- Artikel
- 21.02.2007
-




Kunst - Immobilienmarkt: Wenn der Investor wieder Klingelt
Steht zum Verkauf: Atelier der Künstlerin Claudia Gansz in der Weddinger Wiesenstrasse Foto: Nick Ash
Nach dem Bauboom Anfang der 90er Jahre und den bald darauf gescheiterten Visionen von einer Boomtown Berlin ist das Interesse internationaler Investoren an der Hauptstadt jetzt neu erwacht. Kapitalanleger „stehen Schlange“ in Berlin, der Stadt mit dem „heißesten Grundstücksmarkt“, wie die Schlagzeilen auf den Immobilienseiten der Berliner Zeitungen heißen. Der größte Immobilienvermarkter ist dabei der öffentliche Liegenschaftsfonds. Er bietet tausende bebaute und unbebaute Grundstücke aus dem Landesbesitz an. Im vergangenen Jahr hat er Objekte im Gesamtwert von 201 Millionen Euro verkauft und damit fast doppelt so viel Umsatz gemacht wie erwartet. Doch der finanzpolitische Erfolg des landeseigenen Maklers könnte zum Bumerang werden: Er bedroht die Arbeitsgrundlage vieler Berliner Künstler.
Verkauf im ganz großen Stil
Kreativ, sexy, billig: Berlin hat einen Ruf zu verlieren. Preiswerte Arbeitsräume und niedrige Lebenshaltungskosten haben in den vergangenen Jahren Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt in die Hauptstadt gezogen. Sie sind der Lebensnerv der Kulturmetropole, aus dem das Land gern politisches Kapital schlägt. Was aber, wenn die Mieten nach den Verkäufen steigen? Wenn plötzlich sogar Immobilien, die kreative (Zwischen-)Nutzer bisher für unverkäuflich hielten, auf den Markt kommen? Genau das passiert gerade.
Der Liegenschaftsfonds nutzt die große Nachfrage und hat erstmals Top-Immobilien wie den Müggelturm in einem Verkaufspaket mit Häusern zusammengefasst, die schwerer los zu schlagen sind. Das Bieterverfahren läuft. Mit im Paket: das Künstlerhaus an der Axel-Springer-Straße 39 in Kreuzberg, eine ehemalige Klosterschule, die heute Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von 14 Künstlern ist. An den Wänden hängen Bilder, die an die 80er Jahre erinnern, als das Café Springfeld im Erdgeschoss noch die Galerie Neue Räume war. Heute stapeln sich hier auf den zusammen geschobenen Tischen Ordner mit Briefen und Gutachten. Um ihre Arbeitsbedingungen zu sichern, hat die Künstlergruppe bereits 2001 beim Liegenschaftsfonds ein Angebot für den Kauf des Hauses abgegeben, den kultur- und stadtteilpolitischen Mehrwert einer dauerhaften künstlerischen Nutzung inklusive. Die Kreditzusage der Bank lag vor, als der Liegenschaftsfonds nach einem umstrittenen Gutachten den Verkehrswert plötzlich auf 4,4 Millionen Euro bezifferte. Ein Käufer fand sich für diesen Preis damals nicht. Die Künstlergruppe sollte über eine mögliche neue Verkaufsrunde informiert werden. „Umso böser die Überraschung, als wir aus der Zeitung von dem Paketverkauf erfahren haben“, sagt der Medienkünstler Thomas Wörgötter, der aus Österreich nach Berlin kam. „Der Senat verschachert unsere Lebensgrundlage an Investoren, weil das schnelle Geld offenbar wichtiger ist als eine funktionierende Kulturlandschaft.“
Auch im Paket: ein nüchterner 50er Jahre-Bau an der Wiesenstraße in Wedding, durch dessen große Fenster sanftes Winterlicht fällt. In dem ehemaligen Produktionsgebäude des Druckmaschinenherstellers Rotaprint arbeiten 15 Künstlerinnen und Künstler. Auch sie wollen selber kaufen: „Wir haben ein realistisches, nachhaltiges Kauf- und Sanierungskonzept vorgelegt“, sagt Jörg Bürkle von der Ateliergemeinschaft. Wie seine Kreuzberger Kollegen verlangt Bürkle, die betroffenen Grundstücke aus dem Paket herauszunehmen, denn eine Kapitalgesellschaft müsse die Flächen unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten verwerten. „Das würde über kurz oder lang den Abriss des Atelierhauses bedeuten, also die Vernichtung unserer Arbeitsplätze.“ Der Bezirk unterstützt die Künstler: Er argumentiert mit der stadtentwicklungspolitischen Bedeutung, die die Arbeit der Künstler für den sozialen Brennpunkt Wedding habe.
Was Finanzpolitiker wollen
Das Abgeordnetenhaus muss dem Paketverkauf in den nächsten Wochen zustimmen. Es könnte auch die Herauslösung der Atelierimmobilien durchsetzen. Doch Dilek Kolat (SPD), Vorsitzende des Vermögensausschusses, sagt nur: „Wir warten ab, bis ein Bieter den Zuschlag bekommen hat“. Die Kulturpolitiker in Abgeordnetenhaus und Senat dagegen wissen sehr wohl, welche Bedeutung die Atelierstandorte für die Stadt haben. Ex-Kultursenator Thomas Flierl (PDS) kämpft im Ausschuss für Stadtentwicklung für die Interessen der Künstler. Auch der neue Kulturstaatssekretär André Schmitz setzt sich für sie ein, in Sachen Liegenschaftsfonds seien seine Möglichkeiten aber leider begrenzt. Die Finanz- und Haushaltspolitiker scheinen das Heft in der Hand zu haben. Ihnen fehlt offensichtlich der Wille, in die Verwertungsstrategie des Fonds auch kulturwirtschaftliche und stadtentwicklungspolitische Ziele einzubeziehen.
Gleichwohl fördert der Senat Kreative mit seinem Atelierprogramm, für das er preiswerte Studios sucht, vermittelt und ausschreibt. Doch auch für das Atelierprogramm wird es eng. „In Prenzlauer Berg oder Mitte bekommen wir kein Bein mehr auf den Boden“, sagt Florian Schöttle, der Berliner Atelierbeauftragte. Zudem wurden vor zwei Jahren die Weichen für die Atelierförderung neu gestellt. Sie soll nicht mehr Mieten subventionieren, sondern in ungenutzte öffentliche Gebäude investieren, um bezahlbare Ateliers langfristig zu sichern. Die Sache hat einen Haken: „Der Liegenschaftsfonds verkauft die landeseigenen Flächen wie warme Semmeln“, sagt Schöttle. So musste auch der neue Kulturstaatssekretär André Schmitz bereits feststellen, dass die in der Koalitionsvereinbarung geforderte „aktive Flächenmanagement“ der Atelierförderung bisher nicht eingelöst werden konnte. Ein Offenbarungseid? Torsten Wöhlert, Sprecher der Kulturverwaltung, sagt es lieber so: „Die neue Philosophie funktioniert nicht wie auf Knopfdruck.“
Nicht nur das Land verkauft, auch private Eigentümer nutzen jetzt den Aufschwung. Ein Beispiel: der Galerienstandort Brunnenstraße, der zuletzt mit den Galerien Goff + Rosenthal und römerapotheke Zuwachs aus New York und Zürich bekommen hat. In die benachbarte Produzentengalerie Diskus flatterte gerade ein Brief des neuen Eigentümers, einer Gesellschaft mit Sitz in Luxemburg. Diskus-Managerin Birgit Ostermeier serviert Yogi-Tee und nimmt’s gelassen: „Wir haben für unsere Lage im Durchgang zum dritten Hinterhof mit acht Euro pro Quadratmeter einen ganz normalen Mietvertrag ohne großen Spielraum nach oben“, sagt sie. „Bezahlbare Räume zu finden ist hier aber längst nicht mehr so leicht wie noch vor zwei Jahren“.
Angespannter ist die Stimmung in der Schlesischen Straße, wo Kreuzberger Quartiersmanager Designern Zugang zu günstigen Geschäfts- und Arbeitsräumen ermöglicht hatten. „Jetzt knallen da Welten aufeinander. Vagabundierendes Kapital unterhöhlt gewachsene Strukturen, kleine Gewerbetreibende bleiben auf der Strecke“, sagt ein Ladeninhaber, der gerade mit dem neuen Eigentümer verhandelt und deshalb lieber anonym bleibt. Heuschreckenalarm? Stefanie Raab will den Ball flach halten. Sie arbeitet in der Neuköllner Zwischennutzungsagentur, die leer stehende Flächen an Kreative vermittelt. „Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass ausländische Kapitalgesellschaften mehr von Berlin besitzen als bisher“, sagt Raab. „Potenziale für die Kreativwirtschaft wird es weiter geben.“ Das mag sein. Doch Berlins Kapital sind Kunst und Kultur. Das sagen auch die Politiker. Sie sollten sich dran halten, wenn der Investor klingelt.
www.exrotaprint.de
www.wiesenstrasse29.de
www.liegenschaftsfonds.de
www.zwischennutzungsagentur.de
Navigation
-
Cannes 2010 »
Junge Kritik zu den Festspielen -
zitty live »
Alle zitty-Veranstaltungen auf einen Blick -
Berlinale 2010 »
Alle Infos zu den Berliner Filmfestspielen -
Bühne »
Bühne, Bühnensuche, Kritiken, Kinderbühnen -
Kunst »
Kunstsuche, Kritiken, Interviews -
Literatur »
Lesungen, Zerreißungen -
Kinder »
Kinderfilme, Kindermusik -
Kino »
alle Filme, alle Kinos, alle Rezensionen -
Musik »
Tickets, neue Konzerte, letzte Konzerte, Album-Releases
zitty Suche
Login
zitty auf dem iPhone
die zitty-App
Alle 14 Tage zum Download im iTunes-Store: Alle Termine und Rezensionen der aktuellen zitty zum Mitnehmen. Immer und überall wissen, was läuft. Mit Karten- und Umkreissuche. Bis auf weiteres kostenlos im App-Store: zum App-StoreGeld verdienen mit zitty!
Nebenjob gesucht?
Jeder kennt sie: die zitty Straßenverkäufer. Sie sind überall unterwegs in Berlin. Immer dienstags, alle 14 Tage. Sie gehören mittlerweile zum Hauptstadtbild: ob zu Fuß oder per Fahrrad, ob nachmittags im Biergarten oder abends in der Kneipe.Der zitty-Straßenverkauf ist ein idealer Nebenjob für Studenten und jeden, der Spaß am Verkaufen hat und alle 14 Tage einen kleinen Nebenverdienst brauchen kann.
Sie sind interessiert? Dann schicken Sie uns Ihre Kurzbewerbung per mail.
Raus aus der Stadt!
Ausflugstipps im Umland
Wer bei diesem Wetter keine Lust hat, zuhause zu bleiben, dem empfehlen wir neben unserem zitty Brandenburg auch unsere Brandenburg Ausflugstipps!Neues von der Berliner Kunst
Pulsmesser
Im ohnehin wachen Wedding atmet die Schwedenstraße internationales Flair:Mit einer Konzentration von Projekträumen, die eine besondere Beziehung zu Frankreich haben.
weiterlesen
Jeff Koons. Celebration
Vorschau
Manche finden ihn genial, andere völlig daneben: Jeff Koons, Künstler aus New York mit einem Faible für richtig große Dinge. - ab 31.10. in der Neuen Nationalgalerie3. Europäischer Monat der Fotografie
Vorschau
Der November steht ganz im Zeichen der Fotografie. Unter dem Motto "Noch nie gesehen" kann man sich an verschiedenen Orten der Stadt u.a. Fotografien von Richard Avedon und André Kertész ansehen.weiterlesen
Joseph Beuys
Kunst-Kritik
Bis 25.1. ist im Hamburger Bahnhof noch die Ausstellung "Beuys-Die Revolution sind wir" im Kontext "Kult des Künstlers" zu sehen. Viel Lob, jedoch auch einige Schwachpunkte sind auszumachen.weiterlesen
Geschlossene Gesellschaft
Kunst_Kritik
Eingesperrt wie ein Verbrecher. In der Kunst-Werke kann man sich bis 16.11. als Gefängnisinsasse fühlen.weiterlesen
Für Augen und Synapsen
Neue Kustbücher
Der Bücherherbst: Zitty stellt die Neuerscheinungen Berliner Künstlern vor. Darunter sind Werke von Olafur Eliassons, Tobias Rehberger und Florian Zeyfang.weiterlesen
Das Tagebuch der polnischen Frau
Kunst_Kritik
Mutter und Hüterin des Häuslichen: Die Vorstellungen der katholischen Kirche prägen in Polen noch immer stark die Rolle der Frau. Andererseits sollen Frauen modern und selbstbewusst sein, eine Art sozialistische Arbeitsheldin im neoliberalen Gewand. Das Polnische Institut zeigt jetzt in einer Ausstellung, wie fünf Künstlerinnen aus Polen ihre Situation reflektieren.weiterlesen
Trash-Museum eröffnet
Pulsmesser
Nachdem Berliner Trash-Künstler lange keinen Treffpunkt mehr hatten, bietet das neue Museum einen Zufluchtsort. Müll-Kunst ist also ausstellungsreif.weiterlesen
"Megastructure Reloaded" bringt Architekten und Künstler zusammen
Kunst-Kritik
Utopischer Städtebau trifft auf Pop- und Alltagskultur. Die ausgefallenen Wohnvorstellungen von "Archigram" sind in der Ehemaligen Staatlichen Münze zu bewundern.weiterlesen
Dorothy Iannone in der Galerie September
Kunst-Kritik
Cunnilingus, Fellatio und Analverkehr. Werke aus den 70ern und 80ern, die diese Themen verkörpern, finden in der Ausstellung "Follow me" ihren Platz.weiterlesen
In der Wüste der Moderne
Kunst-Kritik
Diese Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt zeigt den Städtebau Nordafrikas und Europas.weiterlesen
Ayse Erkmen zeigt im Hamburger Bahnhof eine poetische Werkschau
Kunst_Kritik
Durch hängende Lichtzeichen findet der Besucher in Ayse Erkmens Ausstellung im Saal des Hamburger Bahnhofs seinen Weg. Die Installationen der Künstlerin lenken die Aufmerksamkeit auf den Ort, den sie unmerklich verändert, und seine Atmosphäre.weiterlesen
artupdate
Pulsmesser
Die zweite Ausgabe von "artupdate" liegt in Galerien, Museen und Hotels aus. Neben den Berliner Kunstadressen, sind auch aktuelle Ausstellungen in London verzeichnet.weiterlesen
Umfrage
Wählen Sie ihr Lieblingsfeindbild
Wer ist Ihr Lieblingsfeind? Wir wollen es wissen.Wegen der großen Nachfrage wieder aktiv!
Hier finden Sie den Artikel zur Abstimmung!
Sammlung Scharf-Gerstenberg
Kunst_Pulsmesser
Das ist doch schön: Wieder eröffnet in Berlin ein Museum. Im umgebauten östlichen Stülerbau gegenüber des Schlosses Charlottenburg machen die Staatlichen Museen Berlin am zehnten Juli die Sammlung Scharf-Gerstenberg unter dem Titel „Surreale Welten“ zugänglich.weiterlesen
Die Berlinische Galerie hat einen neuen Vizedirektor
Pulsmesser: Thomas Köhler
Aus dem Kreuzberger Kunstviertel gibt es Neuigkeiten, nicht nur von den vielen zugezogenen Galerien und dem Blumengroßmarkt an der Lindenstraße, der sich jüngst als Kandidat für die ständige Berliner Kunsthalle präsentierte. Sondern auch von der Berlinischen Galerie, ausgerechnet.weiterlesen
Artnews.org
Kunst_Pulsmesser
Viele Kunstseiten im Netz decken nur einen Teil der nötigen Informationen ab, sind entweder Terminkalender oder Künstlerlexikon, versammeln entweder Preise oder Theorien. Artnews.org versucht all dies zusammen zu bringen.weiterlesen
Löcher im Beton
Kunst_Kritik
Was lange währt, wird doch noch wahr: die Sammlung Boros im Bunker an der Reinhardtstraße.weiterlesen

Ihr Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.