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- 08.10.2008
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Kunst-Kritik: "Megastructure Reloaded" bringt Architekten und Künstler zusammen
Die erste Boy-Group der Architekturgeschichte kommt erneut zu Ehren. 1960 trafen sich in England einige junge, vom Establishment frustrierte Architekten und gaben ein Jahr später die Zeitschrift „Archigram“ heraus, zugleich der Name der Gruppe. Das Blatt sah aus wie ein Fanzine, und auch die späteren Ausgaben schillern in der (Cover-)Gestaltung zwischen Comic-Strip und Pop-Art.
Die Ideen von Archigram galten vielen Zeitgenossen damals als verrückt: Es gab Entwürfe für eine „Walking City“ oder für Wohnkapseln, die je nach Bedarf in stadtgroße, über dem Land schwebende Stahlgestänge ein- und auszubauen waren. Die Megastructure war geboren und die „Plug-in City“ gleich dazu. Das utopische Ideenpotpourri von Archigram und verwandter Geister wie Yona Friedman, Archizoom oder Alan Boutwell hielt nur bis Anfang der 70er Jahre, doch der kurze Boom war ein Ausbund von Kreativität und Innovation.
Nun scheint die Zeit reif, die Ideen wieder auszugraben. In der Ausstellung „Megastructure Reloaded“ in der ehemaligen Staatlichen Münze am Molkenmarkt ist unter anderem die alte „Archigram Arena“ zu sehen. Sie zeigt noch einmal, wie aktuell die Ästhetik von Archigramm wieder ist. Die 1972 entstandene Multi-Mediainstallation verwirbelt Pop- und Alltagskultur von Science Fiction bis Rockmusik mit Ideen des utopischen Städtebaus. High und Low gibt es nicht mehr, sondern nur die in Texten, Bildern und Tönen zirkulierenden Vorstellungen von einem besseren Leben mit Hilfe der Technik.
Die Prognosen über das ungeheuere Wachstum der Städte haben sich allerdings nur in Asien oder Mexiko erfüllt, ohne dass dort unhierarchische und flexible Megastrukturen zum Zuge gekommen wären. Diese würden auch andere Besitz- und Entscheidungsverhältnisse voraussetzen. Mit wenigen Ausnahmen wie dem Centre Pompidou in Paris blieben die Megastructures im Entwurfsstadium stecken. Ihre Ästhetik aber hat vor allem Künstler der jüngeren Generation inspiriert.
Neun der alten Architekturheroen und elf Künstler, ausgesucht von Markus Richter und Sabrina van der Ley, treffen nun in „Megastructure Reloaded“ aufeinander. Dennis Crompton (Ex-Archigram) persönlich hat die Schau in der Alten Münze inklusive Hof und Kellertresoren nach dem Plug-in-Prinzip eingerichtet. Das wirkt labyrinthisch wie die begehbaren Raummodule von Franka Hörnschemeyer oder der Raum aus hängenden Platten von Tilman Wendland. Die immer noch verblüffenden Entwürfe zur Raumstadt von Eckhard Schulze-Fielitz oder Constants „New Babylon“ dagegen scheinen mit ihrem utopischen Geist eher auf die gestapelte Landschaft von Katrin Sigurdardottir gewirkt zu haben oder auf die schwebenden Plastikblasen von Tomás Saraceno. Seine wolkenartigen Gebilde versinnbildlichen durch die Luft nomadisierende Städte, die die Ressource Boden schonen. Für Utopien scheint es nie zu spät.
Bis 2.11.: Ehemalige Staatliche Münze, Molkenmarkt 2, Mitte, Mi-So 14-19 Uhr, www.megastructure-reloaded.org
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