Ach, du grünes Kryptonit: Die Großausstellung „Discover US“ zeigt Kunst aus den USA zum Thema „Karneval“

Foto: Courtesy of the artist
Jennifer Allen
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Kunst trifft Musik trifft Poesie? Das Festival „Discover US!“ macht solch einen Treff möglich, mit Jazz-Konzerten, Lesungen konzeptueller Gedichte und einer Ausstellung mit rund 20 Künstlern, die am Abend des 27. März  in den Uferhallen Wedding eröffnet. Die deutsch-amerikanische Produktion bietet kein Gesamtkunstwerk, sondern eine Auseinandersetzung mit „Bildern“ aus den USA.
Die drei Kuratoren, Uta Grundmann aus Berlin sowie Sabine Russ und Gregory Volk aus New York, haben mit dem Förderverein jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg zusammengearbeitet. Robert Fitterman von der New York University und Catrin Gersdorf vom Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin betreuen das literarische Programm. Und der Berliner Hauptstadtkulturfonds bezahlt den größten Teil der Rechnung (130.000 Euro). Die Weltoffenheit des Hauptstadtkulturfonds ist zu begrüßen, aber sie sollte doch einem Land dienen, das eine echte Entdeckung für Berliner wäre und das es sich nicht leisten kann, solch eine Schau selbst zu bezahlen. Ohne die Qualität der Ausstellung vorab in Frage stellen zu wollen – die Künstlerauswahl ist ja spannend – fragt man sich dennoch, ob das Konzept des Festivals noch von der Kalte-Krieg-Mentalität geprägt ist oder sie doch einmal radikal ändert: Noch ist Berlin eine Stadt, in der die „schönsten Franzosen“ unbedingt aus New York ins Museum kommen müssen, obwohl Frankreich Nachbarland ist. Hinzu kommt, dass der Titel der Ausstellung – „Carnival Within. An Exhibition Made in America“ (aber „paid in Berlin“) einen bedauerlichen Beigeschmack von Patriotismus und Protektionismus hat. Der Slogan „Made in USA“ wirbt dort gerade für den Kauf einheimischer Produkte.
Gregory Volk, der die Ausstellung mit Russ bereits vor Obamas Wahlsieg geplant hat, besteht darauf, dass diese Schau keinen Überblick über die amerikanische Kunstszene bietet. Sie habe ihren Schwerpunkt auf dem Thema „Karneval“. Doch wenn das so ist, warum nur haben die Kuratoren dann ausschließlich amerikanische und in Amerika lebende Künstler und Künstlerinnen eingeladen, unter ihnen Janine Antoni, Laura Bruce, die Gruppe Chamecki-Lerner, Spencer Finch, Joan Jonas, William Pope.L, Nadine Robinson und Lawrence Weiner? „Discover US!“ – „entdecken Sie uns und dabei die USA“? Kultur aus den Vereinigten Staaten braucht man nicht zu entdecken, man kann sich ihr kaum entziehen.  

»Wenn alles Kopf steht...«
Der New Yorker Co-Kurator Gregory Volk über Anlass und Konzept der Ausstellung „Discover US!“

Herr Volk, warum gerade jetzt eine amerikanische Ausstellung in Berlin? Wir erleben in Amerika gerade, wie alles auf dem Kopf steht, eine Zeit voller Sorgen und Hoffnung zugleich. Wie Kunst diesen Moment des Übergangs reflektiert, ist höchst interessant, auch wenn wir die Ausstellung lange vor der Wahl von Barack Obama geplant haben.
Werden wir also eine Ausstellung über das neue Amerika sehen? Nein, wir machen keine Ausstellung über amerikanische Kunst, sondern eine mit Künstlern aus den USA – und zwar zum Thema  „Carnival Within“, zu Karneval und Kirmes. Zu deren Wesen gehört es, wie der Schausteller P. T. Barnum einst sagte, unterwegs zu sein. Die Ausstellung ist unser Modell eines sehr durchdachten Straßentheaters für das Jahr 2009.
„Carnival“ bedeutet im Deutschen und Englischen etwas ganz Unterschiedliches. Konnten Sie sich denn mit den deutschen Co-Kuratorinnen Sabine Russ und Ute Grundmann über die Inhalte einig werden? Wir thematisieren nicht jährliche Karnevalsfeiern, wie sie in Köln stattfinden. Fasching ist nur ein Element des „Carnival“, zu dem im Amerikanischen ja auch Zirkus, Jahrmarkt, Rummel, Vergnügungsparks, Schaustellerei und Spektakel  zählen. Zudem gibt es die Theorie des russischen Philosophen Michail Bachtin, die Karneval als gesellschaftliches Ventil ausweist. „Carnival Within”, der „innere Karneval“ kann überall und jederzeit stattfinden: Für einen Moment hebt er die Norm auf und ermöglicht neue Fragen und Freiheiten. Übrigens bin ich selbst in einem Vergüngungspark aufgewachsen, er gehörte meiner Familie.
Welche Rolle haben die verschiedenen Bedeutungen für Ihre Auswahl der Künstler gespielt?
Es gibt zwar einen deutlichen Zusammenhang zwischen Masken und dem Spiel mit den Geschlechtern im Fasching, aber in unserer Ausstellung  greifen verschiedenste Momente des „Carnival“ ineinander. Masken spielen in den frühen Performances von Joan Jonas eine große Rolle. Der Konzeptkünstler Lawrence Weiner adaptiert Kirmesschilder. Karyn Olivier aus Trinidad fährt auf einem Karussell mit nur einem Sitz. Spencer Finch hat Luftballons in andere Ballons gesteckt, die genau die Farbe des Himmels über dem Vergnügungspark von Coney Island wiedergeben. William Pope.L ist fünf Jahre lang immer wieder im Superman-Outfit den Broadway entlang gekrochen: als schwarzer Künstler, der sich der Stadt ausliefert und verletztlich macht, sich aber als einer der berühmtesten weißen Männer verkleidet hat, als Superman.
Es ist nicht besonders üblich, Künstler wie Spencer Finch und Joan Jonas zusammen auszustellen. Ja, aber es gibt einen guten Grund dafür. Bei beiden tauchen nicht nur Elemente des „Carnival“ auf, sondern sie setzen sich auch beide mit der Natur auseinander: Flinch mit dem Himmel, und Jonas hat für ihre frühen Arbeiten viele Exkursionen ins Grüne unternommen.
Die Ausstellung ist Teil eines Festivals mit Jazz und Literatur. Wie passen diese drei Abteilungen zusammen? Es gibt eine lange Geschichte der Bezüge zwischen diesen Gattungen. Zum Beispiel haben der Maler Philip Guston und der Dichter Stanley Kunitz zusammengearbeitet. Solche Verbindungen sind jedoch in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung hat die große Chance, sie neu zu etablieren: In einer Welt, die auf Spezialisierung setzt, bringt dieses Festival verschiedene Künste zusammen.
            Interview: Jennifer Allen

28.3.-3.5.: „DISCOVER US! Carnival Within.
An Exhibition Made in America“. Uferhallen, Uferstr. 8-11, Wedding, Di-So 12-18 Uhr,
6/ erm. 4 Euro,
www.discover-us.org
28.3., 17 Uhr: Künstlergespräch mit Joe
Amrhein, Sanford Biggers, Anne Chu, David Herbert, Karyn Olivier, Joyce Pensato, Nadine Robinson. Moderation: Gregory Volk und
Sabine Russ


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