Kunst_Kritik: Löcher im Beton

Berlin wird um eine Attraktion reicher: Nachdem er Ende April  das Fachpublikum geladen hat, öffnet Christian Boros im Juni seinen Kunstbunker für die Öffentlichkeit. Das Beton-Ungetüm Baujahr 1942, das seine Existenz einem „Führer-Sofortprogramm“ verdankt, hatte der 44-jährige Eigentümer einer Werbeagentur mit Sitzen in Wuppertal und Berlin bereits 2003 gekauft. Ursprünglich als Unterschlupf bei Luftangriffen gedacht, diente der Bunker nach dem Krieg den Sowjets als Gefängnis, zu DDR-Zeiten dann als „Bananenbunker“ für die Lagerung von Südfrüchten. Nach der Wende sahen die schallschluckenden Mauern Technofans der härteren Sorte sowie SM- und Fetischparties.
Einige Innenwände tragen noch immer die Spuren der Geschichte. Abluftturbinen und Phosphorfarbe an den Wänden erinnern an Kriegszeiten, schwarze Anstriche markieren die Darkrooms der 90er Jahre. Architekt Jens Caspar beschränkte sich im Bunkerinneren darauf, Wände und Deckenteile herauszutrennen: keine leichte Aufgabe bei teils bis zu drei Meter dickem Stahlbeton. Doch es ist ihm gelungen, die fünf Stockwerke in ein spannungsreiches Gefüge zu verwandeln. Aus 120 Räumen mit beklemmend niedrigen 2,30 Metern Deckenhöhe entstanden in Absprache mit der Denkmalpflege und nach jahrelangem Einsatz von Diamantfräsen Galerien, Durchbrüche, Sichtachsen und Räume mit bis zu 13 Metern Höhe. Obwohl die aufs Dach gesetzte Villa à la Mies van der Rohe mit Garten und Pool nicht öffentlich zugänglich ist, lohnt der Bunker mit seinen rund 3.000 Quadratmetern einen Besuch allemal.
Ach ja, und da wäre auch noch die Kunst. Sie sei so, wie Hausherr Boros sie liebe: „sperrig, unfertig und unsaturiert“. Ob Olafur Eliasson, John Bock, Manfred Pernice, Michel Majerus, Sarah Lucas und all die anderen, die in Berlin während der 90er Jahre gehypt wurden, trotz ihrer oft bemühten Trash-Attitüde wirklich diese Kriterien erfüllen, darf bezweifelt werden. Eher trifft das noch auf die Aufsteiger aus Osteuropa zu, die es Boros in letzter Zeit angetan haben, etwa Robert Kusmirowski und Monika Sosnowska. Am interessantesten aber sind diejenigen aus der 57-köpfigen Künstlerschar, die mit und zum Teil auch gegen den Bunker gearbeitet haben. Etwa Santiago Serra, der seine länglichen Quader durch eigens herausgetrennte Mauerlöcher legen ließ. Oder der Belgier Kris Martin mit seiner tonnenschweren Kirchen- beziehungsweise Totenglocke, die stumm über den Köpfen schwingt. Ein Museum soll die Sammlung übrigens nicht sein. „Wir mögen keine Kunstjogger“, sagt Boros. „Die Besucher sollen sich Zeit nehmen.“ Deshalb: Zutritt nur mit Führung.
Es gibt noch andere Gründe, warum die Sammlung Boros  den Namen Museum nicht verdient. Museen sind öffentliche Einrichtungen, besetzt mit Wissenschaftlern und eigentlich darauf verpflichtet, von privaten Geschmackskriterien abzusehen. Da aber das museale „Sammeln, Bewahren und Ausstellen“ aus Geldmangel inzwischen der Selbstdarstellung einiger vermögender Privatsammler in den öffentlich unterhaltenen Räumen gewichen ist, hat die einstige Weihestätte der Kunst für die jüngste Generation der Großsammler offenbar an Wert verloren. Boros beweist mit seinem Bunker deshalb vor allem eines: Museen sind für die (Macht-)Verhältnisse im Kunstbetrieb schlicht überflüssig geworden.

Sammlung Boros, Reinhardtstr. 20, Mitte.
Ab Juni: Führungen jeden Sonnabend nach Voranmeldung unter
www.sammlung-boros.de


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