Lesen und lesen lassen: Operation Helene


Wenn Teenies zu Erwachsenen werden: Helene Hegemann feiert Geburtstag Foto: William Minke
Lydia Brakebusch
kommentieren

Ich bin 30 Jahre alt und momentan zu nichts anderem mehr in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit mir zu tun haben. Ich bin in Berlin. Es geht um meinen Hegemann-Artikel.1 Alles begann vor zwei Monaten: Im Postfach des Literaturredakteurs liegt ein pechschwarzes Buch, bedruckt mit grellweißen Lettern und einem rosa Lurchviech. „Ich hasse es“, sagt der Kollege Tage später. „Aber es wird wichtig werden.“ So trat Helene in mein Leben.
Als ich am selben Abend das pechschwarze Buch zuklappe und die Nachttischlampe ausknipse, bin ich verwirrt. Ich denke: Helene, ich halte dich für jemanden, der Aufmerksamkeit erregen will mit Extremen.2 Aber irgendwie beeindruckt mich dieses Buch. Es gibt eine Form von Lebensgefühl, die eignet sich nicht als Gegenstand einer Betthupferl-Lektüre – okay. Früher war das dann wenigstens schön pubertär hingerotzt und jetzt ist es angestrengte Literatur3 – okay. Aber diese Sprache hat eine bedingungs- und erbarmungslose Kraft, die fesselt. Wenn es nicht so überdreht klänge, könnte man es vielleicht so ausdrücken: Diese Frau spielt auf der Klaviatur der Elemente wie eine Gazelle mit Panzerfaust4. Das hier ist rabiat, dieses unrhythmische Trommeln, scheiße5. Irritierend und vor allem neu. Ja, neu. Und das ist das Schlimme. Damit geht alles los.
Kurz darauf, am 18. Januar, ist man beim „Spiegel“ so juckig geworden, dass es kein Halten mehr gibt: Die Sperrfrist wird gebrochen, vor Erscheinen des Buches huldigt Tobias Rapp dem „Wunderkind der Bohème“, die erste kleine Erschütterung, die immer mehr Wellen schlägt – bis schließlich ein Tsunami durch die Feuilletons brettert, der seinesgleichen sucht.
Jeden Tag brechen neue Meldungen und Meinungen über mich herein. Mein eigener Standpunkt und mein hysterisches Umfeld überblenden sich gegenseitig.6 Wie mich das alles ankotzt, diese Erwachsenenschwadroniererei7 in den Feuilletons. Diese Familie ist ein Haufen von in irgendeiner frühkindlichen Allmachtsphase steckengebliebenen Personen mit  Selbstdarstellungssucht.8 „Große, unvergessliche Literatur“ schreibt Maxim Biller, und dass er gerne mal den Vater für „Axolotl Roadkills“ kaputte Protagonistin Mifti spielen würde, wenn er nicht immer so sehr mit sich selbst beschäftigt wäre. „Literarischer Kugelblitz“ steht in der „Zeit“, „Der Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ in der „FAZ“, „herrlich sprachgewandt“ in der „Welt“ – Fräuleinwunder, Wunderkind, Kindsfräulein, Wunder über Wunder… Und dann die zweite Eruption, der zweite Tsunami. Das Fräuleinwunder hat abgeschrieben, alles ist entsetzt, das Fräulein wundert sich: „Originalität gibt es nicht, nur Echtheit“.
In der Redaktion wächst die Unsicherheit: Kommen wir zu spät mit unserer Lesung und dem dazu geplanten Artikel? Kann man das jetzt noch bringen? Anpassung, denke ich, Anpassung muss vollzogen werden9. Staub ist der einzige Dreck, der uns etwas anhaben kann10. Gleichzeitig wachsen Angst und Überdruss: Jeden Tag schicken Kollegen Links oder legen Artikel auf meinem Tisch ab. „Das könnte interessant für dich sein. Iris Radisch entlarvt die männliche Dominanz im Kulturbetrieb am Beispiel Hegemann.“ Ich hebe dann kurz den Kopf, der eben noch über den Artikel „Blogger entlarvt Fräuleinwunder“ gebeugt war, und meine Haare hängen mir ins Gesicht – die Mimikry hat eingesetzt. Nur noch die Nase lugt mit schon stark gebremster Neugier durch den Hegemannschn Haarvorhang: „Radisch? Ja, arschgeil, echt.“ Mein Mund verzieht sich zu einem debilen Breitmaullurch-Grinsen, mein Teint hat eine grellrosa Färbung angenommen. Wahnsinn macht sich breit.
Ich muss mich dringend in irgendeinem schusssicheren Vorratsschrank verbarrikadieren!11 Diese Recherchebedingungen sind alles andere als ideal. Ideal ist ein Zustand, in dem man einfach nur so auf Adrenalin durch die Scheiße segelt12im Moment aber wird mir eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist13. Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde14: Rezensionen, theoretische Abhandlungen, Harald Schmidt-Show. Alle Buchstaben und Gesichter verschwimmen zu einer klebrigen Mousse. Wo ordne ich mich da ein? Inzwischen sind wir bei Theorien über das Plagiat und über Genderfragen im Kulturbetrieb. Was kommt als nächstes: Zoologische Abhandlungen über das Axolotl? Ursprünglich ging es doch mal um dieses pechschwarze Buch, das ich ganz gerne gelesen habe. Ich muss mir vorstellen, und das ist grauenhaft, dass ich gezwungen werde, etwas zu empfinden, was ich nicht kenne15. Der Erwartungsdruck innerhalb der Redaktion steigt mit jedem neuen „Zeit“-„FAZ“-„SZ“-Artikel. Jeder in meine Richtung abgeschossene Blick verwandelt sich in einen Pfeil, der mich trifft und den ich vor lauter Paranoia, anstatt ihn rauszuziehen, so tief in meinen Körper reinbohre, dass ihn niemand mehr sehen kann.16 Ich stürze mich wieder in die Recherchen, der Stapel von Geistesergüssen aus den Feuilletons auf meinem Tisch wächst unaufhörlich mit jedem Tag. Als ich an mir heruntergucke, stelle ich fest, dass ich seit schätzungsweise vier Tagen ohne Unterbrechung einen Wollpulli mit Eichhörnchen-Applikationen trage.17 Meine Hautanhangsgebilde sind zu ineinander verkrusteten Ekzemen geworden und meine Wimpern brechen ab.18 Entweder ich überlebe das und kann ab morgen beschließen, nie wieder den Feuilleton zu lesen, ich werde mir das auf einen Zettel schreiben: DAS ZEUG IST NICHT GUT FÜR DICH! Und danach drei Wochen einen Sexkino Idyllenzeitraum veranstalten, abwechselnd Pornos und Spaghetti Sorrentina und Erziehungsratgeber. Oder aber: Ich sterbe jetzt.19 Ich entscheide mich für ersteres, denn Rettung naht: Das seit Monaten vereinbarte Treffen mit der heiligen Helene steht an, im „Kayser Soze“ wird sie mir Audienz gewähren. Doch die Wellen schlagen immer höher, Harald Schmidt gibt sich ungnädig („Ich glaube, du wirst einen Bambi kriegen“), am selben Tag macht die „FAZ“ den Sack zu: „Xolotl Toadkill“, sagt Thomas Steinfeld, wurde geschrieben von einem ‚naseweisen, vielleicht etwas altklugen Teenager, der im Kulturbetrieb etwas erreichen will’ – schwapp, noch eine Welle, Helene taucht ab.
Ich wage mich vor mit einer SMS: bleibt es bei unserem treffen? lg … keine Reaktion. Dann der Anruf von der Agentin: Haben Sie was von Helene gehört? Mein Puls steigt. Mein Umfeld bekommt buchstäblich Risse.20 Ich habe mich zum wiederholten Mal auf eine Verabredung an einem Ort der absoluten, opportunistischen Hemmungslosigkeit eingelassen.21 Kayser Soze! Als Kenner des Films „Die üblichen Verdächtigen“ hätte ich wissen müssen, das kann nur schiefgehen. Die Ahnung wird zur Gewissheit per Mail: Liebe Frau Brakebusch, Helene Hegemann möchte den Termin heute nicht wahrnehmen und sagt ab. Nochmals vielen Dank für Ihr Verständnis, herzlich! Mein Blick schweift vom Bildschirm zum Stapel von Artikeln, der an diesem Tag wieder um ein Dreifaches gewachsen ist, und dann zurück auf den Bildschirmen wo sich gerade ein neuer Hegemann-Kommentar auf der Seite des „Tagesspiegel“ öffnet. Darunter ein Beitrag von „Matzimaus“: Sollte man mittlerweile nicht jeden Artikel über dieses Buch oder diese Person mit dem Vermerk „Anzeige“ versehen? „Und? Weißt du schon, was du über die Hegemann schreibst? Also ich will nicht mit dir tauschen …“, ruft eine Kollegin vom Nebentisch. Ich senke den Kopf, ziehe den Haarvorhang zu und zähle leise bis 5.
1
2
3
4
5
22
HE – GE – MANN schreibe ich auf ein leeres Blatt Papier und starre auf die Spitze meines Kugelschreibers. Wann wird diese Frau endlich so uninteressant, dass man wieder etwas Neues über sie erfinden kann? LIEBER GOTT, ICH VERLANGE JA NICHT, DASS SIE AUF IHRE UNDURCHSICHTIGKEIT VERZICHTET, ICH VERLANGE NUR EIN GANZ, GANZ KLEINES STÜCKCHEN FREIHEIT!!!!!!23 Man kann ihr ja leider keine Gewalt antun. Sie schweigt. Ich höre ausschließlich auf ihr Schweigen, ich sage ihr, dass ich bluten muss, ich lerne aus all ihren Schwächen und folge ihr überall hin. Sie löscht die Neugierde. Sie tötet sie gerade.24 Trotzdem gehe ich zur Book-Release-18. Geburtstags-Party in den Tresor. Vielleicht sehe ich da etwas, was allen anderen entgeht, denke ich, was so noch nie zu lesen war.
Der Tresor ist nur mäßig voll. Es gäbe genügend Freiraum, um auf der simulierten Tanzfläche unkoordiniert abzuspasten, aber es sind zu viele verzerrte Menschen anwesend, die die Party am heutigen Abend auch ohne speziellen Fetisch erkunden dürfen25. Ein 18. Geburtstag im Kreise von PR-Heinis, Medien-Tussis und Mode-Fritzen, hoffentlich, Helene, sind auch ein paar Freunde dabei … Ich trinke Wodka Redbull auf einer Sitzfläche aus Stahl und bewege mich nicht vom Fleck26, gebannt von der Wolke aus diffuser Kastenbrillen-Wichtigkeit, die unter den hohen Decken wabert. Obwohl ich als aufgeklärter Mensch die Hölle lange Zeit als machtpolitisches Instrument gedeutet habe, glaube ich jetzt an sie.27 Die letzte Hoffnung stirbt. Auch diese Party ist keine Inspiration für meinen Artikel: Alle großen Zeitungen haben am nächsten Tag selbst zu diesem vollkommen nichtigen Ereignis eine Meinung, eine ausdifferenzierte, fundierte. Aber das ist ja egal, Hauptsache irgendjemand macht sich überhaupt noch Gedanken, ob über die Bandscheibe des Waschbärs oder über Medea.28
Ich sitze also über diesem neuen Stapel von Artikeln zu Hause und warte. Darauf, dass ich einschlafe, dass ich wahnsinnig werde, dass ich wieder aufstehe und in die Küche gehe, um mich dort auf dem Fensterbrett in eine kolumbianische Schwarznabenkröte zu verwandeln29. Und als nichts davon passiert nehme ich mir den Stapel von Artikeln vor. Ich esse ihn auf, Blatt für Blatt, bis nichts mehr übrig ist. Ich habe ein Promille Druckerschwärze im überhitzten Blut30. Du bist inzwischen kein Kind mehr, sondern ein Abbild des Teufels, Helene. Ich bete zu Gott, dass mir irgendetwas Neues einfällt, was ich über dich sagen könnte. Aber ich glaube nicht, dass das noch geht.31
Ich setze mich hin, schreibe das hier und gebe es am nächsten Tag dem Redakteur. Alles, was ich geschrieben habe, hat er jetzt in den Händen, und ich habe das Gefühl gar nicht mehr vorhanden zu sein. Ich mache die Augen zu, und als ich mich um meine eigene Achse drehe, löse ich mich plötzlich als wolkenartige Hülle von meinem Körper, keine Ahnung, wie das jetzt plötzlich kommt…32 Die Haare fallen mir nicht mehr ins Gesicht, der axolotlrosa Teint beginnt zu verblassen, ich bin frei.
Ich persönlich würde mich freuen, wenn Sie als Leserschaft in diesen geschilderten Ereignissen etwas Brauchbares finden, das über das Individual-Psychologische der Autorin hinausgeht33.

 

Leider hat Helene Hegemann abgesagt. Dafür liest im zitty-„Sonderzug nach Leipzig“ nun der Autor Anselm Neft, Fachmann für komische Literatur. Kürzlich führte er im Fieberwahn ein Hegemann-Interview. Außerdem sind Teile von „Axolotl Roadkill“ aus seinem Buch „Die Lebern der Anderen“ (Ullstein, Berlin 2010. 222 S., 7,95 Euro) geborgt. Aber das ist okay.

1 vgl. S.24, 2 vgl. S.30, 3 vgl. S.9, 4 vgl. S.49, 5 vgl. S.9, 6 vgl. S.35, 7 S.22, 8 vgl. S.12, 9 S.123, 10 S.119, 11 S.136, 12 S.132, 13 vgl. S.49, 14 S.15, 15 S.202,
16 S.164, 17 S.155, 18 S.10, 19 S.165, 20 S.45, 21 vgl. S.23, 22 vgl. S.125, 23 S.167, 24 S.202, 25 vgl. S.57, 26 vgl. S.57, 27 S.59, 28 S.68, 29 S.138, 30 vgl. S.23,
31 vgl. S.204, 32 vgl. S.190, 33 vgl. S.51


Leser:
  • Currently 0/5 Stars
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Kommentare

bald gibt's Helene auch bei uns:



http://www.artiberlin.de

ARTiBerlin   14.04.2010 11:14 Uhr

Kompliment

Kompliment - wirklich toller Artikel! Klasse Idee, das geplatzte Interview und den Plagiatsskandal auf diese Art und Weise zu karikieren/konterkarieren. Von solchen Texten würde man gern mehr lesen!

Da Hegemann ja wohl keine Lesungen mehr macht: in "Deutschland 09" ( http://www.moviepilot.de/movies/deutschland-09 ) kann man sie als Schauspielerin sehen, den Film gibt's inzwischen auch auf DVD.

Forrestel   22.03.2010 11:30 Uhr

Ihr Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.