- Artikel
- 08.09.2008
-




Kunst_Kritik: The Practice of Everyday Life
Den Impuls für die neue Gruppenausstellung in der Galerie Feinkost gab „Kunst des Handelns“ (1980) von Michel de Certau, ein Buch über die harmlosen Ablenkungen von den Routinen des Alltags, in denen der französische Philosoph und Soziologe Indizien eines leisen politischen Widerstands entdeckt hat. Nun zeigen 15 internationale Künstler, wie man unauffällig eine Revolution gegen die herrschenden Mächte führen kann: von Wladimir Archipow mit selbst gemachten Werkzeugen, die er in Russland fand, bis zu Donelle Woolford mit kubistischen Holzskulpturen, gebastelt aus den Resten einer Tischlerwerkstatt.
Der ursprüngliche Haupttitel von de Certeaus Buch – „L’Invention du quotidien“ („Die Erfindung des Alltäglichen“) – betont auch die einfallsreiche Kreativität, die mehr zur Bastelei als zu den bildenden Künsten, eher zum Überlebenskünstler als zum Künstler gehört. Ana Prvackis DVD „Papain is in“ (2006) lehrt, wie sich eine Papaya erst als Lebensmittel und dann als Gesichtsmaske verwenden lässt: Recycling trifft Wellness-Kultur, inklusive der Früchte, die die Besucher als Probe mitnehmen dürfen. Wie dieses Beispiel suggeriert, ist die Kunst des Handelns kein privater Ausdruck eines Künstlers, sondern eher eine soziale Handlung, vor allem von Verbrauchern. Leopold Kessler mag allein arbeiten, aber ein breites Publikum genießt die Resultate seiner Interventionen. Kessler verkleidet sich als Handwerker und „repariert“ Telefonzellen in London, etwa, indem er Haken anbringt, mit denen sich die roten Türen von innen zusperren lassen. Allein der Bürger entscheidet, wie lange dieser öffentliche Raum privat bleibt.
De Certeaus Buch stammt aus einer Zeit, als der Staat noch quasi ein Machtmonopol besaß, bevor die Privatisierung den öffentlichen Raum in Gewinnanteile zerlegte. In einem offenen Brief an Donelle Woolford erwähnt Galerist Aaron Moulton eine Finte, die de Certeau „Die Perücke“ nennt: Man tut so, als ob man arbeiten würde, obwohl man eigentlich nichts macht. Leider ist das für Freischaffende keine effektive Strategie gegen Macht. Heute sind aus de Certeaus Finten entweder Marketingmaßnahmen oder Sitcoms und aus leisen Widerstandskämpfern des Alltags Entrepreneurs der Globalisierung geworden. Spannend wird die Ausstellung, wenn die „Perücke“-Strategie weniger eine Täuschung als eine kollektive Performance bewirkt. Luchezar Boyadjiews Werbespots für Roma, die als Handwerker in Sofia arbeiten, zeigt beispielhaft, wie humorvolles Fernsehen mehr politische Gleichberechtigung erwirken kann als das Gesetz. Am Ende bleibt die Frage: War die „Kunst des Handelns“ mit ihrer performativen Dimension etwa mit Joseph Beuys’ Sozialer Plastik verwandt?
Bis 14.9.: Feinkost Galerie, Brunnenstr. 71-72, Wedding, Mi-So 11-19 Uhr
www.galeriefeinkost.com
Navigation
-
Cannes 2010 »
Junge Kritik zu den Festspielen -
zitty live »
Alle zitty-Veranstaltungen auf einen Blick -
Berlinale 2010 »
Alle Infos zu den Berliner Filmfestspielen -
Bühne »
Bühne, Bühnensuche, Kritiken, Kinderbühnen -
Kunst »
Kunstsuche, Kritiken, Interviews -
Literatur »
Lesungen, Zerreißungen -
Kinder »
Kinderfilme, Kindermusik -
Kino »
alle Filme, alle Kinos, alle Rezensionen -
Musik »
Tickets, neue Konzerte, letzte Konzerte, Album-Releases
zitty Suche
Login
The Practice of Everyday Life
Kunst_Kritik
Wie man unauffällig eine Revolution gegen die herrschenden Mächte führen kann, zeigen 15 internationale Künstler in der Galerie Feinkost.weiterlesen

Ihr Kommentar
Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.