- Artikel
- 11.10.2006
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Kino - Porträt: "Komödie ist Tragödie plus Zeit"
„Stellen Sie sich vor, Sie bleiben mit Tom Cruise im Aufzug stecken. Was machen Sie?“ Will Ferrell guckt entgeistert, sagt: „Ich küsse ihn!“ und räuspert sich. „Das letzte Mal, als Sie in einen Swimmingpool gepinkelt haben…“ „…war vom Drei-Meter-Brett.“ „Als Sie hörten, dass Nicholas Cage eine Burg in Deutschland gekauft hat…“ „…habe ich mir eine Option auf Neuschwanstein gesichert! Äh, hat er? Ich meine, hat Mr. Cage wirklich eine Burg in Deutschland gekauft?“
Man sieht, als Stand-Up-Comedian ist Will Ferrell, 39, etwas eingerostet. Die Zeiten sind längst vorbei, als er sich während seines Sportjournalismus-Studiums ein wenig Geld dazu verdienen musste und dreimal die Woche in den einschlägigen Comedy-Schuppen von Los Angeles auftrat. „Die Nummer, dass mir Leute etwas zurufen und ich daraus etwas Witziges bastle, die hat mir nie gelegen. Ich kann auch absolut keine Witze erzählen. Ich war eher der Typ, der auf die Bühne kam, ein bisschen belämmert herumschaute – und schon fingen die Leute an zu lachen. Ich glaube, das ist bis heute mein großer Vorteil: Die Leute müssen lachen, wenn sie mich sehen. Dabei weiß ich gar nicht so genau, warum.“
Ganz entspannt
Doch das scheint ihn nicht wirklich zu stören. Will Ferrell ist mit sich im Reinen. Er sitzt – trotz seinen 1,92 Meter – erstaunlich graziös und vollkommen entspannt auf einem der kissenüberfluteten Sofas des Dorchester Hotels in London, umringt von Gurkenschnittchen und Assamtee. Und lächelt milde. Seit einiger Zeit spielt er nun schon in der Oberliga von Hollywood. Und mit seinem neuen Film Ricky Bobby – König der Rennfahrer, hat er sich erst vor kurzem souverän an die Spitze der amerikanischen Comedy-Stars gesetzt. Und das völlig locker und unverkrampft.
Nein, mit einem Schlüsselerlebnis, wann er zum ersten Mal seinen „Funny Bone“ entdeckt hat, kann er nicht dienen. Und er war auch nie der Klassenclown. „Ich hatte, ich gestehe es hiermit freimütig, auch eine durchaus schön Kindheit. Mit Geschichten, dass ich in der Nähe einer Müllkippe aufgewachsen bin, Pfandflaschen in Shopping-Malls verticken musste, von meiner Stieftante geschändet oder wenigstens ein bisschen missbraucht wurde, kann ich leider nicht dienen. Ich war auch ganz gut in der Schule, und meine Zahnspange hat sich beim Küssen nie mit der eines Mädchens verhakt. Nicht einmal mein Hund wurde überfahren. Alles ziemlich langweilig, oder?“
Warum ist er dann doch nicht Sportreporter geworden, sondern Komiker? „Durch Zufall. Ich hatte schon immer ein Talent, andere Leute nachzumachen, ob das meine Lehrer waren, ob Politiker, Sportler oder Rockstars. Diese kleinen Parodien habe ich dann mit der Zeit etwas ausgefeilt. Dabei habe ich mir viel von Komikern wie Steve Martin, Bill Murray, Jay Leno und ganz besonders von der Originalbesetzung der besten TV-Comedy-Serie der Welt Saturday Night Live, John Belushi und Dan Aykroyd, abgeguckt. Irgendwann wurde ich Mitglied der kalifornischen Comedy-Truppe ,The Groundlings’, und das wiederum führte dazu, dass ich 1995 bei Saturday Night Live einstieg, wo ich die nächsten sieben Jahre blieb. Die erste Zeit dort war die Hölle. Niemand fand mich witzig. Kein Mensch lachte. Aber da mir nichts peinlich ist – ich meine wirklich nichts! – und ich ziemlich hartnäckig bin, habe ich einfach immer weitergemacht – bis der Knoten schließlich platzte und die Lacher kamen.“
Der Team-Player
Das war auch die Zeit, wo Ferrell Komiker wie Tom Green, Kevin Smith und Mike Myers kennen lernte. Myers besetzte ihn dann auch in seinen beiden Austin-Powers-Filmen, wo er in kleinen Rollen große Wirkung erzielte. Lange Zeit waren genau diese kleinen Show-Stehler-Rollen Ferrells Spezialität: Erinnern wir uns nur schmunzelnd an den völlig durchgeknallten Mode-Mogul Jacobim Mugatu in Zoolander (2001) oder an den taubenzüchtenden Nazi in The Producers (2005): Schrille, total überzogene Comedy-Kabinettstückchen, Wahnsinnsschübe eines Irrsinnigen. Zu wirklicher Hochform lief er dann in seiner ersten Hauptrolle als Buddy, der Weihnachtself auf, und in Old School, beide aus dem Jahr 2003. In letzterem traf er auf die neue US-Komiker-Elite Jack Black, Ben Stiller, Vince Vaughn, Steve Carell sowie Owen und Luke Wilson – und wurde Mitglied des so genannten „Frat Pack“. „Es ist schon ziemlich einzigartig, mit so vielen guten Komikern in einem Film zusammenzuarbeiten. Da jongliert man dann statt mit zwei oder drei plötzlich mit sechs oder sieben Bällen. Ich bin– trotz aller Individualität – ein Team-Player geblieben.“
Wie wahr das ist, davon kann man sich in seinem neuen Film Ricky Bobby überzeugen. Denn obwohl ganz eindeutig er der Star ist, degradiert er seine Mitschauspieler, allen voran John C. Reilly und Sacha Baron „Ali G.“ Cohen, nicht etwa zu Stichwortgebern, sondern bindet sie ein in die fein strukturierte Paranoia. Das führt dann etwa zu einem der skurrilsten Tischgebete der Filmgeschichte. Oder Cohens erster Auftritt in der Rennfahrer-Kneipe: Plötzlich dröhnt Charlie Parker aus der Jukebox und Cohen brabbelt den besten französischen Akzent seit Peter Sellers’ Inspektor Clouseau. Das hat schon fast surreale Qualität. „Ich mag es, wenn Figuren Charakter haben – und nicht nur Gags absondern. Und ich mag es, wenn alte Klischees neu beleuchtet werden. Man muss vor allem hartnäckig bleiben und seine Rolle bis zum bitteren Ende durchziehen. Wie heißt es so schön: Komödie ist Tragödie plus Zeit!“
Dass das manchmal nicht so richtig klappt, wie zum Beispiel bei Verliebt in eine Hexe (2004) mit Nicole Kidman als Partnerin, scheint ihn nicht zu stören. Überhaupt scheint Farrell langsam im Begriff, seinem Anarcho-Dachschaden-Humor (besonders schön auch in Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy von 2004, bei uns leider nur auf DVD) eine weitere Facette hinzufügen zu wollen. So spielte er in Woody Allens Melinda & Melinda (2004) schon einen etwas subtileren Part und will in Marc Forsters neuen Film Stranger Than Fiction an der Seite von Dustin Hoffman und Emma Thompson endlich allen beweisen, dass er auch als Charakterdarsteller reüssieren kann. Jim Carrey lässt grüßen. „Natürlich ist es für mich ungeheuer spannend, diese anderen Seiten auszuloten. Aber keine Angst, ich werde mein komisches Talent auf keinen Fall vernachlässigen. Mein nächster Film Blades of Glory handelt von zwei Eisläufern, die ganz verrückt nach Figurenlaufen sind.“
Will Ferrell möchte seinen Erfolg nun auch in Europa ausbauen. Bisher hat das noch nicht so richtig gefruchtet. Als er vor zwei Jahren in London war und abends mit seiner Frau am Piccadilly Circus spazieren ging, hat ihn niemand erkannt. „Es kam tatsächlich ein einziger Fotograf und hat uns geknipst. Kaum hatte er das eine Foto gemacht, lief er weg. Ich bin ihm dann noch ein Stück hinterher und habe gerufen, er könne ruhig noch mehr Fotos machen. Aber er wollte nicht. Ich hätte nichts dagegen, dass sich das bald ändert.“ Er lächelt versonnen, nimmt einen Schluck kalten Tee. Im Nebenzimmer warten seine schwedische Frau Viveca und sein zweijähriger Sohn Magnus. Die Welt ist in Ordnung. Das Glas immer halb voll. Und sollte er nach Deutschland kommen, braucht er sich wegen seiner Popularität keine Sorgen zu machen – wenn er Neuschwanstein kauft.
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