Kunst - Immobilienmarkt: Wenn der Investor wieder Klingelt


Steht zum Verkauf: Atelier der Künstlerin Claudia Gansz in der Weddinger Wiesenstrasse Foto: Nick Ash
Elisabeth Schwiontek
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Nach dem Bauboom Anfang der 90er Jahre und den bald darauf gescheiterten Visionen von einer Boomtown Berlin ist das Interesse internationaler Investoren an der Hauptstadt jetzt neu erwacht. Kapitalanleger „stehen Schlange“ in Berlin, der Stadt mit dem „heißesten Grundstücksmarkt“, wie die Schlagzeilen auf den Immobilienseiten der Berliner Zeitungen heißen. Der größte Immobilienvermarkter ist dabei der öffentliche Liegenschaftsfonds. Er bietet tausende bebaute und unbebaute Grundstücke aus dem Landesbesitz an. Im vergangenen Jahr hat er Objekte im Gesamtwert von 201 Millionen Euro verkauft und damit fast doppelt so viel Umsatz gemacht wie erwartet. Doch der finanzpolitische Erfolg des landeseigenen Maklers könnte zum Bumerang werden: Er bedroht die Arbeitsgrundlage vieler Berliner Künstler.

Verkauf im ganz großen Stil

Kreativ, sexy, billig: Berlin hat einen Ruf zu verlieren. Preiswerte Arbeitsräume und niedrige Lebenshaltungskosten haben in den vergangenen Jahren Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in die Hauptstadt gezogen. Sie sind der Lebensnerv der Kulturmetropole, aus dem das Land gern politisches Kapital schlägt. Was aber, wenn die Mieten nach den Verkäufen steigen? Wenn plötzlich sogar Immobilien, die kreative (Zwischen-)Nutzer bisher für unverkäuflich hielten, auf den Markt kommen? Genau das passiert gerade.

Der Liegenschaftsfonds nutzt die große Nachfrage und hat erstmals Top-Immobilien wie den Müggelturm in einem Verkaufspaket mit Häusern zusammengefasst, die schwerer los zu schlagen sind. Das Bieterverfahren läuft. Mit im Paket: das Künstlerhaus an der Axel-Springer-Straße 39 in Kreuzberg, eine ehemalige Klosterschule, die heute Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von 14 Künstlern ist. An den Wänden hängen Bilder, die an die 80er Jahre erinnern, als das Café Springfeld im Erdgeschoss noch die Galerie Neue Räume war. Heute stapeln sich hier auf den zusammen geschobenen Tischen Ordner mit Briefen und Gutachten. Um ihre Arbeitsbedingungen zu sichern, hat die Künstlergruppe bereits 2001 beim Liegenschaftsfonds ein Angebot für den Kauf des Hauses abgegeben, den kultur- und stadtteilpolitischen Mehrwert einer dauerhaften künstlerischen Nutzung inklusive. Die Kreditzusage der Bank lag vor, als der Liegenschaftsfonds nach einem umstrittenen Gutachten den Verkehrswert plötzlich auf 4,4 Millionen Euro bezifferte. Ein Käufer fand sich für diesen Preis damals nicht. Die Künstlergruppe sollte über eine mögliche neue Verkaufsrunde informiert werden. „Umso böser die Überraschung, als wir aus der Zeitung von dem Paketverkauf erfahren haben“, sagt der Medienkünstler Thomas Wörgötter, der aus Österreich nach Berlin kam. „Der Senat verschachert unsere Lebensgrundlage an Investoren, weil das schnelle Geld offenbar wichtiger ist als eine funktionierende Kulturlandschaft.“

Auch im Paket: ein nüchterner 50er Jahre-Bau an der Wiesenstraße in Wedding, durch dessen große Fenster sanftes Winterlicht fällt. In dem ehemaligen Produktionsgebäude des Druckmaschinenherstellers Rotaprint arbeiten 15 Künstlerinnen und Künstler. Auch sie wollen selber kaufen: „Wir haben ein realistisches, nachhaltiges Kauf- und Sanierungskonzept vorgelegt“, sagt Jörg Bürkle von der Ateliergemeinschaft. Wie seine Kreuzberger Kollegen verlangt Bürkle, die betroffenen Grundstücke aus dem Paket herauszunehmen, denn eine Kapitalgesellschaft müsse die Flächen unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten verwerten. „Das würde über kurz oder lang den Abriss des Atelierhauses bedeuten, also die Vernichtung unserer Arbeitsplätze.“ Der Bezirk unterstützt die Künstler: Er argumentiert mit der stadtentwicklungspolitischen Bedeutung, die die Arbeit der Künstler für den sozialen Brennpunkt Wedding habe.

Was Finanzpolitiker wollen

Das Abgeordnetenhaus muss dem Paketverkauf in den nächsten Wochen zustimmen. Es könnte auch die Herauslösung der Atelierimmobilien durchsetzen. Doch Dilek Kolat (SPD), Vorsitzende des Vermögensausschusses, sagt nur: „Wir warten ab, bis ein Bieter den Zuschlag bekommen hat“. Die Kulturpolitiker in Abgeordnetenhaus und Senat dagegen wissen sehr wohl, welche Bedeutung die Atelierstandorte für die Stadt haben. Ex-Kultursenator Thomas Flierl (PDS) kämpft im Ausschuss für Stadtentwicklung für die Interessen der Künstler. Auch der neue Kulturstaatssekretär André Schmitz setzt sich für sie ein, in Sachen Liegenschaftsfonds seien seine Möglichkeiten aber leider begrenzt. Die Finanz- und Haushaltspolitiker scheinen das Heft in der Hand zu haben. Ihnen fehlt offensichtlich der Wille, in die Verwertungsstrategie des Fonds auch kulturwirtschaftliche und stadtentwicklungspolitische Ziele einzubeziehen.

Gleichwohl fördert der Senat Kreative mit seinem Atelierprogramm, für das er preiswerte Studios sucht, vermittelt und ausschreibt. Doch auch für das Atelierprogramm wird es eng. „In Prenzlauer Berg oder Mitte bekommen wir kein Bein mehr auf den Boden“, sagt Florian Schöttle, der Berliner Atelierbeauftragte. Zudem wurden vor zwei Jahren die Weichen für die Atelierförderung neu gestellt. Sie soll nicht mehr Mieten subventionieren, sondern in ungenutzte öffentliche Gebäude investieren, um bezahlbare Ateliers langfristig zu sichern. Die Sache hat einen Haken: „Der Liegenschaftsfonds verkauft die landeseigenen Flächen wie warme Semmeln“, sagt Schöttle. So musste auch der neue Kulturstaatssekretär André Schmitz bereits feststellen, dass die in der Koalitionsvereinbarung geforderte „aktive Flächenmanagement“ der Atelierförderung bisher nicht eingelöst werden konnte. Ein Offenbarungseid? Torsten Wöhlert, Sprecher der Kulturverwaltung, sagt es lieber so: „Die neue Philosophie funktioniert nicht wie auf Knopfdruck.“

Nicht nur das Land verkauft, auch private Eigentümer nutzen jetzt den Aufschwung. Ein Beispiel: der Galerienstandort Brunnenstraße, der zuletzt mit den Galerien Goff + Rosenthal und römerapotheke Zuwachs aus New York und Zürich bekommen hat. In die benachbarte Produzentengalerie Diskus flatterte gerade ein Brief des neuen Eigentümers, einer Gesellschaft mit Sitz in Luxemburg. Diskus-Managerin Birgit Ostermeier serviert Yogi-Tee und nimmt’s gelassen: „Wir haben für unsere Lage im Durchgang zum dritten Hinterhof mit acht Euro pro Quadratmeter einen ganz normalen Mietvertrag ohne großen Spielraum nach oben“, sagt sie. „Bezahlbare Räume zu finden ist hier aber längst nicht mehr so leicht wie noch vor zwei Jahren“.

Angespannter ist die Stimmung in der Schlesischen Straße, wo Kreuzberger Quartiersmanager Designern Zugang zu günstigen Geschäfts- und Arbeitsräumen ermöglicht hatten. „Jetzt knallen da Welten aufeinander. Vagabundierendes Kapital unterhöhlt gewachsene Strukturen, kleine Gewerbetreibende bleiben auf der Strecke“, sagt ein Ladeninhaber, der gerade mit dem neuen Eigentümer verhandelt und deshalb lieber anonym bleibt. Heuschreckenalarm? Stefanie Raab will den Ball flach halten. Sie arbeitet in der Neuköllner Zwischennutzungsagentur, die leer stehende Flächen an Kreative vermittelt. „Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass ausländische Kapitalgesellschaften mehr von Berlin besitzen als bisher“, sagt Raab. „Potenziale für die Kreativwirtschaft wird es weiter geben.“ Das mag sein. Doch Berlins Kapital sind Kunst und Kultur. Das sagen auch die Politiker. Sie sollten sich dran halten, wenn der Investor klingelt.

www.exrotaprint.de
www.wiesenstrasse29.de
www.liegenschaftsfonds.de
www.zwischennutzungsagentur.de


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