- Artikel
- 25.11.2009
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INTERVIEW: »Das Scheitern riskieren«
In der DDR entwickelte sich in den 80er Jahren eine subversive Kunstszene. Dass dabei Aktionen von Künstlerinnen eine eigene Rolle spielten, ist bisher kaum beachtet worden. Die Ausstellung „und jetzt“, kuratiert von Angelika Richter und Beatrice E. Stammer, verfolgt im Künstlerhaus Bethanien die Entwicklung von zwölf Künstlerinnen aus der DDR, die damals wie heute aktiv sind. Eine von ihnen ist Else Gabriel, 1962 in Halberstadt geboren. Die extremen Auftritte der Autoperforationsartisten, zu denen neben Else Gabriel auch ihre Dresdner Kommilitonen Michael Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowsky gehörten, verhalfen mit zu einer neuen Sicht auf Kunst.
Frau Gabriel, die Autoperforationsartisten warfen mit Rinderschlünden und toten Hühnern um sich, sie arbeiteten mit Fliegen und Ratten und badeten in Blut. Warum?
Das lag an der Situation. Lebensmittel waren in der DDR subventioniert, sie waren billig, man konnte sie hemmungslos einsetzen. Es war natürlich eine Provokation, die Grundnahrungsmittel der DDR, diese Mangelmaterialien, zu Kunst zu verarbeiten. Und wie der Name „Autoperforationsartisten“ schon sagt, haben wir uns stark mit dem eigenen Körper beschäftigt. Das taten wir, weil der Körper in der DDR nur als Kollektiv existierte. Die aggressive Art, mit sich selbst umzugehen, war extrem unüblich.
Wie konnten solche subversiven Auftritte überhaupt stattfinden?
Man konnte uns nichts anhaben, weil wir keine politischen Stichworte benutzten. Unsere ersten Auftritte fanden während der Faschingsfeiern an der Kunsthochschule in Dresden statt. Wir mussten unser Programm vorher einreichen. Wir haben eine Textcollage abgegeben, so Dada-Zeugs, zusammenhanglose Sätze über fünf Seiten, da war die Hochschulleitung hilflos, weil sie damit nichts anfangen konnten. Man muss aber die ganze Situation damals sehen: In den 80er Jahren fing das Land an, extrem auszubluten, gerade an Künstlern. Es verging keine Woche, in der nicht die Nachricht kam, der oder die sei ausgereist. Das war auch der Obrigkeit bewusst, vielleicht ließen sie uns deshalb gewähren.
Wie reagierten Kollegen auf Ihre Auftritte?
Einige standen hinter uns. Es gab aber auch andere, die sagten, sie würden sofort aus Gruppenausstellungen aussteigen, wenn wir mitmachten, weil das viel zu weit ginge. Sie wollten ja auch mal in den Westen reisen, und wenn wir da Rabatz machten, würde das auf unabsehbare Zeit verschoben. Die dachten, wir würden ihnen die Zukunft versauen.
Inwieweit haben die Autoperforationsartisten Weiblichkeit behandelt?
Für mich war das nicht interessant. Ich wollte in erster Linie Kunst machen. Fragen zum biologischen Geschlecht behandelten wir eher praxisorientiert hinter den Kulissen. In der Kunst erschien mir das zweitrangig und peinlich.
Künstlerinnen wie Gabriele Stötzer oder Angela Hampel, die auch in „und jetzt“ vertreten sind, war das nicht peinlich. Sie haben sich explizit mit Genderfragen beschäftigt.
Worum ging es Ihren Kolleginnen?
Die Gleichberechtigung war pro forma realisiert. Das war eine perfide Art und Weise, sich dieses Themas zu entledigen – man sagte einfach: Wir haben das erledigt, in unserer Gesellschaftsordnung gibt es da kein Problem. Dabei war die DDR eine extreme Chauvi-Gesellschaft, die Mädchengruppen wurden ausgelacht.
Es scheint, die einzigen gemeinsamen Nenner der aktuellen Ausstellung „und jetzt“ sind das Geschlecht und die Herkunft. Warum nehmen Sie teil?
Die subversive DDR-Kunst, die jetzt in Ausstellungen und Filmen gezeigt wird, wird als Mythos inszeniert, fast völlig frauenfrei. Dem muss man etwas entgegensetzen. Insofern war für mich die Teilnahme gar keine Frage. Ärgerlich ist, dass für diese Ausstellung wieder viel zu wenig Geld da ist, anders als für die männerlastigen Großausstellungen zum selben Thema, etwa im Deutschen Historischen Museum.
Wie haben Sie damals die Konfrontation mit dem westlichen Kunstbetrieb erlebt?
Ich bin 1989 ausgereist, ich habe die Konfrontation also bewusst gesucht. Unsere Kunst erfuhr 1989 plötzlich große Aufmerksamkeit im Westen. Wir sind mit unserem Programm einmal um den Globus gerauscht. Aber die Verständigung zwischen dem Westen und der DDR klappte überhaupt nicht. Die dachten sofort: „Aha, Wiener Aktionismus, die machen so ganz krasse Sachen.“ Unsere Gruppe war zu dem Zeitpunkt schon tot. Ich wollte keine Performances mehr machen, ich hatte eine Allergie dagegen und fand die Missverständnisse schrecklich.
Heute arbeiten Sie unter dem Namen „(e.) Twin Gabriel“ im Duo mit Ihrem Mann Ullf Wrede. Alltag und Familie sind dabei ein Thema. So haben sie Fotoserien inszeniert, die Sie, Wrede und die Kinder auf einem Flur des Arbeitsamts oder als Leichen zeigen. Hat die DDR-Erfahrung noch Einfluss auf Ihre Arbeit?
Die DDR war für mich immer nur ein Ort, von dem ich so schnell wie möglich weg wollte. Nichtsdestotrotz hat die Prägung, in so einem Laden unter restriktiven und chauvinistischen Bedingungen aufgewachsen zu sein, einen ganz enormen Einfluss auf alles, was ich heute mache. Im Mittelpunkt meiner Kunst steht die Biomasse, ob das der Hefeteig war, den ich seit den 80er Jahren tonnenweise verknetet habe, oder jetzt die Versuchsanordnung Familie – es geht immer um Randzonen, Umbruchsituationen. Darum, dass vollkommen irrationale Unterströmungen dein Leben beeinflussen. Das Scheitern von Idealen ist eine Erfahrung, die sich in meinen Arbeiten niederschlägt.
Sie sind seit vielen Jahren Professorin, jetzt an der Kunsthochschule Weissensee. Was können Studenten von der DDR-Kunst noch lernen?
In jedem Fall das Improvisieren. Bei den jungen Künstlern gibt es die Tendenz, sich ganz kleine Nischen zu basteln und sehr genügsam zu werden. Ihnen kann man die Haltung der Autoperforationsartisten, sich eine eigene Bühne zu schaffen und auf dieser Bühne laut zu brüllen, sehr empfehlen. Und auch das Risiko einzugehen, mit dem ganzen Kram enorm auf die Nase zu fallen, das Scheitern zu riskieren, und zwar auch im großen Maßstab.
27.11.-20.12., Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, Mi-So 14-19 Uhr, www.bethanien.de
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