Neue Kunstbücher: Für Augen und Synapsen

Olafur Eliassons Berliner Atelier gilt als Exzellenzbeispiel arbeitsteiliger Kunstproduktion: Hier arbeiten rund 40 Architekten, Designer, Bürokräfte, Manager und Wissenschaftler dem Künstler und frisch berufenen Berliner Universitätsprofessor zu. Und auch der Züricher Kunsthistoriker Philip Ursprung, der die Texte für den übergroßen Bildband zu Eliassons Arbeiten geschrieben hat, ist Teil dieses Apparats geworden, wie er in der Einleitung einräumt. Das über fünf Kilo schwere Buch stellt Eliassons Arbeiten in Wort und Bild nicht chronologisch vor, sondern unter Stichworten von A bis Z. So unterbindet es eine biografische oder zeitgeschichtliche Deutung des Werks und lässt es stattdessen unter Überschriften wie „Demokratie“ und „Schönheit“ geradezu universal wirken. „An Encyclopedia“ ist bestes Anschauungsmaterial für alle, die mehr über die Selbstdarstellung zeitgenössischer Künstler wissen wollen.   
Studio Olafur Eliasson: An Encyclopedia. Taschen Verlag, Köln 2008, 527 S., 100 Euro

Alice Creischer und Andreas Siekmann überarbeiten den „Atlas Gesellschaft und Wirtschaft“ (1930), für den der Grafiker Gerd Arntz seine berühmten Bildstatistiken mit Piktogrammmännchen beisteuerte. Auf die beziehen sich die beiden Berliner Künstler nun auch in ihren Texten und Landkarten für den Katalog der Gruppenausstellung „Islands + Ghettos“ des Heidelberger Kunstvereins, der von der Zersplitterung von Gesellschaften handelt. Thema des Duos ist Dubai, über dessen riesige Bauten mehr bekannt ist als über die Menschen, die all die Malls und und Kulturpaläste dort bauen. Creischer und Siekmann rücken die Arbeiter mittels Landkarten besser in den Blick – und fragen dabei, welche Wirkung die Arntz’schen Piktogramme aus der alten Industriegesellschaft heute noch haben können.
Heidelberger Kunstverein (Hg.): Islands & Ghettos. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2008, 159 S.,
zahlr. Abb., 20 Euro

Tobias Rehberger überraschte im Frühjahr mit einer ungewöhnlichen Retrospektive im Amsterdamer Stedelijk-Museum: Er hatte Skulpturen, Plastiken, Installationen nicht chronologisch geordnet, sondern zu einer großen Rauminszenierung zusammen geschoben. Das bunte Buch zur Ausstellung mit Texten von Leontine Coelewij, Lars Bang Larsen und Daniel Birnbaum bringt die Exponate und weitere Arbeiten wieder in zeitliche Reihenfolge und zeigt, wie Rehberger absichtsvoll den Zeitgeist spiegelt: So kuschelig wie auf seinen Sitzmöbeln lümmelte man eben nur in den 90er Jahren.
Uta Grosenick (Hg.): Tobias Rehberger 1993-2008, DuMont Verlag, Köln 2008, 260 S., ca. 100 Farbabb., 49,90 Euro

Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll wollten von 40 Schülern des Oberstufenzentrums Bautechnik in Berlin-Weißensee wissen, wie die ideale Stadt aussieht. Herausgekommen sind dabei 40 Videostills mit Porträts der Schüler und 40 Ideen für fiktive Orte, versammelt in dem Büchlein „Wer einen Stuhl bauen kann, kann auch eine Stadt bauen“. In oft mathematischem Vokabular schildern die Jugendlichen ihre Wünsche: So möchte ein Schüler die Stadt als Kreis anlegen und ihre Funktionen verschiedenen Ringen zuordnen. Er selbst würde im äußeren Industriegürtel wohnen, um dort Konzerte und Partys zu veranstalten. Die schlicht formulierten Protokolle lassen die Ideen fast wie Science Fiction wirken, doch bei genauerem Hinsehen erinnern manche Entwürfe an reale Städte.
Dellbrügge & De Moll: Wer einen Stuhl bauen kann, kann auch eine Stadt bauen. 96 S., 46 Farbabb., Berlin 2008, 15 Euro inkl. Versand über www.workworkwork.de

Azul Blaseotto demontiert mit wenigen Worten den Mythos von Berlin als easy-internationale Kunstmetropole: Die Filmkünstlerin aus Argentinien schildert ihre Erlebnisse auf der hiesigen Ausländerbehörde. Der Text findet sich in einem Buch mit teils studentisch ambitionierten, teils wissenschaftlich exakten Beiträgen zu „Neuer Unterschicht“ und Prekariat, geschrieben von Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die das Thema 2007 in der Leipziger Moritzbastei diskutierten. Scharf sind vor allem die Analysen der öffentlichen Bilder und Diskurse vom „White Trash“, die Arme als defizitär deklassieren: als bildungsfern, bewegungsarm, übergewichtig oder, weniger distinguiert, faul und fett.
Claudio Altenhain, Anja Danilina u.a. (Hg.): Von „Neuer Unterschicht“ und Prekariat. Gesellschaftliche Verhältnisse und Kategorien im Umbruch. Transcript Verlag, Bielefeld 2008, 234 S., 24,80 Euro

Florian Zeyfang ist Mitglied des interdisziplinären Kollektivs RAIN. RAIN war zur Havanna-Biennale 2003 eingeladen, den „Pabellon Cuba“ zu bespielen und lud dazu seinerseits Gäste ein. Fünf Jahre später ist nun das Buch zu jener Veranstaltungsreihe erschienen. Im ersten Kapitel erläutert der Videokünstler Zeyfang die Lust und Last, ortsbezogen im Kuba-Pavillon zu arbeiten, der 1963 für den siebten Kongress der International Union of Architects entstand. Vor allem aber haben die Beteiligten, Einheimische wie Auswärtige, so etwas wie eine Archäologie der kubanischen Architektur-, Medien- und Ideengeschichte betrieben, von der Spätmoderne bis heute: ein kompliziertes Puzzle, das bei einiger Geduld ungewöhnliche Einblicke in die Kulturproduktion auf Kuba gewährt.
Lisa Schmidt-Colinet, Alex Schmoeger, Eugenio Valdes Figueroa, Florian Zeyfang (Hg.):  Pabellon Cuba. 4D – 4Dimensions, 4Decades. bbooks Verlag, Berlin 2008, 448 S., 170. Abb., Englisch und Spanisch, 34 Euro

„Metropolitan Views. Kunstszenen Berlin London“: Der Titel klingt so schrecklich, wie das Layout in der fetten Typo aussieht. Schade um den Inhalt. Hier vergleichen Kunsthistorikerinnen und andere Experten Institutionen und Märkte in London und Berlin und kommen trotz manch blauäugiger Betrachtung privater Initiativen zu Schlüssen, die Argumente für die hiesige Debatte um Museen, Hallen und Messen liefern: etwa ihre Kritik am Bildungsangebot der Staatlichen Museen und ihr vorsichtiges Lob für den ebenso vorsichtigen Aufbau der Berliner Kunstmesse.
Conny Becker, Charlotte Klonk, Friederike Schäfer, Franziska Solte (Hg.): Metropolitan Views. Kunstszenen Berlin London. Deutscher Kunstverlag, München/ Berlin 2008, 221 S. mit Schwarzweißabb., 14,90 Euro
               


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