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- 04.06.2008
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Berliner Projekträume: Durchatmen im Rosenduft
Vor lauter Euphorie über Zuzüge rheinischer und internationaler Galerien, vor lauter Entzücken darüber, dass Berlin New York in Sachen Galeriendichte langsam den Rang abläuft, gerät derzeit in Vergessenheit, dass es hier auch eine vitale Projekt- und Produzentenszene gibt. Oder ist dem gar nicht mehr so?
Höchste Zeit für einen Rundgang. Los geht es in Rummelsburg. Rummelsburg liegt in Lichtenberg und „für viele vom Gefühl her schon in Polen“, wie Franziska Böhmer sagt. Die Kunstpädagogin betreibt mit dem Künstler Thomas Kilpper den Projektraum after the butcher in einer alten Fleischerei. Wer würde hier eine Schau mit Manfred Pernice vermuten, dem erfolgreichen Bildhauer? after the butcher zeigt Objekte, die Pernice für den Ort geschaffen hat, darunter einen Tresen aus Pressspan, kombiniert mit Fotos. Das Prozesshafte, Unfertige seiner Arbeiten korrespondiert vortrefflich mit Zeichnungen von Thomas Erdelmeier. Der Frankfurter Künstler entführt in eine comicartige Welt, die vom Stil teils an Raymond Pettibon, vom Humor an Martin Kippenberger erinnert: „Gnade ist Luft ohne Kotgeruch“ etwa liest man auf einer wandgroßen, überbordenden Zeichnung, die elektrisiert.
Auf wackliges Terrain begibt sich, wer den Projektraum Schalter in Prenzlauer Berg betritt. Den 30 Quadratmeter großen Fußboden hat das in Deutschland lebende Künstlerduo Barking Dogs United (Naomi Tereza Salmon und Nikos Arvanitis) mit Skateboards gepflastert. Kaum hat man ihn betreten, verliert man schon den Halt. Zwar sind die 250 Rollbretter mit Stahlstangen verbunden, richtig fixiert aber nicht. Langsam tapert man vorwärts, dankbar, dass der Raum recht schmal ist, sodass man sich notfalls an der Wand abstützen kann. Seit 2006 organisiert hier der Amerikaner Ryan Weber Ausstellungen. Schalter versteht sich als nichtkommerzielle Plattform, Geld verdient der 30-Jährige mit Kursen in Business-Englisch. In der Berliner Projektszene wird zwar wenig Geld umgesetzt, dafür mit Leidenschaft Kunst produziert und gezeigt.
Ein paar Straßen weiter, in der Produzentengalerie Stedefreund, soll in der aktuellen Gruppenschau „das Bild selbst zur Disposition“ stehen. Eine derart sinnliche Begrüßung hätte man da nicht erwartet: In den entkernten Räumen eines Plattenbaus kitzelt der Duft von Rosenöl die Nase. Mit dem Öl hat Stedefreund-Mitglied Stefka Ammon eine Marmorplatte bearbeitet, die nun an der Betonwand hängt. Ammon thematisiert westliche Vorstellungen vom Islam, sie verweist auf die Kaaba, die mit Rosenwasser gewaschen wird. Eva Meyer und Eran Schaerf, die Stedefreund als Gäste gewinnen konnte, lassen ihr Hörspiel „Europa von weitem“ laufen. Es handelt von Frauen aus Ägypten, die in aller Welt leben und nun in einer Ausstellung koptischer Kunst ihre Herkunft reflektieren. Der assoziative Charakter des Stücks macht es nicht leicht, der Arbeit zu folgen, doch es lohnt: Das konzentrierte Zuhörern inmitten des Rosendufts ermöglicht neue Einsichten in das Verhältnis von Sprache und Bild.
Sprachkunst auch im Vestibül in Alt-Treptow: Der Projektraum von Andrea Niederbuchner und Oliver Kohlmann erinnert an Sophie Podolski. Die Belgierin, die sich 1974 mit 21 Jahren das Leben nahm, hinterließ mit „Le pays où tout est permis“ ein hochinteressantes Buch. Kohlmann und Niederbuchner haben eine Ausgabe des Buches, Zeitschriften mit Texten der Künstlerin und die Kopie eines Fotos von Podolski zu einer Installation arrangiert. Im Mittelpunkt steht ein großes Wandbild, zusammengefügt aus den 288 Seiten des Buches. Sehr schön zeigt sich so, wie virtuos Podolski zwischen Schrift und Grafik wechselte. Es geht um Drogen, Religion und das Frau-Sein: Fabelwesen tauchen auf, irgendwo versteckt sich die LSD-Formel.
Die Off-Szene erfreut sich bester Gesundheit. Gut so. Denn sie ist wichtig als Startbahn für junge Positionen. Sie bietet aber auch etablierteren Künstlern Freiräume und Zeit zum Durchatmen. Hier wird nicht jeden Monat ein neuer Star übers Parkett gejagt. Die Projekträume zeigen, dass die Bereitschaft, auf Abseitiges und Randständiges zu setzen, überraschende Ergebnisse hervorbringt. So manche große Galerie sollte sich da eine Scheibe abschneiden.
Bis 28.6.: Manfred Pernice und Thomas Erdelmeier, after the butcher
Spittastr. 25, Rummelsburg
n. tel. Vereinb.: 0179/ 947 30 40,
www.after-the-butcher.de
Bis 28.6.: „What we want is what you want“, Schalter
Lottumstr. 1, Prenzlauer Berg
Do-Sa 15-19 Uhr
www.schalter-berlin.com
Bis 21.6.: „Icon“, Stedefreund,
Rosenthaler Str. 3, Mitte
Mi-Sa 14-17 Uhr,
www.stedefreund-berlin.de
Bis 29.6.: „Sophie-Podolski-Research-Center“,
Vestibül, Karl-Kunger-Str. 5, Treptow
Sa/So 14-18 Uhr u. n. Vereinb.
www.theoritaundpraxis.com
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