KRITIK: Sechs Wochen ohne Geld

Foto: © Carl Zillich 2009; courtesy Feinkost
Claudia Wahjudi
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Karl Marx ist zurück. Vor Buchhandlungen liegt seine Kurzfassung des ersten Bandes vom „Kapital“ für 9,90 Euro auf den Tischen, das Hamburger Thalia-Theater hat gerade sein Leben auf die Bühne gebracht. Auf der Istanbul-Biennale, die postkommunistische Zustände und Agitprop thematisierte, war er omnipräsent, und jetzt ist er in Berliner Galerien angekommen. Bei Feinkost in der Bernauer Straße liegt eine Plastiktüte voller schwarzer Tonkügelchen. Die Künstlerinnen Anetta Mona Chisa und Lucia Tkácová haben sie anfertigen lassen. Jedes Kügelchen symbolisiert einen Punkt am Ende eines Satzes im „Kapital“.

Die kleine Plastik ist Teil der Ausstellung „Communism never happened“, einer Gruppenschau mit Arbeiten etwa von David Levine, Luchezar Boyadjiev und Sean Snyder, mit der Galerist Aaron Moulton zum Jubiäum des Mauerfalls ziemlich smart jenen Verdrängungsmechanismus kommentiert, der die kommunistische Geschichte als erledigt abhakt. Den Titel der Ausstellung gab übrigens die gleichnamige Arbeit von Ciprian Muresan: Er hat diese Worte an die Wand geschrieben, mit Vinylbuchstaben, die er aus alten Propagandaschallplatten schnitt.

Warum aber die Punkte im „Kapital“ so wichtig sind, lässt sich in der Galerie Collectiva in der Brunnenstraße erfahren. Ewa und Timothy Bojarowski vom Galeristenteam müssen die lange Originalfassung lesen, und Ewa Bojarowski atmet jedes Mal auf, wenn sie am Ende eines der Marx’schen Bandwurmsätze ankommt. Das ist jedoch nicht ihre einzige Pflicht. Die Galeristen dürfen bis 19. Dezember kein Geld anfassen und kein einziges Geschäft abschließen. Sie müssen in ihrer Galerie, die jetzt aussieht wie ein spartanisches Studierzimmer, leben wie in einer Kommune, Che Guevara T-Shirts tragen und von der Abschaffung der Klassengesellschaft träumen. Das alles und noch viel mehr steht in dem Vertrag, den sie mit Anetta Mona Chisa und Lucia Tkácová abgeschlossen haben. Brechen sie ihn, müssen sie das Künstlerinnenduo für einen Tag verkaufen. Andere Galeristen sollen bereits Angebote gemacht haben, Sammler dagegen zurückschrecken, wenn sie erfahren, dass sie für die 24 Stunden mit dem Duo einen Preis vorschlagen müssen. 

So stören die Künstlerinnen in einem kleinen Segment tatsächlich einmal kurz die Ordnung von Ware und Geld. Chisa und Tkácová arbeiten ganz praktisch im Sein, das laut Marx das Bewusstsein bestimmt, und kommen doch auch Hegel entgegen, der das Bewusstsein über das Sein dominieren sah. Denn ihr Vertrag mit der Galerie spricht heikle Punkte an: Tauschwirtschaft, die Glaubwürdigkeit von Galeristen, das Verhältnis von realem und symbolischem Kapital, den ökonomischen Wert eines Menschen und das Klischee, osteuropäische Frauen seien käuflich. Es ist die intelligenteste und, bei allem Ernst, witzigste Wirtschaftskritik in einer Berliner Ausstellung seit langem. Und Respekt den Galeristen, die sich in der umsatzstarken Herbstsaison auf diesen Handel eingelassen haben. Auch wenn für sie langfristig vielleicht nicht nur kulturelles, sondern auch bares Kapital herausspringt.
Claudia Wahjudi

Bis 19.12.: Galerie Collectiva, Brunnenstr. 152 (HH), Mitte, U Bernauer Straße, Di-Fr 12-18, Sa 12-16 Uhr, www.collectivagallery.com
Bis 20.12.: Galerie Feinkost, Bernauer Str. 71-72, Wedding, U Bernauer Straße, Mi-So 11-19 Uhr, www.galeriefeinkost.com


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ARTiBerlin   14.04.2010 11:11 Uhr

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