Sven Regener im Interview: »Herr Lehmann ist bewundernswert«

Foto: Charlotte Goltemann
Stephanie Grimm
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Seit 23 Jahren singt, textet und trompetet Sven Regener bei der Band Element Of Crime. 2001 debütierte er mit „Herr Lehmann“ als Autor. Bisher hielt Regener seine schriftstellerischen und musikalischen Aktivitäten getrennt, jetzt holt er zum Doppelschlag aus: Am 1. September erscheint „Der kleine Bruder“, chronologisch der mittlere Teil seiner Lehmann-Serie. Wenige Tage später startet der neue Film von Leander Haußmann, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“, für dessen Soundtrack Element Of Crime vier neue Songs schrieben.

Mit „Der kleine Bruder“ haben Sie jetzt den letzten Teil der Frank Lehmann-Trilogie geschrieben. Oder wird es doch noch eine Fortsetzung geben, einen Sprung in die Gegenwart vielleicht?
Man soll nie „nie“ sagen, aber erst einmal ist es vorbei. Das sind die drei Bücher, die ich schreiben wollte. Ich habe keine Ideen für weitere Lehmann-Bücher, und sehe auch keine Notwendigkeit.
Wo wäre Herr Lehmann denn heute, im Jahr 2008? Immer noch in Kreuzberg, hinterm Tresen? Eine endgültige Vorstellung davon habe ich nicht. Ich brauche recht lange, um über so etwas nachzudenken. Damit müsste ich mich beschäftigen, wenn ich tatsächlich eine Fortsetzung schreiben wollte. Fünf Jahre später, also ein Sprung ins Jahr 1995, würde ja schon reichen. Da wäre sicher einiges passiert. Am Ende von „Herr Lehmann“ wird ja doch deutlich, dass ihm die Grundlage für sein bisheriges Leben entzogen ist – einfach, weil der Spaß raus ist, weil sein Freund in die Klapse kommt. Man kann sich durchaus vorstellen, dass Frank Lehmann das zum Anlass für eine Totalrenovierung nimmt, so wie er das auch bei „Neue Vahr Süd“ tut, wo er sein ganzes bisheriges Leben zertrümmert.
Ihr neues Buch umfasst einen viel kürzeren Zeitraum als die anderen beiden Teile der Trilogie, nämlich nur zwei Tage. Wieso? Das liegt in der Natur der Geschichte. Frank Lehmann hat ja gar keine Wahl, als sehr schnell zu handeln. Er hat keine Wohnung, keine Arbeit, keine Freunde – gar nichts. Er hat nur seinen Bruder, das ist der einzige Anhaltspunkt in einer fremden Stadt. Deshalb stiefelt er da so durch. Er glaubt, er würde eigentlich seinen Bruder suchen und hat sich unter der Hand schon ein neues Leben aufgebaut. Das ist typisch Frank Lehmann: Großes zu leisten, ohne es auch nur zu merken.
Hatten Sie die Geschichte schon im Kopf, als Sie mit dem ersten Buch begonnen haben? Oder hat sich durch das Leben mit der Figur noch etwas verändert? In den Details, vor allem was die anderen Figuren betrifft, hat sich während des Schreibens noch viel verändert. In den Grundzügen hatte ich aber alle drei Teile genau so im Kopf.
Das Buch liest sich wie ein Abgesang auf eine Zeit, die in Wirklichkeit erst neun Jahre später endet – mit dem Mauerfall. Man ist geneigt, die Perspektive von Franks Bruder Freddie zu teilen, der auf Mauerstadt-Klischee und seine Pseudo-Künstler-Kollegen pfeift und nach New York will. Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Ich nehme da keine Wertung vor. Und wenn man es genau betrachtet, nimmt Frank auch keine Wertung vor. Der versucht nur zu verstehen, was los ist, um seinen Bruder zu finden. Klar kann man sagen: Pseudo-Künstler. Man kann es aber auch machen wie Karl, der sagt: „Kunst ist es, wenn wir das sagen“. Das war das Bezeichnende an diesem Aufbruch, dass man den Spieß umgedreht und gesagt hat: „Jetzt passt mal auf, wie es hier so läuft“. Es war die Zeit, in der ein Begriff erfunden wurde wie „Geniale Dilettanten“. Das war schon ein großartiger Entwurf, an dem da gebastelt wurde.
Wie haben Sie die Stadt erlebt, als Sie 1982 nach Berlin kamen? 1981 bin ich nach Hamburg gegangen. Dort musste man sich immer erst erklären. Als ich dann ein Jahr später nach Berlin kam, war man sofort drin. „Was machst du?“ „Trompete spielen“ – „Okay, wir treten in fünf Stunden auf. Hast du Lust mitzumachen? In zwei Stunden üben wir“. Es hat 14 Tage gedauert, dann kannte ich alle.
Was war an Berlin außerdem interessant? Ich glaube nicht, dass es interessantere und uninteressantere Zeiten gibt. Ich hab es damals so erlebt, dass der Wille zur Kunst wahnsinnig im Vordergrund stand. Das gibt es wohl überall und zu jeder Zeit: dass man eine Bohème aufsuchen kann und dort diesen Willen zum Künstler-Sein findet. Das hat wohl eher mit dem Alter der Betreffenden als mit einem speziellen Ort zu tun. Ich persönlich kenne es eben aus dieser Zeit. Plötzlich bekam Punk viel Aufmerksamkeit, die Subkultur hatte auf einmal eine große Wirkung nach außen. Das meiste davon wird in „Der kleine Bruder“ ja gar nicht erwähnt. Es geht in dem Buch nicht um den Panoramablick oder den abschließenden Überblick über diese Zeit, sondern um die Geschichte eines konkreten Menschen.
Obwohl die Geschichte in einer Subkultur spielt, erfährt man erstaunlich wenig Details – etwa darüber, wie die Leute aussehen. Bei den meisten erfährt man nicht, wie sie gekleidet sind, weil das auch Frank nicht interessiert. Wir sehen die Dinge ja nur mit seinen Augen. Er ist eben einfach nicht der Typ für so
etwas. Bald schon zieht er dann die Klamotten seines Bruder an, Anzug und spitze Schuhe – einfach, weil sie da sind, ohne dem allzu große Bedeutung beizumessen. So fällt er in der Subkultur, in die er gerade reinschlüpft, gar nicht mehr auf. Nicht, dass er jetzt blöd wäre. Er ist kein wissender Idiot, wie
etwa bei Dostojewski. Er ist jemand, der sich alles merkt und sagt: „Okay, da mich das mit der Mode nicht interessiert, zieh’ ich das jetzt eben auch an.“ Er will einfach dafür sorgen, dass so etwas keine Rolle spielt in seinem Leben. Mich persönlich interessieren solche Dinge zum Beispiel schon viel mehr.
Frank Lehmann ruht auf bewundernswerte Weise in sich. Trotzdem haben die Bücher bei aller Komik einen bitteren Unterton. Eigentlich hat er doch ein bisschen mehr Erfüllung verdient. Ich denke, die Welt ist viel zu voll von Leuten, die denken, dass sie etwas Besseres verdient haben – was ja sowieso der sicherste Schritt ins Unglück ist. Das Interessante an Frank Lehmann ist, dass er sich so gar nicht sieht. Auch das macht ihn zu einem besonderen Typen. Natürlich macht es ihm keinen Spaß, am Schluss seinen Freund in die Psychiatrie bringen zu müssen. Aber es muss sein, weil der nun mal irre geworden ist. Interessant ist aber doch, dass er in „Herr Lehmann“ trotzdem neun relativ glückliche Jahre hinter sich hat. In denen hat er etwas
gemacht, was ihm wirklich Freude bereitet hat. Schwere Arbeit wohl, schlecht bezahlt, mit niedrigem Sozialprestige – aber es hat ihm immer gefallen. Natürlich gefällt es ihm am Ende nicht mehr, einfach, weil sein bester Freund weg ist und weil ihm auffällt, dass Karl für ihn eine viel größere Rolle gespielt hat, als er dachte. In dem Moment denkt er: „Vielleicht muss man mal etwas anderes machen, vielleicht bringt es nichts, diesen Lebensstil aufrecht zu erhalten.“ Das denkt er aber nicht, weil Leute von außen sagen, dass es falsch ist, so zu leben. Er sagt es, weil die Bedingungen sich geändert haben.
Also ist Frank Lehmann eher Held als Anti-Held? Ich weiß nicht, was ein Anti-Held sein soll. Dieser Begriff geistert immer durch die Lehmann-Rezeption und ich weiß wirklich gar nicht, was die Leute meinen.
Natürlich ist Frank Lehmann ein Held – für mich ein bisschen wie David Carradine aus der „Kung Fu“-
Serie, der im Wilden Westen als Kung Fu-Chinese durch die Gegend läuft und die Probleme auf seine ganz eigene Weise löst. Er ist ein Außenseiter, aber kommt irgendwie klar. So ist Frank eben auch: Ein ganz besonderer Typ mit einer ganz eigenen Art von Problemlösungskompetenz. Das ist sehr bewundernswert. Frank hat ein paar Eigenschaften, die ich auch gerne hätte.
Wird es auch vom „Kleinen Bruder“ eine Verfilmung geben? Ich kann mir das gut vorstellen. Bei „Neue Vahr Süd“ wäre eine filmische Umsetzung schwierig gewesen, weil in dem Buch zwei sehr starke Paralleluniversen miteinander konkurrieren: die Polit-Freak-WG und die Kaserne. Zwischen denen wird Frank Lehmann hin und her
geworfen. Das bringt nur was, wenn man sich auf beide Welten richtig einlässt und nicht nur Vorurteile repetiert. Deswegen ist das Buch ja so dick. Im Kino würde das nur als Monumentalfilm gehen, oder als Vierteiler im Fernsehen, aber das macht ja keiner. Doch vom „Kleinen Bruder“ könnte es eine Verfilmung geben
Wieder unter Regie von Leander Haußmann? So etwas sollte man nicht als ungelegtes Ei in die Welt setzen.
Mit Leander Haussmann haben Sie und Element Of Crime gerade zum dritten Mal zusammengearbeitet. Wir haben ein paar Songs für seinen neuen Film, „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“,
geschrieben. Das hat Spaß gemacht und uns wieder in das Songschreiben reingebracht. Nach
einer längeren Pause mit so etwas einzusteigen, macht es  einfacher, weil man direkt ein Thema hat. Außerdem schreiben wir an neuen Songs, im Herbst 2009 soll eine Platte erscheinen.
Werden Sie noch einmal einen Roman schreiben? Ich habe keine konkreten Pläne. Man muss sich dafür auch erst einmal ein ganzes Jahr frei nehmen. Selbst wenn ich eine richtig gute Idee hätte, müsste das bis 2010 warten. Die nächste Zeit gehört erst mal der Band. Nach Veröffentlichung der Platte 2009 wird es auch eine Tour geben. Bei der Frank-Lehmann-Trilogie war es so: Ich hatte mir nicht einen Roman vorgenommen, sondern gleich drei. Im Moment bin ich ganz froh, dass ich alles ein bisschen auf mich zukommen lassen kann und nicht jetzt schon weiß: „Übernächstes Jahr mache ich das und das.“ Ich bin schließlich nicht Rockmusiker geworden, um am Ende mehr zu arbeiten als alle anderen – und vor allem will ich nicht immer schon alles verplant haben.    

Sven Regener „Der kleine Bruder“ erscheint am
1. September bei Eichborn Berlin, 304 Seiten, 19,95 Euro,
als Hörbuch (5 CDs, 5 Stunden, 24 Min) bei  
ROOF Music / tacheles! für 24,95 Euro


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