch mit großen Ambitionen, sei es beruflich oder privat. Ich liebe es, Dinge zu bewegen, aktiv zu sein. Mein wahres Ich kommt aber erst in der Familie zur Geltung. Da blühe ich – und nicht der „Filmstar Kate“ – erst richtig auf. Ich bin durch und durch ein Familienmensch. Ich mache mir mehr Gedanken, was ich für meine Kinder kochen werde, als wie ich die nächste Filmrolle ergattere.
Ist Ihr Leben sehr aufregend? Mehr als das – es ist wunderbar extrem! Das bedeutet nicht, dass ich ein Leben habe, in dem es viel Glamour, Privatflugzeuge und Designer-Kleider gibt. Ich habe zwei wunderbare Kinder und einen tollen Ehemann – und die Freiheit, das alles 24 Stunden am Tag genießen zu können!
„Der Vorleser“: im Wettbewerb der Berlinale (außer Konkurrenz) und ab 26.2. im Kino
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